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»Wenn beim Verbrenner der Sprit alle ist, laufe ich zur nächsten Tankstelle«, sagt Ulrich Boos. »Beim Elektroauto gibt es keinen Ersatzkanister.«

Zahl der E-Autos verdoppelt

  • VonStefan Schaal
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Der Elektro-Boom nimmt Fahrt auf: Autohäuser vermelden einen rasant steigenden Auftragseingang bei Fahrzeugen mit Stromantrieb. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der zugelassenen E-Autos im Kreis auf 1064 verdoppelt. Wie sieht sich der Landkreis für die Entwicklung aufgestellt?

Der Durchbruch zeichnet sich ab: Im Gießener Land spüren vor allem die Autohäuser den Boom der Elektromobilität. »15 bis 20 Prozent der bestellten Fahrzeuge sind reine Elektroautos«, sagt Stefan Wesolowsky, Verkaufsleiter im MH Autoforum in Gießen. »Und zusätzlich sind 40 bis 45 Prozent Hybridwagen.« In Pohlheim berichtet Christoph Häuser, Geschäftsführer von Auto-Häuser, dass 80 Prozent der bestellten VW-Modelle einen Stecker haben.

Bereits im vergangenen Jahr war die Entwicklung bei der Zahl der im Kreis zugelassenen E-Autos deutlich zu spüren: Diese hat sich im Lauf des Jahres 2020 von 514 auf 1064 mehr als verdoppelt, bei den Hybridautos ist die Zahl von 1848 auf 3304 angestiegen.

Vor allem eine Frage ergibt sich daraus: Ist der Landkreis auf den Boom vorbereitet? Bei der Beantwortung spielt eine entscheidende Rolle, wie viele Ladestationen im öffentlichen Raum existieren. Zuletzt stieg die Zahl der Elektroautos so rasant, dass es Bedenken gibt, ob der Ausbau der Ladestellen Schritt halten kann.

Der Landkreis hat an einer Machbarkeitsstudie teilgenommen, in der Grundlagen für den Ausbau einer öffentlichen Ladeinfrastruktur ermittelt wurden. In der 2018 begonnenen Studie »Elektromobilität in der oberen Lahnregion« (EMOLA) ist errechnet worden, dass die damalige Anzahl von 42 Ladepunkten den kreisweiten Bedarf bis in das Jahr 2025 nahezu deckt, wie Louisa Wehlitz, Sprecherin des Landkreises, berichtet.

Seit der Erhebung im Jahr 2018 seien im Gießener Land 104 öffentliche Ladestationen neu errichtet worden.

Einige Kreiskommunen wie insbesondere die Stadt Gießen haben mehr als die rechnerisch benötigten Ladepunkte installiert, sagt Wehlitz. Der Studie zufolge müssten zwischen 2025 und 2026 nun lediglich 31 zusätzliche öffentliche Ladepunkte im Kreisgebiet errichtet werden.

Der Landkreis sieht sich demnach gut gerüstet für den Elektro-Boom. Für die kommenden acht Jahre, erklärt Wehlitz werde die bereits bestehende Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum den Bedarf decken, »unter den aktuellen Annahmen der Zunahme an Elektro-Pkw und des überwiegenden Ladens an der heimischen Steckdose.«

Um Anreize zu schaffen, fügt die Sprecherin hinzu, »sollten im öffentlichen Raum bereits zum jetzigen Zeitpunkt mehr als die eigentlich benötigte Anzahl an Ladepunkten zur Verfügung gestellt werden.«

Ein Indiz, dass das Angebot an Ladesäulen den Bedarf aktuell noch übersteigt, ist, dass die Stationen in mehreren Städten und Gemeinden im Kreis noch eher wenig genutzt werden. »Das ist schade«, sagt Wehlitz, »da Ladesäulen hohe Kosten durch den Infrastrukturaufbau, den Betrieb sowie Wartung und Service verursachen.« Auch Dr. Karen Heppe vom Energieversorger Ovag berichtet, dass viele Ladestationen aktuell noch nicht lukrativ seien.

Generell sei die Ladeinfrastruktur im Gießener Land gut aufgestellt, versichert auch Ulrich Boos, Sprecher der Stadtwerke Gießen. »Mehr als 80 Prozent der Besitzer von Autos mit Elektroantrieb laden ihr Fahrzeug zu Hause auf.«

Doch spätestens seitdem die Bundesregierung im Juni vergangenen Jahres mit einem Konjunkturpaket die Nachfrage nach Elektroautos stark angekurbelt hat, sind es nicht mehr nur Idealisten und wohlhabende Eigenheimbesitzer, die sich ein Fahrzeug mit Stromantrieb zulegen - sondern zunehmend auch Familien in Mehrfamilienhäusern, denen keine Lademöglichkeit am Carport, im Hof oder in der Garage zur Verfügung steht.

Im öffentlichen Bereich müsse man sicher noch wohnortnahe Lösungen finden, räumt Boos ein. Auch der Beratungsbedarf sei im Bereich der E-Mobilität noch hoch. »Wenn beim Verbrenner der Sprit alle ist, laufe ich zur nächsten Tankstelle. Beim Elektroauto gibt es keinen Ersatzkanister.«

Kreative Ideen könnten gefragt sein. In Donauwörth in Bayern läuft derzeit ein Pilotprojekt, Autos über Straßenlaternen aufzuladen. Ob dies im Kreis Gießen möglich wäre, müsste geprüft werden, sagt Wehlitz. »Teilweise verfügen die Straßenlaternen nicht über genügend Strom«, außerdem seien die Lampen tagsüber vom Stromnetz getrennt und können keinen Ladestrom zur Verfügung stellen. Vor diesem Hintergrund schließt Heppe eine solche Idee im Versorgungsgebiet der Ovag aus. Ein Aufladen auf Parkplätzen von Supermärkten nachts in Innenstädten habe da schon größeres Potenzial, sagt Heppe.

»Wo ist das Problem?«, fragt unterdessen Busecks Bürgermeister Dirk Haas. In seiner Gemeinde gebe es sieben öffentliche und damit ausreichend Ladestationen, die überwiegend von Anwohnern genutzt würden. Probleme lägen eher in der Abrechnung, da verschiedene Anbieter von Ladesäulen bisher unterschiedliche Bezahlkarten erfordert haben. Außerdem wäre hilfreich, wenn ersichtlich wäre, welche Ladestationen frei und welche belegt sind, sagt Haas. »Da sind die Anbieter gefragt.«

Einer Befürchtung tritt derweil Rüdiger Schwarz, Geschäftsführer der Mittelhessen Netz GmbH, entgegen. Zwar steige der Strombedarf durch die Zunahme an Elektroautos. »Wir führen ein Forschungsprojekt mit der THM durch und simulieren dabei die E-Mobilität auf Hochlauf.« Ergebnis des Projekts: Das Stromnetz, erklärt Schwarz, halte der zusätzlichen Belastung stand.

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