In der Nacht zum 25. November 1985 wird der Zahnarzt Frank H. in seinem Haus erstochen. Die Spur führt in den Kreis Gießen. (Symbolfoto)
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In der Nacht zum 25. November 1985 wird der Zahnarzt Frank H. in seinem Haus erstochen. Die Spur führt in den Kreis Gießen. (Symbolfoto)

Serie „Mord verjährt nicht“

Zahnarzt aus Eifersucht ermordet – Mysteriöser Fall mit Tätern aus dem Kreis Gießen

  • Susanne Riess
    vonSusanne Riess
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Ein Zahnarzt wird tot in seinem Wohnhaus in Weilmünster aufgefunden. Die Spuren führen die Ermittler relativ schnell in den Landkreis Gießen, doch der Fall ist verworren.

Die beiden mutmaßliche Täter stammen aus Buseck und Lollar. Es ist ein verworrener und mysteriöser Fall. Das Motiv hingen klar: Eifersucht.

In der Nacht zum 25. November 1985 wird der Zahnarzt Frank H. in seinem Haus erstochen. Die Leiche weist insgesamt 30 Messerstiche auf, einer davon direkt ins Herz. Der Tote ist außerdem geknebelt, sein Handgelenk durchtrennt. Die brutale Tat erschüttert.

Ein zu diesem Zeitpunkt 29-jähriger Geschäftsmann aus Buseck wird nur zwei Tage später als mutmaßlicher Täter ermittelt und in Untersuchungshaft genommen. Doch Thomas H. bestreitet vehement, für die Tat verantwortlich zu sein.

Mord an Zahnarzt: Mann aus Lollar ruft GAZ-Redakteur an

Anfang Dezember klingelt bei einem Redakteur der »Gießener Allgemeinen« das Telefon. Am anderen Ende ist ein anonymer Anrufer. Er behauptet: »Ich bin der Mörder des Zahnarztes Frank H.« Der Redakteur schaltet daraufhin sofort die Kripo ein. Etwa eine Woche später wird der Anrufer, der 27-jährige Rainer T. aus Lollar, festgenommen. Der Raumausstatter ist ein Freund von Thomas H.

Ein Dreivierteljahr später erhebt reicht die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift gegen die beiden Männer ein. Der Tatvorwurf lautet: gemeinschaftlicher Mord an dem Zahnarzt Frank H., der mehrere Jahre an der Gießener Zahnklinik tätig war.

Der verheiratetete Baustoffhändler Thomas H. verdächtigte demnach das späterere Mordopfer, eine Liebesbeziehung zu seiner Freundin, ebenfalls eine Zahnärztin, zu haben. Die junge Frau habe zwar stets betont: »Da ist nichts zwischen dem Zahnarzt und mir«, doch der Busecker schenkte ihren Beteuerungen keinen Glauben. Er hat die beiden nach eigenen Angaben mehrmals zusammen gesehen.

Prozess gegen Angeklagte aus Lollar und Buseck: Fall wird immer verworrener

Im Februar 1987 beginnt der langwierige Prozess gegen die beiden Angeklagten. In der Anklageschrift heißt es, dass der Busecker Thomas H. am Abend des 24. November 1985 den Zahnarzt wegen der angeblichen Liebesbeziehung zur Rede stellen will. Als »Verstärkung« habe er Rainer T. mit nach Weilmünster mitgenommen, unter dem Versprechen, diesem 500 D-Mark zu zahlen. Für Rainer T. eine lukrative Summe, da er zum einen in finanziellen Schwierigkeiten steckt und sich wegen privater Probleme zudem in einer »aggressiven Stimmung« befindet.

Doch anstatt Licht ins Dunkel zu bringen, wird der Fall immer mysteriöser, immer verworrener. Vor Gericht schildern die beiden Männer unterschiedliche Versionen zum Tathergang,

Rainer T. will von dem Mitangeklagten nicht informiert worden sein, für welchen Zweck er eigentlich angeheuert worden sei. »Er sagte, er hätte Probleme, und ich dachte, diese hingen mit seiner Baustelle zusammen. Er bot mir 500 Mark an. Aber ich dachte überhaupt nicht daran, jemanden zusammenzuschlagen oder zu töten.« Er selbst habe immer noch gedacht, dass es um geschäftliche Schulden gehe, wobei er »ein bisschen Druck« machen solle.

Männer aus Lollar und Buseck wegen Mordes vor Gericht: Widersprüchliche Angaben

Während er sich vergewissert habe, dass Fenster und Rollläden geschlossen seien, habe Thomas H. den Zahnarzt geknebelt und dann um Hilfe gerufen. »Er lag auf dem Boden und der andere auf ihm. Da habe ich plötzlich das in meinem Stiefel steckende Messer in der Hand gehabt und zweimal zugestochen. Für meine Begriffe war er da schon tot.« Er habe gesagt: »Wir haben Scheiße gebaut, wir müssen einen Arzt rufen, der Mann ist wahrscheinlich tot.« Dann habe Thomas H. gefragt: »Ist er auch wirklich tot?« Der Busecker habe ihm das Messer abgenommen und weiter auf den Zahnarzt eingestochen, Dabei soll er gesagt haben: »Das ist die Strafe!« Dann habe H. das Telefonkabel durchgeschnitten. In seiner ersten Vernehmung hatte der Lollarer ausgesagt, er hätte auch die weiteren 28 Stiche ausgeführt. Vor Gericht sagt er jedoch aus, er habe Thomas H. die Möglichkeit geben wollen, seinen Tatbeitrag selbst beizusteuern,

Thomas H. schildert das Geschehen an jenem Abend indes ganz anders. Er habe mit Frank H. ein »Gespräch von Mann zu Mann« führen sollen. Plötzlich habe ihn der Zahnarzt von hinten geschubst, und er sei zu Boden gegangen. »Unmittelbar nachdem er auf mir war, ist er nach links weggekippt. Aus den Augenwinkeln heraus konnte ich erkennen, dass Rainer schlagende Bewegungen ausführte, dass er etwas in der Hand hatte, und dass Blut an die Wand spritzte. Da geriet ich regelrecht in Panik, verließ fluchtartig das Haus und rauchte im Auto eine Zigarette. Später kam auch der Rainer, Ich konnte nicht mehr konkret denken. Ich kann nach bestem Wissen und Gewissen beschwören, dass ich nie das Messer in der Hand hatte, auch nicht zum Durchschneiden des Telefonkabels.« Nach der Tat habe er bis zur Verhaftung fast permanent unter Medikamenteneinwirkung gestanden. Deshalb könne er sich nicht mehr genau erinnern.

Mord an ehemaligem Zahnarzt der Zahnklinik Gießen: Zahlreiche Zeugen vernommen

Während der Aussage des angeblich von seiner Freundin mit Frank H. betrogenen Geschäftsmannes Thomas H. schüttelt der mitangeklagte Rainer T. immer nur fassungslos den Kopf. Was ist nun die Wahrheit?

Fest steht lediglich: das Duo ist an jenem Abend im November 1985 zweimal zum Hause des Zahnarztes nach Weilmünster gefahren. Beim ersten Mal hat Thomas H. alleine an der Haustür geklingelt. Frank H. habe ihn angeblich auf einen späteren Gesprächszeitpunkt vertröstet, weil er noch Besuch erwarte. Nachdem der Busecker und der Lollarer in einer Gaststätte in Weilmünster einige Bier getrunken haben, suchen sie das Opfer erneut auf, Rainer T. erinnert sich vor Gericht, dass der Zahnarzt »ziemlich erschrocken« gewesen sei, als er ihnen die Tür geöffnet habe.

Im Prozess, der sich bis März 1987 hinzieht, werden zahlreiche Zeugen vernommen. Darunter auch Mithäftlinge von Thomas H. und Rainer T. Einer von ihnen berichtet, Rainer T. habe ihm erzählt, im Auftrag von Thomas H, gehandelt zu haben. Für eine Summe von 20 000 bis 30 000 Mark solle er den Zahnarzt »plattmachen«. Dann sei es wiederum nur um eine »Warnung« gegangen. Er charakterisiert Rainer T. als einen »Spinner, Fantast und kleiner Gernegroß, der etwas darstellen möchte, was er nicht kann.« Ein Killer sei er aber nicht. »Ich sehe das so, dass er in der Situation kopflos geworden ist und zugestochen hat.«

Mysteriöser Fall: Zahnärztin als Schlüsselfigur

Der Fall bleibt mysteriös. Keiner der Zeugen kann wirklich zur Aufklärung des genauen Tatherganges und der Hintergründe beitragen.

Als Schlüsselfigur gilt die junge Zahnärztin, die ungewollt das Motiv für die Bluttat ausgelöst hat. Vor Gericht räumt sie zwar ein, ein intimes Verhältnis zu dem Angeklagten Thomas H. gehabt zu haben, doch das sei von ihrer Seite aus nicht bindend gewesen. Sie bezeichnet den Busecker Geschäftsmann als »großkotzig« und schließt eine mögliche Eifersucht seinerseits nichts aus. Ihr Verhältnis zu dem Zahnarzt Frank H. nennt sie »gut freundschaftlich«. Nicht mehr als »gut freundlich« sei auch Verhältnis mit Thomas H, gewesen. Er habe sich als Frauenheld aufgespielt, das wäre sowieso nicht ihr Fall. Der sieht das offenbar ganz anders.

Fall landet beim BGH

Angeklagte aus dem Kreis Gießen verurteilt: Fall landet beim BGH

Nach insgesamt acht Verhandlungstagen wird der Busecker Geschäftsmann Thomas H. wegen versuchten Mordes zu einer lebenslänglichen Freiheitstrafe verurteilt, der Raumausstatter Thomas H, aus Lollar muss wegen versuchten Totschlags eine zwölfjährige Haftstrafe verbüßen. Das Gericht glaubt den Schilderungen von Rainer T. und sieht bei Thomas H. »Beweggründe aus niedrigster Stufe«: »Die Vielzahl der mit erheblicher Wucht ausgeführten Stiche bis hin zum Durchtrennen des Handgelenks sind durch persönlichen Hass auf das Opfer geprägt. Eifersucht, gekränkte Eitelkeit und der Wunsch nach Rache oder Bestrafung desjenigen, der ihm die Freundin weggenommen hat, waren hier vorherrschend.« Rainer T. hingegen zeige sich reuig (»Ich bedauere zutiefst, dass die Tat geschehen ist«) und geständig und sei »ohne irgendeinen Anlass in feindlicher Gesinnung gegen das Opfer vorgegangen,

Zwar legt der Verteidiger von Thomas H., der sogar einen Freispruch für seinen Mandanten gefordert hat, Revision gegen das Urteil beim BGH in Karlsruhe ein, doch letzten Endes bleibt es dabei: Lebenslänglich für den Busecker.

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