Die Lollarer Ortsdurchfahrt (L 3475) ist im Lärmaktionsplan als Lärmkonfliktpunkt ausgewiesen. Grüne und Bürgermeister fordern, dass dort künftig dauerhaft Tempo 30 gilt. ARCHIVFOTO: LAS
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Die Lollarer Ortsdurchfahrt (L 3475) ist im Lärmaktionsplan als Lärmkonfliktpunkt ausgewiesen. Grüne und Bürgermeister fordern, dass dort künftig dauerhaft Tempo 30 gilt. ARCHIVFOTO: LAS

LÄRMAKTIONSPLAN HESSEN

Zähes Ringen um weniger Lärm

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Verkehrslärm kann zur dauerhaften Belastung werden. Die Lärmschutzplanung des Regierungspräsidiums stößt im Kreis nun teils auf Kritik, etwa in Lollar und Buseck. Ein Problem: Die Hürden für Eingriffe sind hoch, die Umsetzung oft schwierig.

In Ruhe wohnen - davon kann im Kreis Gießen längst nicht überall die Rede sein. Um besonders von Lärm betroffene Straßen zu identifizieren und nach Lösungen zu suchen, hat das Regierungspräsidium Gießen (RP) den Lärmaktionsplan aufgelegt. Kürzlich konnten Kommunen Rückmeldungen zur anstehenden Fortschreibung geben.

Im Lollarer Rathaus ist der Entwurf zur dritten Runde des Plans auf Interesse gestoßen, denn darin geht es auch um die Lollarer Ortsdurchfahrt. Die Gießener/Marburger Straße ist im Entwurf als Lärmkonfliktpunkt aufgeführt, gilt als eine der am stärksten von Verkehrslärm betroffenen Landesstraßen im Kreis. Dass die Häuser nah an der Straße stehen, verschärft die Situation. Was könnte hier helfen? Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek favorisiert eine 30er-Zone zwischen den Abzweigungen Holzmühler Weg und Am Alten Bahnhof, also mitten im Ortskern. Bislang gilt tagsüber auf Höhe der Kita Tempo 30. Schon vor Jahren, sagt Wieczorek, habe das Stadtparlament eine Ausweitung des Tempolimits gefordert, doch auf Landesebene "wollte man es bisher nicht". Das Land, fordert der Bürgermeister, solle die Maßnahme umsetzen.

Der Entwurf des RP verweist auf einen Kreisverkehr, der 2013 am Ortseingang aus Richtung Gießen freigegeben wurde. Der vermindere Geschwindigkeit und Lärm. Außerdem ist von Lärmschutzfenstern die Rede, die gefördert werden können. Ferner könnten Kommunen "freiwillig bauliche Maßnahmen des Lärmschutzes ergreifen".

"Es ist wenig hilfreich, zu schreiben, dass die Stadt eigene Maßnahmen machen kann", sagt der Bürgermeister. "Die Verantwortung zu übertragen, das finde ich mehr als unglücklich." Wieczorek hält auch wenig von dem Verweis auf den Kreisel in der Gießener Straße . Der sei gut einen halben Kilometer von den lärmkritischen Punkten im Ort entfernt. Von der Möglichkeit, auf einem Großteil der Ortsdurchfahrt Tempo 30 auszuweisen, ist im Entwurf des Lärmaktionsplans nicht die Rede.

Wie steht das RP dazu? "Im März 2018 wurde seitens der Stadt Lollar der Einbau von Lärmschutzfenstern als passiver Lärmschutz gegenüber Tempo 30 favorisiert", antwortet die Pressestelle. Wenn die Stadt Tempo 30 wolle, dann müsse die örtliche Verkehrsbehörde das beantragen und die Zustimmung bei der Oberen Verkehrsbehörde einholen. Ein solcher Antrag liege beim RP aktuell aber nicht vor.

Der Bürgermeister hat, wie ursprünglich von den Lollarer Grünen gefordert, kürzlich gegenüber dem RP Stellung zum Entwurf für die Fortschreibung bezogen, den Wunsch nach Tempo 30 geäußert - und auf Merkwürdigkeiten in dem 327-seitigen Werk hingewiesen. Auch darauf, dass die zugrunde gelegte Messung offenbar unvollständig ist. Auf Seite 112 des Entwurfs steht: "Dabei sind allerdings nicht die Betroffenen in der Ortsdurchfahrt der L 3475 in Lollar erfasst, da die Kartierung der Gießener Straße zwischen der Einmündung Schwimmbadstraße und Bleichstraße/Ludwigstraße unerklärbarer Weise abbricht." Eine Ludwigstraße gibt es in Lollar nicht. Kurz danach ist von Lich die Rede. "Es handelt sich um redaktionelle Fehler innerhalb der Entwurfsversion, die für die Endversion bereits behoben worden sind", so die Pressestelle.

Rinnerborn in Alten-Buseck

Eine viel befahrene Landesstraße vor der Haustür, davon kann auch Ulla Moch aus Alten-Buseck ein Lied singen. Als sie 1978 in das Haus am Rinnerborn zog, sei dieser noch "ein Feldweg" gewesen. Der Lärm treibt sie um. Aus ihrer Sicht würde vor allem ein Durchfahrverbot für Lkw helfen. Für den überörtlichen Lastverkehr sei der Rinnerborn als Abkürzung nach Gießen beliebt, beklagt Moch. Wenn sie im Garten vor dem Haus arbeite, sei der Lärm "absolut unerträglich". Ein Hauptproblem seien die abgefahrenen Straßenränder.

Bürgermeister Dirk Haas verweist auf das schon bestehende 30er-Tempolimit, das in der Straße nachts auf einer Strecke von 150 Metern gilt. "Tempo 30 auf der gesamten Länge wäre hilfreich, das würde auch die Akzeptanz erhöhen." Der Entwurf des Lärmaktionsplans enthalte für Buseck nichts wirklich Neues, "was wir vorgeschlagen haben, wird abgelehnt", so der Bürgermeister.

Das will das RP so nicht stehen lassen: Die Gemeinde habe kein ganztägiges Tempolimit beantragt, auch habe es bei einem Ortstermin oder danach keine Einwände gegeben. Andere Beschränkungen seien nicht möglich, "da entweder keine Richtwertüberschreitungen vorlagen oder es sich um einzelne Wohngebäude handelte, für die eine Geschwindigkeitsbeschränkung aus Gründen der Verhältnismäßigkeit nicht angeordnet werden darf", antwortet die Behörde. Ein Lkw-Durchfahrverbot sei wohl nicht geboten. Dies wäre laut RP "an sehr hohe Anforderungen geknüpft, die hier nicht zu erkennen sind". Unterm Strich wird der Rinnerborn nicht als Lärmkonfliktpunkt eingestuft.

Das Beispiel zeigt, wo Lärmschutzplanung an Grenzen gerät. Was Anwohner subjektiv empfinden und was die Messwerte sagen, sind zwei getrennte Dinge. Bei der Verkehrsplanung gibt es viele Akteure - und die Kommune kann bei übergeordneten Straßen wenig entscheiden. Zurück nach Lollar. Hier bereitet ein weiterer Lärmherd Sorgen: Die B 3 im Bereich der Lumdabrücke. Der Bürgermeister fordert, dass dort künftig Tempo 100 gilt, "das kostet kein großes Geld, nur ein paar Schilder". Gemeinsam mit seinem Staufenberger Amtskollegen will er in der Sache Druck ausüben.

Sie werden wohl ein dickes Brett bohren müssen, wie die Antwort des RP vermuten lässt: "Da die Auswertung der Lärmkartierung keinen Lärmkonfliktpunkt für die B 3 im Bereich der Lumdabrücke darstellt, besteht aus Sicht der Lärmaktionsplanung rechtlich keine Handlungsmöglichkeit für die Geschwindigkeitsbeschränkung auf 100 km/h."

Im Lärmaktionsplan werden Lärmkonfliktpunkte anhand von gemessener Lärmintensität und der Zahl der betroffenen Anwohner ermittelt. Zum aktuellen Stand schreibt das Regierungspräsidium: "Aktuell erfolgt die Prüfung der Stellungnahmen aus der zweiten Öffentlichkeitsbeteiligung. Daran schließt sich die Veröffentlichung des Lärmaktionsplanes in seiner dritten Runde an. Die Fortschreibung des Lärmaktionsplanes (vierte Runde) erfolgt spätestens alle fünf Jahre nach dem Zeitpunkt der Aufstellung." jwr

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