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Zuckersüß: In die Schultüten-Kreationen wird heute oft viel Geld gesteckt und auch der Inhalt kostet wesentlich mehr als früher. Wenn in dieser Woche die neuen Abc-Schützen eingeschult werden, hat der Handel bereits reichlich an ihnen verdient. (Symbolfoto: dpa )

Einschulung

Zuckertüte? Hype um Einschulung erreicht neue Dimension

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2150 Erstklässler werden in diesen Tagen im Landkreis eingeschult. Für die Eltern ist der neue Lebensabschnitt ihrer Kinder nicht nur mit viel Spannung und Freude verbunden, sondern auch mit Kosten.

Farbkästen, Wasserboxen, Scheren. Blei-, Bunt-, Filz- oder Wachsmalstifte. Hefte in unterschiedlichen Formaten und Ausführungen sowie die dazugehörigen Schoner in einer Vielzahl von Farben. Ordnungssysteme. Ob Discounter, Einkaufsmarkt oder Drogerie - seit Wochen machen die Händler Werbung mit dem, was zum Schulstart dazugehört. Das allerdings geht häufig weit über das Notwendige hinaus. Denn mit dem großen Tag der Abc-Schützen lässt sich mittlerweile ordentlich Geld verdienen.

Rückblick: Januar 2019, die Weihnachtsferien sind gerade vorbei, der erste Schultag noch weit weg. In mehreren Kindertagesstätten im Landkreis liegen Flyer in den Fächern der "Großen", auf denen zur Schulranzen-Party eingeladen wird. Im Spiel- und Babyland Kämmer in Merlau (Mücke), einem der größten Händler für Schulranzen in der Region. 1000 Exemplare fünf verschiedener Hersteller hat Firmenchef Michael Kämmer auf Lager, seine Kunden kommen wegen des großen Angebotes sogar aus dem Frankfurter Raum in den Vogelsberg.

Zuckertüte zur Einschulung: Berater für perfekten Schulranzen

Den Müttern und Vätern stehen an diesen Tagen spezielle Berater der jeweiligen Herstellerfirmen Rede und Antwort. Schließlich wollen Eltern die perfekte Schultasche für ihren Nachwuchs. Möglichst klein soll sie sein, aber mit viel Stauraum. Ergonomisch geformt und nicht zu schwer, auf jeden Fall schadstofffrei und bitte schön anzusehen. Die Hersteller haben längst auf die Ansprüche reagiert. Die hochwertigen "Tornister" sind heute meist höhenverstellbar und mit Beckengurt ausgestattet. Rücken- und Schulterpolsterung für ein bequemes Tragen gehören zum Standard, ebenso ausreichende Reflektoren. Doch all das kostet: Rund 250 Euro muss man für ein Set aus Ranzen, bestücktem Federmäppchen Schlamperrolle und Sporttasche/-beutel anlegen.

Ein ordentliches Sümmchen, wenn man bedenkt, dass die Tasche noch befüllt werden muss. Anderthalb DIN-A4-Seiten lang ist mitunter die Liste an Materialien, die von den Eltern der Erstklässler gekauft werden müssen: Filzstifte mit breiter und schmaler Malspitze, dicke Buntstifte mit speziellem Griffbereich, Wachsmalstifte, Zeichenblöcke, Wasserfarbkasten, Pinsel, Hefte, Ordner, und, und, und. Kosten: knapp 60 Euro. Dazu kommen Bücher und andere Dinge, die von der Schule besorgt werden sowie Kleidung und Schuhe für den Sportunterricht. Gut, dass so viele Märkte schon vor den Sommerferien mit Angeboten aufwarten. Denn das Ende der finanziellen Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht.

Stichwort Schultüte: Seit Jahren stehen selbstgenähte Modelle hoch im Kurs, möglichst individuell gestaltet sollen sie sein, um die Besonderheit des Tages zu unterstreichen. Und auch hier muss tief in den Geldbeutel greifen, wer mit dem Handarbeiten auf Kriegsfuß steht. Mindestens 50 Euro werden im Internet für die zuckersüßen Eigenkreationen aufgerufen, in Connys Nähcafé in Heuchelheim bezahlen Eltern um die 80 Euro für ihr Wunsch-Exemplar.

Apropos Geschenke, die müssen ja auch noch gekauft werden. "Bei mir waren damals ein paar Süßigkeiten drin", erinnert sich Manfred Weller an seine Einschulung 1957. Die Tüte selbst bestand aus Pappe, war grün und glitzerte etwas. "Ich weiß noch, wie enttäuscht ich war, weil sie zum Teil mit Zeitung ausgestopft war", erzählt der Busecker. Nach dem Gottesdienst und den ersten Unterrichtsstunden ging es nach Hause. Party mit Familie und Freunden? Fehlanzeige! Das ist heute anders. In vielen Familien werden diefrisch gebackenen Erstklässler groß gefeiert, Einladungskarten verschickt und die Räumlichkeiten - zu Hause oder im Lokal - nicht nur hübsch dekoriert, sondern möglichst auch mottogerecht. Schließlich soll der erste Schultag etwas Besonderes sein.

Zuckertüte zur Einschulung: Was gehört rein?

Das zeigt sich auch am Inhalt der Schultüte. Bonbons und Schokoplätzchen haben mittlerweile teuren Spielsachen Platz gemacht. Mancher findet beim Auspacken sogar das erste Handy unter den Geschenken. "Früher kamen da neben Süßigkeiten vor allem Schulsachen wie Stifte, Spitzer, Radiergummi, Geld- oder Turnbeutel hinein", sagt Claudia Sharifi, Leiterin der Kindertagesstätte St. Elisabeth in Großen-Buseck. Der Aufwand, der von vielen Eltern heute rund um den Schuleintritt betrieben wird, erschreckt sie. "Die Spirale dreht sich immer weiter", sagt die 55-Jährige. Dabei müsse gar nicht alles bis ins Detail perfekt sein. Sharifi: "Man kann auch einen schönen ersten Schultag haben, ohne viel Geld auszugeben."

Vom kommerziellen Hype der vergangenen Jahre hält auch Manfred Weller nichts. Ein volles Haus bei Gottesdienst und Einschulungsfeier dagegen findet er wichtig. "Kinder müssen wissen, dass die Familie diesen Tag entsprechend würdigt", so Weller, der als ehemaliger Rektor der Steinbacher Grundschule über 27 Jahre die Entwicklung rund um den Schuleintritt hautnah mitbekommen hat. Dass Eltern den Anlass nutzen, um ihren Nachwuchs mit Geschenken zu überhäufen, findet er falsch. "Damit tut man den Kindern keinen Gefallen. Im Gegenteil, es lenkt von der eigentlichen Sache ab", so der 68-Jährige. Gut beraten ist also, wer sich vom Trubel nicht anstecken lässt und sich auf das Wesentliche besinnt. Weniger ist mehr, sozusagen.

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