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Bürgermeister Thomas Benz sieht Allendorf in Sachen Corona auf einem guten Weg.

»Zusammenhalt ist stärker geworden«

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Seit 2017 ist Thomas Benz (FW) Bürgermeister der kleinsten Kreiskommune Allendorf (Lumda). Im Interview äußert er sich zum Corona-Krisenmanagement, zu seiner bisherigen Bilanz im Amt und zu den Perspektiven für den Nikelsmarkt.

Herr Benz, im Vergleich zu vielen anderen Kommunen waren die Corona-Inzidenzwerte in Allendorf meist niedrig. Anfang Januar wurde erstmals die Null erreicht. Wie erklären Sie sich das?

Als der Wert veröffentlicht wurde, rief mich FFH an, der HR, RTL und ein Sender aus Bayern. Wir waren wohl hessenweit die erste Kommune mit einer Inzidenz von null. Das ist natürlich zum Teil auch Zufall. Ich habe aber immer dazu aufgerufen, Kontakte zu reduzieren, habe das auch selbst getan. Meinen Vater habe ich das letzte Mal im Juli gesehen, er wohnt in Darmstadt. In einer kleinen Kommune wie Allendorf hilft man sich und schaut aufeinander. Das hat vielleicht auch eine Rolle gespielt, weil gerade ältere Menschen gut versorgt wurden und zu Hause geblieben sind. Und wir hatten wohl auch keine Hotspots, wie es sie anderswo gibt.

Waren Sie in den vergangenen Monaten froh, dass Allendorf kein Pflegeheim hat?

Das ist Fluch und Segen. Ich hätte gern eins, aber hätten wir eins gehabt - wer weiß, wie es ausgegangen wäre. Es ist leicht, dann auf Lollar oder andere Kommunen mit dem Finger zu zeigen. Aber die Ausbrüche in Heimen sind ja nicht mit Absicht geschehen. Und nicht umsonst ist den Menschen ein Besuchsverbot auferlegt worden, auch wenn es noch so schwerfällt.

Wie beurteilen Sie die Corona-Lage in der Stadt zurzeit?

Sehr geholfen haben uns die Impflotsen des Landkreises. Gerade für ältere Menschen haben die einen richtig guten Job gemacht. Und ganz wichtig ist auch das Testcenter im Bürgerhaus. Ich habe eigentlich damit gerechnet, dass durch die Testungen die Inzidenz nun höher wird, weil mehr Infektionen nachgewiesen werden. Das ist aber nicht der Fall. Da sind wir auf einem ganz guten Weg.

Als es Anfang 2020 erste Meldungen über Infizierte in China gab, schien das noch sehr weit weg. Wie haben Sie das erlebt?

Wir hatten eine Bürgermeister-Dienstversammlung mit der Landrätin in Gießen, als es in China losging. Am Anfang habe ich es nicht sehr ernst genommen. Ich dachte: Das entwickelt sich nicht zu so einer Pandemie. In zwei Wochen ist das rum, die kriegen das irgendwie in den Griff - und dann ist es völlig aus dem Ruder gelaufen. Man konnte es nicht absehen.

Wie hat sich die Pandemie auf den Zusammenhalt in Allendorf ausgewirkt?

Was ich als positiv erachte - und so sind die Allendorfer halt: Wir haben einen Aufruf gemacht, dass man älteren Nachbarn, die das Haus möglichst nicht verlassen sollen, hilft. Ich hatte das kaum bei Facebook gepostet, da haben sich sofort zwei Schülerinnen gemeldet: Wenn wir einkaufen sollen - egal in welchem Ortsteil - sind wir zur Hilfe bereit. Weitere sind dann gefolgt. Es hat mich enorm beeindruckt, dass sich gerade Jüngere für die Älteren so einsetzen. Das zeigt, wie Allendorf zusammengehalten hat. Ich denke, das ist eher noch stärker geworden.

Im Oktober mussten Sie in Quarantäne. Wie hat sich das angefühlt?

Da wirst du wahnsinnig! Jeder wusste es, ich hatte sofort die Presse informiert, bevor Gerüchte aufkommen. Weil ich auch im Fokus stehe, habe ich dann überlegt: Wann bringe ich den Müll raus? Mähe ich heute den Rasen oder lieber nicht, wenn hinter dem Haus Leute vorbeilaufen? Solche Gedanken macht man sich dann. Nach dem dritten Tag fängt es an zu nerven. Und dann zu wissen, dass es noch tagelang weitergeht, man nichts tun kann - das war schon nervig.

Der Eindruck ist, dass Sie relativ schnell nach Beginn der Pandemie einen sehr vorsichtigen Kurs gefahren sind. Sie waren teils selbst im Homeoffice, haben Kontakte minimiert. Haben Sie das selbst auch so wahrgenommen?

Ja, man muss sich da schon selbst disziplinieren. Als es im März 2020 aus dem Ruder gelaufen ist, haben wir überlegt: Wie geht man jetzt weiter vor? Dann ging es los: Spuckschutz fürs Bürgerbüro, Spender für Desinfektionsmittel, Kontaktverbot, Maskenpflicht und, und, und. Wir haben es schon sehr, sehr ernst genommen. Du hast eine Verantwortung anderen gegenüber, das habe ich immer versucht, vorzuleben. Und wenn sich letztes Jahr jeder mehr daran gehalten hätte, wären wir vielleicht schon etwas weiter. Wir sind jetzt Teil einer Studie.

Wie meinen Sie das?

Von unseren Erfahrungen profitieren bei der nächsten Pandemie, die hoffentlich nicht so schnell kommt, viele andere. Natürlich wurden auf vielen Ebenen Fehler gemacht, aber das macht doch keiner extra! Ich finde, da muss man auch nicht alles infrage stellen. Und ich denke, dass wir im Kreis insgesamt einen super Job gemacht haben. Da gab es auch bei den Bürgermeistern keine Ausreißer, im Gegenteil. Wir haben uns viel abgesprochen, gerade unter den Nordkreis-Kollegen.

Sie sind seit 2017 im Amt, haben damals eher überraschend gegen Amtsinhaberin Annette Bergen-Krause gewonnen. Was hat aus Ihrer Sicht bisher gut hingehauen?

Ich war gerade gewählt und es war Kirmes - wenn ich da ein Dienstsiegel und Formulare dabeigehabt hätte, hätte ich direkt 30 Bauplätze verkaufen können. Die große Nachfrage war für mich Antrieb, das zu forcieren. Wir haben die »Hege II« auf den Weg gebracht, schaffen bezahlbaren Wohnraum. Damit einhergehend haben wir uns im Bauamt neu aufgestellt. Ich kam her und hatte einen Bauamtsleiter - das hat nicht funktioniert. Dann haben wir einen neuen eingestellt.

…mit dem es anscheinend auch nicht funktioniert hat?

Ja, da sich dies in der Probezeit abgezeichnet hat, wurde das Arbeitsverhältnis vor Ablauf der Probezeit vonseiten der Stadt beendet. Dann hat sich Neues entwickelt: Unser Interims-Bauamtsleiter Dieter Hilbert macht es mit viel Herzblut und unterstützt mich enorm. Wir denken in die gleiche Richtung.

Inwiefern?

Zum Beispiel wenn ich sage: Wir müssen mal sehen, dass wir ein paar Bauplätze ausweisen. dann sagt er: Jawoll, das machen wir jetzt. Dann gehen wir das an. Das haben wir dann nicht morgen oder übermorgen getan, sondern sofort.

Im Parlament bemängeln auch Sie nicht selten, dass es an Landeszuweisungen mangle. Andere Kommunen scheinen es aber besser hinzubekommen, sich gezielt um Fördermittel für größere Projekte zu bewerben. Ist das ein Manko in Allendorf?

Nein, das stimmt so nicht. Wenn ich eine Fraktion habe, die mir dreimal hintereinander den Haushalt ablehnt und mir dann Perspektivlosigkeit vorwirft, dann kostet mich das ein müdes Lächeln. Alles, was ich hier anpacke, baue, umbaue, verändere - da muss ich ja Fördermittel abrufen. Nehmen wir den Kindergarten in der Kernstadt: Den haben wir erst um-, dann angebaut, das funktioniert ja ohne Fördermittel gar nicht.

Aber da geht es um Bestandserhaltung, um eine Pflichtaufgabe.

Das kann ich auf jeden Bereich projizieren. Außerdem darf man nicht vergessen: Jede Förderung verlangt auch das Einbringen von eigenen Mitteln.

Schauen wir auf Themen, die in vielen Kommunen eine Rolle spielen. Beispiel Klimaschutzmanager, da hat Allendorf noch immer niemanden gefunden.

Wir haben aber ausgeschrieben und werden auch jemanden einstellen.

Befürchten Sie, zu spät zu kommen, weil fähige Kandidatinnen und Kandidaten jetzt schon andernorts eingestellt wurden?

Vielleicht muss man andere Wege beschreiten, die Kanäle etwas erweitern. Vielleicht haben wir an der falschen Stelle gesucht. Aber da sind wir dran. Eventuell sind wir auch im Nachteil, da es sich in Allendorf nicht um eine volle Stelle handelt.

Ein weiteres Beispiel: Der Gesellschaft für sozialen Wohnungsbau (SWS) ist Allendorf nun als eine der letzten Kreiskommunen doch beigetreten. Immer mal wieder entsteht der Eindruck, dass Allendorf hinterherhinkt. Können Sie das nachvollziehen?

Ich kann den Eindruck verstehen, aber manchmal ist es auch so, dass die einzuhaltenden Abläufe uns da etwas lähmen. Auf manche Dinge musst du länger warten, als wenn du in der freien Wirtschaft bist.

Haben Sie sich manches einfacher vorgestellt?

Ja: Umsetzungen, Fristen, Voraussetzungen, die du erfüllen, Dinge, die du hinterfragen musst. Man muss an vieles denken, das ein Außenstehender nicht sieht.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir die Umgestaltung des Nouvion-Platzes: Es gab einen Wettbewerb, dann hat ein Bewerber gewonnen, damals habe ich noch als Stadtverordnetenvorsteher den Preis überreicht. Und dann denken die Leute: In drei Wochen geht es los. Aber so ist es ja nicht. Man muss an den Denkmalschutz denken: Was darf ich entfernen? Wie und mit welchem Material darf ich umgestalten? Der Plan war, den neu gestalteten Platz zur 650-Jahr-Feier einzuweihen, die hätte letztes Jahr stattfinden sollen. Im Moment warten wir auf einen Förderbescheid für die Umgestaltung.

Neuerdings begegnen Sie in der Stadtverordnetenversammlung auch Ihrer Amtsvorgängerin, die nun die SPD-Fraktion führt. Eine eher ungewöhnliche Situation. Wie empfinden Sie das?

Das ist schon merkwürdig, aber weiter möchte ich mich dazu nicht äußern.

Zum Schluss ein Thema, das viele Allendorfer interessieren dürfte: Vergangenes Jahr musste ausgerechnet der 650. Nikelsmarkt wegen Corona ausfallen. Gehen Sie aktuell davon aus, dass die Marktwoche Anfang November 2021 stattfinden wird?

Eine Nikelsmarktwoche, bei der ich zu Veranstaltungen wie dem Heimatabend nur manche Leute einladen könnte, wird nicht stattfinden. Ich werde auf keinen Fall aussortieren. Wir wissen nicht, wie das Hygienekonzept dann aussehen müsste. Stand heute dürften wir nur Leute reinlassen, die genesen, vollständig geimpft oder negativ getestet sind. Es müssten Abstände eingehalten werden, was die Besucherzahl sehr einschränken würde. Es müsste dann eine Art Einlasskontrolle geben - ich glaube nicht, dass das bei der Durchführung eines Marktes realistisch ist. Aber natürlich würde ich mir wünschen, dass wir bis dahin alle durchgeimpft sind.

Also eher kein Nikelsmarkt 2021?

Wir haben schon Bewerbungen von Marktbeschickern. Wie im vergangenen Jahr planen wir erst mal so, als würde der Markt stattfinden. Aber ich habe keine Glaskugel. Und ich habe auch keine Lust, mit 1,5 Meter Abstand am Bierstand zu stehen. Wir warten ab, aber einen Nikelsmarkt unter Corona-Bedingungen kann ich mir nicht vorstellen. Wenn, dann richtig!

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