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Vor Corona ist der Musikzug Holzheim regelmäßig bei Sommerfesten aufgetreten, wie 2015 in Langgöns. Die Musiker haben sich nun seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr gesehen.

»Zeigen, dass wir noch existieren«

  • vonStefan Schaal
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Sämtliche geplante Maifeiern im Kreisgebiet fallen am kommenden Samstag der Pandemie zum Opfer. Ein Musikzug in Holzheim allerdings setzt der Stille eine Aktion entgegen. Für Vereine sei die Corona-Krise »eine schlimme Zeit«, sagt der Vorsitzende Dieter Seidler.

Tag der Arbeit, Tag der Frühlingsfeiern, Tag der Musikzüge und Gesangvereine: Der 1. Mai hat für zahlreiche Kapellen im Gießener Land enorme Bedeutung. Zumindest in normalen Zeiten. Die Pandemie verwandelt den 1. Mai am kommenden Samstag nun in einen Tag, an dem die Stille und das Fehlen der Musikvereine im öffentlichen Raum so deutlich und so quälend unüberhörbar wie selten werden. Der Stille setzt der Musikzug in Holzheim allerdings etwas entgegen. Am 1. Mai, versteht sich.

Die Fenster des Vereinsheims und Ausbildungszentrums am nordöstlichen Rand Holzheims nahe der Hauptstraße am Bettenberg werden um 13 Uhr geöffnet sein. Über Lautsprecherboxen wird drei Stunden lang Blasmusik erklingen. Lieder von Ernst Mosch wie »Die Musik, die geht uns ins Blut« und der Walzer »Eva-Marie«. Spaziergänger und Wanderer, so hoffen die Mitglieder des Vereins, sollen zumindest für einen Moment mit Wahrung von Abständen verweilen, den Klängen lauschen und können eine Spende für die Nachwuchsarbeit des Musikzugs in eine Box werfen.

»Wir wollen zeigen, dass wir noch existieren«, sagt Dieter Seidler, der Vorsitzende. »Momentan hängen wir in der Luft.« Eine Musikerin des Vereins habe zu der Idee angeregt. »Die Türen und die Fenster unseres Vereinsheims sind seit Monaten geschlossen«, berichtet Seidler. Im Dorf komme die Frage auf, »ob es uns noch gibt«.

Im vergangenen Jahr schon wollte der Musikzug zum 25. Mal einen Maibaum aufstellen und das Jubiläum gebührend feiern. Draußen, an einem Wagen, hätten die Besucher dann Schnitzel, Hackbraten, Würstchen und Pommes kaufen können. Stimmengewirr hätte auf dem Gelände geherrscht, Familien und Nachbarn hätten auf Holzbänken gesessen und geplaudert, Sonnenschirme hätten Schatten gespendet. Morgens und am Nachmittag hätte der Musikzug aufgespielt. Nun aber verhindert Corona die Jubiläumsfeier zum zweiten Mal.

Einen Maibaum werde es am kommenden Samstag nicht geben, sagt Seidler. »Zum Aufstellen brauchen Sie zehn Mann«, sagt er. »Das ist in diesen Zeiten nicht möglich. Wir wollen nicht dazu einladen, dass sich Menschengruppen vor unserem Vereinsheim bilden.« Die Mitglieder hoffen auf kommendes Jahr. Unter dem Motto »25 plus zwei« werde man dann hoffentlich das Jubiläum begehen können, sagt Seidler mit vorsichtigem Optimismus. »Vielleicht laden wir ja einen zweiten Verein ein. Aber wir warten erst mal, ob es möglich sein wird.«

Die aktuelle Situation sei »schlimm für das Vereinsleben«, betont Seidler. Seit mehr als einem halben Jahr hätten sich die Mitglieder nicht mehr gesehen. Der letzte Auftritt der 26 aktiven Musiker war im Oktober vor einem Supermarkt in Garbenteich. »Wir haben noch über WhatsApp Kontakt«, erzählt der Vorsitzende. »Wir verschicken Grüße, tauschen Ideen aus. Ansonsten heißt es vor allem: vertrösten, vertrösten, vertrösten.«

Zumindest Nachwuchsarbeit betreibe man noch in eingeschränkter Form. Dirigent Jochen Pietsch gibt den Jugendlichen im Verein hin und wieder Einzelunterricht. Doch gehören dem Musikzug auch viele Ältere an, sie wohnen in verschiedenen Ortsteilen Pohlheims. »Man weiß gar nicht, ob man die Leute wieder zusammenbringt«, sagt Seidler. Hin und wieder unterhalte man sich mit Mitgliedern anderer Musikvereine im Kreis. Auf die Frage, wie es ihnen ergeht, komme meistens die gleiche Antwort: »Wie soll es uns schon gehen? Es läuft nichts.«

Seidler atmet tief ein und aus. »Wir versuchen, uns über Wasser zu halten«, sagt er dann. Die Aktion am 1. Mai hat auch damit zu tun, dass die Pandemie dem Musikzug auch finanziell einiges abverlangt. Vor der Corona-Krise vermietete und verpachtete der Verein die Räume und das Außengelände des Ausbildungszentrums für Hochzeiten, Geburtstage und Trauerfeiern. Jedes Jahr kam so ein fünfstelliger Betrag zusammen, den der Verein für Reparaturen am Gebäude sowie den Kauf von Instrumenten und Noten, die Nachwuchsarbeit und weitere Kosten verwendete.

Diese Einnahmen sind nun seit einem Jahr weggebrochen. »Aber die Kosten für die Unterhaltung unseres Vereinsheims bleiben bestehen«, erklärt der Vorsitzende des Musikzugs. Über eine Spenden-Hotline habe man Hilfen erhalten. Mit der Aktion am 1. Mai hoffe man auf weitere Spenden.

Seidler hat bereits Ideen für kleine Auftritte, wenn die Corona-Situation es wieder zulässt. »Wieder ins Dorf gehen, an der Linde spielen und im Noll, auch in den anderen Ortsteilen in Pohlheim.« Den Wunsch, dass das in diesem Sommer wieder möglich sein kann, gibt er nicht so schnell auf. Der Holzheimer sagt: »Ich hoffe, dass wir bald wieder gehört werden.«

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