+
Wie gewinnt man Jugendliche für die Kommunalpolitik? Vielleicht im Gespräch? Reiskirchener Parlamentarier besuchen Neuntklässler an der Gesamtschule Busecker Tal. (Archivfoto: jwr)

Die Zukunft der Demokratie

  • schließen

Junge Leute in der Kommunalpolitik sind rar. Die Vorsitzenden der Stadt- und Gemeindeparlamente wollen das nicht so einfach hinnehmen.

Das Bild ist überall das gleiche: Wenn Kommunalparlamente beraten, sitzen auf den Fraktionsbänken überwiegend Menschen, die die Lebensmitte überschritten haben. Junge Leute unter 30 kann man fast überall mit der Lupe suchen. Die Parlamentsvorsitzenden aus Stadt und Kreis wollen diese Entwicklung nicht einfach so hinnehmen. "Wir wollen junge Leute für Politik begeistern", sagt Frank Schmidt, der Vorsitzende der Gießener Stadtverordnetenversammlung. Aber wie könnte das gehen? Darüber beratschlagten Schmidt und seine Kollegen aus dem Kreis nun bei einem Treffen im Dorftreff von Lindenstruth. Zwei Vorbilder gibt es bereits. Die Gemeindevertretung Reiskirchen hat in diesem Jahr gemeinsam mit der Integrierten Gesamtschule Busecker Tal einen Austausch initiiert, in Gießen organisiert der Deutsche Kinderschutzbund das Partizipationsprojekt "Jugend im Rathaus".

Wann kommen junge Leute mit Kommunalpolitik in Berührung? "Wenn die Kindergartenkinder den Bürgermeister besuchen", sagt Michael Seipp-Wallwaey, der Vorsitzende der Reiskirchener Gemeindevertretung, etwas überspitzt. Die Kenntnis kommunalpolitischer Zusammenhänge sei selbst bei gebildeten Menschen nicht immer gegeben. Seipp-Wallwaey findet das schade. "In der Schule lernt man etwas über die Bundes- oder Landespolitik. Aber das Naheliegende, das alle betrifft, kommt zu kurz." Deshalb hatte der Reiskirchener gemeinsam mit Lehrerin Nicole Gärtner im vergangenen Schuljahr einen Austausch initiiert. Die Klasse 9e besuchte eine Sitzung der Reiskirchener Gemeindevertretung, im Gegenzug ließen sich Mitglieder der vier Fraktionen an einem Vormittag im Unterricht von den Jugendlichen ausfragen. "Das kam sehr gut an. Keiner hat sich gelangweilt", resümiert Schülerin Lilly Reuß, die an dem Projekt teilgenommen hat. Seipp-Wallwaey und Gärtner hoffen, dass es keine Eintagsfliege bleibt. Die Lehrerin hat einen Konzeptentwurf vorgelegt, der Inhalte des Lehrplans vom 5. bis 10. Schuljahr mit außerschulischen Anknüpfungspunkten verbindet. Seipp-Wallwaey steht mit seinen Kollegen aus Buseck und Fernwald in Kontakt. Er würde gerne Kommunalpolitiker auch aus diesen beiden Gemeinden für Unterrichtsprojekte mit ins Boot holen, schließlich wird die IGS Busecker Tal auch von Jugendlichen aus Buseck und Fernwald besucht.

Auch aus Gießen holten sich die versammelten Parlamentsvorsteher interessante Anregungen. Hier holt der Kinderschutzbund im Auftrag der Stadt Schülergruppen für jeweils einen Tag ins Rathaus. Kernstück ist dabei eine interaktive Rallye durch die Stadtverwaltung, bei der ein konkretes Vorhaben - zum Beispiel ein Stangenpark fürs Street Workout - vorangetrieben werden soll, von der Beantragung im Parlament bis zur Bearbeitung in den verschiedenen Ämtern. So sollen kommunalpolitische Zusammenhänge und Entscheidungswege deutlich werden.

Auch in Gießen legt man großen Wert aufs Gespräch zwischen Jugendlichen und Kommunalpolitikern. "Der direkte Kontakt ist durch nichts zu ersetzen", sagt Projektleiterin Simone Wingen. Sie hat nicht zuletzt sehr positive Rückmeldungen aus den Fraktionen erhalten. "Die Politiker finden den Dialog und die Perspektive der Jugendlichen bereichernd", sagt sie. Zweimal hat "Jugend im Rathaus" bislang stattgefunden, und beim zweiten Durchlauf ist Wingen ein interessanter Aspekt aufgefallen: die sprachliche Annäherung der Beteiligten. "Das ist ja ganz wichtig: Dass man miteinander reden kann." Bei manchen Jugendlichen sei der Tag im Rathaus auf so fruchtbaren Boden gefallen, dass sie sich am Ende erkundigten, ob sie nicht in einer Agenda-Gruppe zum Klimaschutz mitarbeiten können. An der IGS Busecker Tal waren die Effekte weniger handgreiflich. Auf die abschließende Frage, wer nun Kommunalpolitiker werden wolle, ging kein einziger Finger hoch, erzählt Nicole Gärtner.

Aber die Vorsitzenden der Städte- und Gemeindevertretungen wollen nicht locker lassen. "Wir haben gesehen, wo es Anknüpfungspunkte gibt", sagt ihr Sprecher Frank Schmidt. Das Treffen in Lindenstruth sei erst ein Anfang gewesen. Im kommenden Jahr wolle man das Thema erneut auf die Tagesordnung setzen. Zwei Aspekte erscheinen dem Gießener wichtig: Projekte zur Beteiligung Jugendlicher erstens zu implementieren und sie zweitens zu verstetigen. Der Landkreis mit seiner Initiative "Jugendgerechte Städte und Gemeinden" könne dabei hilfreich sein. In einem Punkt waren sich alle einig: Die Lokalpolitik insbesondere in ländlichen Regionen braucht Nachwuchs. Denn, so sagt es Norbert Weigelt, der Parlamentsvorsteher aus Buseck: "Wenn die jungen Leute abwandern, gibt es in den Kommunen keine Demokratie mehr."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare