»Mord ohne Leiche«

Zeuge bringt Richterin in Rage: »Ich werde täglich dümmer«

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
    schließen

Im Prozess um einen »Mord ohne Leiche« ist ein ehemaliger Zahnarzt als Zeuge geladen. Der 70-Jährige, der eine Haftstrafe absitzt, soll Auskunft über einen früheren Mithäftling geben

Freunde findet man an ganz unterschiedlichen Orten. Auch der Hof einer Haftanstalt kann ein solcher Ort sein. Beim Frische-Luft-Schnappen in der JVA Butzbach lernen sich im vergangenen Jahr der pensionierte Zahnarzt Dr. W. und der 30 Jahre jüngere Naturwissenschaftler Robert S. kennen. Man ist sich sympathisch, man hat gemeinsame Interessen. Schnell zieht S. den väterlichen Freund ins Vertrauen, zeigt ihm Unterlagen zu seinem Fall, spricht über die Beweislage und erklärt, warum er unschuldig sei. Später, im November 2020, Robert S. ist mittlerweile von Butzbach nach Gießen verlegt worden, kommt die Polizei auf den inhaftierten Zahnarzt zu und befragt ihn zu seinem einstigen Mithäftling. Dr. W. spricht frei von der Leber weg und offenbart Details über einen Mord auf einer Hofreite bei Hungen, die er nur von einem Beteiligten gehört haben kann.

Nun, zehn Monate später, will der 70-Jährige von all dem nichts mehr wissen. Als Zeuge vor der 5. Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts ließ er am Freitag nicht nur die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze einigermaßen fassungslos zurück: »Ich habe schon sehr viele Zeugen vernommen und noch nie jemanden erlebt, der so ausweicht wie Sie.«

Die Juristin versuchte, an das Gewissen des Mediziners zu appellieren. »Hier sitzen zwei Männer, die angeklagt sind, einen Mord begangen zu haben. Ihre Aussage ist wichtig.« Doch dieser Weckruf fand ebenso wenig Gehör wie die Hinweise von Staatsanwalt Thomas Hauburger und Nebenklage-Vertreter Alexander Hauer auf die möglichen Folgen einer Falschaussage. Der Ex-Zahnarzt blieb dabei: Er könne sich nicht erinnern.

Bei seiner polizeilichen Vernehmung zehn Monate zuvor war das anders. Da hatte er sich unter anderem zu der Sitzpositionen geäußert, die Robert S. und der zweite Angeklagte Olaf C. eingenommen hatten, als in einem Ford Fiesta die tödlichen Schüsse auf Daniel. M. fielen. Da war die Rede von Waffen und einer fehlgeschlagenen Entführung und davon, dass Robert S. seine Geschichte in unterschiedlichen Versionen erzählt habe. All das wies Dr. W. jetzt weit von sich. Auf dem Höhepunkt seiner Gedächtnislücken behauptete er, nicht einmal den Tatvorwurf zu kennen. »Irgendwas von Schüssen ist mir völlig neu.« Wie es denn zu seinen Angaben bei der Polizei gekommen sei, wollte die Richterin wissen. »Auch darauf habe ich keine Antwort.«

Zu Beginn seiner Zeugenaussage im externen Sitzungssaal am Stolzenmorgen hatte sich der Zeuge zu den Umständen seiner polizeilichen Vernehmung geäußert. Er sei sehr beunruhigt gewesen, als er in der JVA zu einer Befragung gerufen wurde. »Ich wusste ja nicht, worum es ging.« Den Weg durch die langen Flure beschrieb der Mann, der im Gefängnis sitzt, weil er sich an seiner kleinen Enkelin vergangen hat, als »Martyrium«. Erleichtert habe er dann zur Kenntnis genommen, dass es bei der Vernehmung gar nicht um ihn selbst gehe. »Ich war wie euphorisiert und habe losgelegt.« Zurück in der Zelle seien ihm Zweifel gekommen. Er habe bei seinen Schilderungen viel durcheinander gebracht. »Hätte ich bloß die Schnauze gehalten«, so beschrieb der 70-Jährige rückblickend seine Stimmungslage. Warum er seine Aussage nicht gleich korrigiert habe, fragte die Richterin. Er habe das erwogen, aber nicht für wichtig gehalten, antwortete Dr. W. und beteuerte, dass er bis heute an die Unschuld von Robert S. glaube. »Ich hoffe, dass er freigesprochen wird.«

Als sich der Zeuge immer wieder auf Erinnerungslücken berief und sich in Widersprüche verwickelte, erkundigte sich Enders-Kunze nach seinem Gesundheitszustand. »Haben Sie eine Erkrankung, die Ihr Gedächtnis beeinflusst?« Die Antwort lautete »Nein«. Zunächst jedenfalls. Am Ende des Prozesstags, nachdem ihn auch Staatsanwalt, Nebenklage und Verteidigung befragt hatten, äußerte sich der gedrungene kleine Mann anders. »Ich habe in letzter Zeit große Probleme mit dem Gedächtnis. Ich werde im Gefängnis täglich ein Stück dümmer.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare