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Für viele klassische Handwerksberufe reicht ein Hauptschulabschluss heute nicht mehr aus. Bewerber mit höherem Abschluss fühlen sich jedoch oft überqualifiziert. (Symbolfoto: dpa)

Azubi-Mangel

Zahlreiche offene Lehrstellen: Wo sind die Azubis im Kreis Gießen?

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Fast 600 unbesetzte Ausbildungsstellen und etwa die gleiche Zahl an unversorgten Bewerbern. Was stimmt hier nicht? Johannes Paul von der Agentur für Arbeit kennt einige Gründe.

Die Sommerferien sind bald zu Ende, für viele Schulabgänger steht der Ernst des Lebens vor der Tür. Studium, erst einmal ins Ausland oder doch eine Ausbildung? Die Agentur für Arbeit in Gießen hat im Juli für den Landkreis 1937 Bewerber für eine Berufsausbildung registriert. Eine Zahl, die trotz kleinerer Schwankungen in den vergangenen Jahren relativ stabil blieb. Den potenziellen Azubis stehen laut Statistik aktuell 1577 Ausbildungsstellen zur Verfügung - dennoch: 572 Stellen sind Stand Juli noch unbesetzt, 604 Bewerber sind noch auf Stellensuche. "Tatsächlich ist es eher so, dass die Betriebe die Schwierigkeit haben, passende Lehrlinge zu finden", sagt Johannes Paul, Sprecher bei der Gießener Agentur für Arbeit.

Azubi-Lücke und Fachkräftebedarf - Begriffe, die einem nahezu täglich begegnen. Bei mehr Bewerbern als Ausbildungsstellen stellt sich die Frage nach dem Warum. "Das Problem ist vielschichtig", sagt Paul. Junge Bewerber stürzen sich seiner Erfahrung nach immer zuerst auf die Top-Ten-Berufe: Einzelhandel, Büromanagement, Verkauf und Bankwesen beispielsweise. "Der Status des Berufs ist nicht zu unterschätzen", sagt er. Ein unbekannter Beruf sei für viele wie ein Stigma. Dabei gäbe es im Landkreis gut 250 verschiedene Ausbildungsberufe. Andererseits gäbe es auch aufseiten der Ausbilder teils genaue Vorstellungen von einem Bewerber. "Starkes Übergewicht kann bei einer Stelle im Fitnessstudio oder Sportgeschäft leider ein Ablehnungsgrund sein", nennt Paul ein Beispiel. Ein weiteres Problem sei die begrenze Mobilität von Jugendlichen. "Wer in Laubach wohnt, schafft es vielleicht nicht nach Wettenberg", erklärt Paul. "25 Kilometer können zu einer unüberwindbaren Entfernung werden." Bewerber würden sich dann auf Stellen in der Nähe fokussieren.

Letztlich sei auch mit den veränderten Berufsbildern ein Teil der Azubi-Lücke zu erklären, sagt Paul. Ein Schreiner beispielsweise würde heute nicht einfach mehr nur mit einer Säge arbeiten. Komplexe Maschinen kämen zum Einsatz, deren Handhabung teilweise Programmierung erfordert. "Ein Hauptschulabschluss reicht da einfach nicht mehr aus", sagt Paul. Wenn schon einen höheren Abschluss, dann streben Jugendliche gleich Abitur und ein Studium hinterher an. Viele würden sich für diese Jobs dann überqualifiziert fühlen. Ein Umstand, der den Akademisierungstrend befeuert.

Von falschen Vorstellungen können auch einige Betriebe ein Lied singen. "Den Azubis fehlt es oft an Ausdauer und Beständigkeit", sagt etwa Karl-Ludwig Enders aus Reiskirchen. In seinem gleichnamigen Unternehmen werden seit Jahren Lehrlinge in sieben verschiedenen Berufen ausgebildet. "Mich nervt besonders, dass die jungen Leute heute so sprunghaft sind. Sie wollen sich nicht entscheiden und sich möglichst alle Wege offen halten", sagt der Geschäftsführer von Enders. Auch die Bewerbungen hätten seit Jahren an Niveau verloren.

Unbesetzte Ausbildungsstellen und Jugendliche, die sie nicht wollen oder nicht passen: Auch wenn kurz vor Beginn des Lehrjahres gut 600 Bewerber im Kreis Gießen noch immer auf der Suche sind, geht Paul davon aus, dass sich diese Zahl in den kommenden Wochen stark verkleinern wird. So sei es auch in der Vergangenheit gewesen.

Deutschlandweit blieben 2018 jedoch 25 000 junge Menschen ohne Lehrstelle, obwohl 58 000 Plätze unbesetzt waren. Und auch dieses Jahr zeigt sich bisher ein ähnlicher Trend: 240 000 Ausbildungsplätze sind nach Schätzung der Industrie- und Handelskammer noch vakant.

Ein zusätzlicher Anreiz könnte eine gesetzliche Änderung mit sich bringen. Zum 1. Januar 2020 soll ein Azubi-Mindestlohn von 515 Euro eingeführt werden, bis 2023 soll es dann mindestens 620 Euro geben. Außerdem sind neue Bezeichnungen für Ausbildungsabschlüsse vorgesehen: Der "Bachelor Professional" und der "Master Professional". Zumindest die Erhöhung des Mindestlohns ist für Paul ein Schritt in die richtige Richtung. Wichtig sei vor allem aber ein Umdenken in der Gesellschaft: "Eine akademische Laufbahn ist erstrebenswert, aber nicht für jeden das richtige. Und auch mit einer Ausbildung kann Karriere und gutes Geld gemacht werden."

Es ist noch nicht zu spät

"Wer jetzt noch keine Ausbildungsstelle hat, muss sich ranhalten", sagt Johannes Paul von der Agentur für Arbeit. Der Zug sei aber noch nicht abgefahren. Im Kreis Gießen gäbe es noch einige freie Stellen, für die Nachvermittlungsverfahren angeboten würden. Weitere Informationen, nützliche Tipps und Selbsteinschätzungstests gibt es unter www.arbeitsagentur.de. (kge)

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