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Fronhausen aus der Vogelperspektive: Im Norden die Firmen Seidel und Schneider, in der Mitte der dichte Ortskern. Besonders Richtung Westen ist der Ort in den letzten 100 Jahren gewachsen.

"Von oben"

180 würden gerne in Fronhausen bauen - Doch ein Geruchsgutachten steht dem im Weg

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Viele Menschen würden gerne nach Fronhausen ziehen. Doch Bauen ist hier derzeit nicht leicht, was auch an einem alten Geruchsgutachten liegt.

Über die Geschichte Fronhausens ließe sich vieles berichten. Etwa, dass es im Ort zwei Burgen gab - die eine Ende des 13. Jahrhunderts, die andere um 1367 errichtet. Von beiden hat ein Teil der Gebäude bis in die Neuzeit überdauert. Dass der Ort unter dem Namen Vronehusen 1159 erstmals urkundlich erwähnt wurde und vor zehn Jahren dieses Jubiläum groß feiert. Das hier das Rathaus der Gemeinde Fronhausen steht. Dass es bis 1943 ein Amtsgericht Fronhausen gab. Oder 1849 der Bahnhof erbaut wurde.

Schweinestallstreit eskalierte

Doch auch die Gegenwart von Fronhausen ist spannend. 2015 etwa blickten Landwirte aus ganz Hessen nach Fronhausen, als hier der "Schweinestallstreit" eskalierte. Damals wollte ein Landwirt einen neuen Stall vor dem Dorf errichten. Er legte dem Bauantrag ein Gutachten bei, was die zu erwartende Geruchsbelästigung prognostizierte. Der damalige Bürgermeister wehrte sich allerdings massiv gegen diese Pläne, ließ ein Gegengutachten anfertigen: Dafür drehten speziell geschulte Geruchsprüfer im Ort ihre Runden. Ihr Ergebnis: 58 Prozent der Jahreszeit sei im Bereich rund um das Rathaus die Geruchsbelastung zu hoch.

Was nun folgte, hatte wohl kaum einer vorher auf dem Schirm: Da bei solchen Grenzwertüberschreitungen ein "gesundes Wohnen" nicht möglich sei, durfte in Fronhausen nirgends mehr an-, um- oder neugebaut werden. Der Bürgermeister forderte daraufhin von den Schweinehaltern, in den Ställen Lüftungsanlagen mit Filtern einzubauen. Diese weigerten sich mit dem Hinweis, dass diese für ihre Betriebsgrößen weder vorgeschrieben noch kaum wirtschaftlich anzuschaffen seien, man zudem Bestandsschutz habe. Zudem wollten sie keinen Präzedenzfall zulasten anderer Landwirte schaffen.

Neues Gutachten soll helfen

Im gleichen Jahr wurde Claudia Schnabel von der Initiative Fronhausen zur neuen Bürgermeisterin gewählt. Noch immer kämpft sie mit dem Gutachten von damals. Mittlerweile genehmigt das Bauamt wieder Um- und Anbauten im vorhandenen Gebäudebestand, "aber das Verfahren ist komplizierter als bei normaler Nachverdichtung". Mit den Landwirten sei man im Gespräch, sagt Schnabel. Diese hätten zudem Betriebe vor die Ortsgrenze verlegt. Mit einem neuen Gutachten hofft man, dass auch bald wieder Baugebiete ausgewiesen werden können - wenn denn der neue Regionalplan mitspielt. Denn zwischen Landschaftsschutzgebiet, Lahn und Ackerland ist nach dem alten Plan nichts mehr frei.

Bahnhof und B 3 vor der Tür

Bauplätze sind in Fronhausen heiß begehrt: 180 Bewerber stehen auf der Warteliste. Dass der Ort so beliebt ist, hat gleich mehrere Gründe. Zum einen die günstige Lage vor den Toren von Marburg und Gießen. Zwei Kilometer vom Ort entfernt liegt die Auffahrt auf die vierspurige B3, über die man schnell auf die Autobahnen nach Frankfurt, Kassel und Dortmund gelangt. Noch schneller geht es per Zug: Wer Fronhäuser ist und nach Frankfurt pendeln will, braucht eigentlich nur mit dem Rad zum Bahnhof zu fahren und sich in die Bahn setzen. Trotzdem ist es in Fronhausen sehr ruhig und idyllisch.

Ein weiterer Grund sind die beiden großen Unternehmen: Die Firma Seidel ist Weltmarktführer für Aluminiumdesignprodukte, die sowohl in der Kosmetikindustrie als auch bei Automobilfirmen beliebt sind. Nur wenige Meter entfernt sitzt der Präzisions-Optik-Spezialist Schneider. Viele Mitarbeiter der Firmen würden gerne vor Ort wohnen.

Eine Stunde mehr Nachmittagsbetreuung

Zudem ist es in Fronhausen sicher: Die Firma Schneider stellt acht Mitglieder für die Tagesfeuerwehr, zahlte sogar die Ausrüstung der Einsatzkräfte. Da kommt auch bei Bränden tagsüber eine schlagkräftige Truppe zusammen. Dies ist auch notwendig: Zum Einsatzgebiet gehört die B3. Gerade junge Familien will Bürgermeisterin Schnabel im Ort halten und anlocken. "Unser Anspruch ist, familienfreundlich zu sein und die Familien zu unterstützen." Ein Beispiel dafür ist, dass die Kommune bei der Nachmittagsbetreuung in der Grundschule eine Stunde mehr zahlt, um die Eltern zu entlasten. "Wer hat denn um 15 Uhr Feierabend?" Im Kindergarten Fronhausen wird das Essen nicht nur selbst gekocht. Die Kinder helfen dabei auch mit. Zudem bauen sie zusammen mit Freiwilligen das Gemüse an. "Solche Qualität kostet mehr als der Mindeststandard", sagt Schnabel. "Aber das fördern wir gerne."

Dorfgemeinschaftshaus als Kita

Ein Problem teilt Fronhausen aber mit vielen anderen Kommunen: Es gibt zu wenig Kita-Plätze. Nachdem ein Großteil der Betreuungszeit kostenlos wurde und durch Kifög sich auch die Belegungszahlen geändert haben, fehlt es an Unterbringungsmöglichkeiten. Die Kommune hat bereits in Holzhausen eine Waldkita eingerichtet und letztes Jahr eine neue Kita eingeweiht - doch es reicht noch immer nicht.

Und jetzt, obwohl übergangsweise ein Dorfgemeinschaftshaus als Kita genutzt wird, fehlt es an Raum: Für ein paar Kinder gibt es aktuell keine Betreuungsplätze. Für noch mehr Neubauten findet man derzeit keine bezahlbare Baufirma.

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