Lage ist angespannt

Woran es liegt, dass Blutspender dringend gesucht werden

  • Thomas Brückner
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Die coronabedingten Restriktionen schlagen nach dem Hochfahren der OPs durch, die Vorräte des Blutspendienstes reichen nurmehr einen guten Tag: Spender gesucht - auch im Kreis Gießen.

"Blut ist ein ganz besonderer Saft", wusste schon Goethes Mephisto: Dass der besonders wertvoll ist, erfahren täglich Tausende Patienten, die eine Transfusion benötigen. Da Blutpräparate nur begrenzt haltbar sind, konnten während des Shutdowns keine Vorräte angelegt werden. Mit dem Hochfahren der Operationen in den Kliniken tut sich jetzt ein Engpass auf: Blutspender dringend gesucht - auch im Gießener Land.

Rund 90 Prozent des Bedarfs an Blutpräparaten werden in Hessen durch Menschen gedeckt, die den Aufrufen des Roten Kreuzes folgen und spenden. Bei den Terminen geben sie sich mit einer Tasse Kaffee oder einem Stück Streusel als "Lohn" zufrieden. Ein immens wichtiger Dienst am Mitmenschen.

Zwar sorgen Ärzte und Pflegekräfte des Blutspendedienstes Hessen-Baden-Württemberg, eine gemeinnützige Tochter des DRK, für den fachgerechten Aderlass, doch braucht es die Hilfe der Ehrenamtlichen bei der Organisation. Dafür sorgt etwa das DRK Laubach. Aufgrund der Pandemie konnte der März-Termin erst vor zwei Wochen stattfinden. Doch Befürchtungen, aus Angst vor Ansteckung werde die Teilnehmerzahl einbrechen, erwiesen sich als unbegründet: Trotz der Schutzmaßnahmen (siehe Zusatzelement) überraschte die konstante Resonanz von 90 Spendern, darunter gar 15 Debutanten.

Siegbert Maikranz, seit 40 Jahren im Roten Kreuz engagiert und Vorsitzender des rund 500 Mitglieder zählenden DRK-Ortsvereins Laubach: "Von Zurückhaltung kann keine Rede sein." Zumal jetzt eine Voranmeldung gefordert sei.

Was auch Vorteile hat, wie Eberhard Weck, Sprecher des Blutspendedienstes Hessen-Baden-Württemberg, sagt. Landesweit hat er positive Rückmeldungen erhalten, da die "Durchlaufzeit" auf 20 bis 30 Minuten gesunken sei.

Die ungebrochen hohe Motivation der Menschen, einen halben Liter des dringend benötigten "Lebenssaftes" zu spenden, bestätigt Weck. Dass es Engpässe gibt, habe schlicht damit zu tun, dass ein nach dem Lockdown erhöhter Bedarf mit weniger Spenden zusammenfalle.

Auch im Kreis Gießen: Die Statistik des Blutspendedienstes zeigt zunächst einen coronabedingten Rückgang der Termine von 30 auf 26 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (Januar bis September). Die Spendenzahl sank um 311 auf 2137. Der höhere Anteil von Erstspendern immerhin ist für den Sprecher der DRK-Tochter ein Indiz für eine sogar gestiegene Solidarität der hiesigen Bevölkerung.

Weck, Abteilungsleiter Spenderbindung und -gewinnung, hofft denn auch, dass die jüngst auch von der Politik ausgesendeten Appelle zur Blutspende gehört werden. Denn, das stellt er unmissverständlich klar: "Die Lage ist angespannt."

Während des Shutdowns, kommt er auf eingangs skizzierte Ursachen zu sprechen, seien zur Sicherung von Personal- und Bettenkapazitäten für Covid-19-Patienten planbare OPs ausgesetzt worden. Mit den Lockerungen aber steige nun wieder die Behandlungsfrequenz - einher gehe ein "sprunghafter Anstieg" des Bedarfs an Blutpräparaten.

Das Angebot aber hinkt weit hinterher: "Wir hätten gern einen Vorrat von vier Tagen, doch mehr als ein guter Tag ist es nicht - wir leben von der Hand in den Mund", unterstreicht Weck. Die Notfallversorgung sei zwar gesichert, doch müssten womöglich nicht lebensnotwendige Eingriffe verschoben werden.

Auf den üblichen Aufschwung nach den Ferien kann das DRK nicht setzen. Zu den Corona-Restriktionen nämlich zählt nicht nur das Spendeverbot für Menschen, die in den letzten zwei Wochen Kontakt zu einer infizierten Person hatten oder selbst Symptome zeigen.

Außen vor bleiben auch jene, die sich in dieser Zeit in einem Risikogebiet aufgehalten haben. "Früher beschränkte sich das auf Asien und Afrika, heute zählen Gebiete in Deutschland oder etwa Paris dazu." Womit viele Spender ausgefallen seien.

Doch warum wurden während des Shutdowns, da Spenden unter Auflagen erlaubt und der Bedarf gering, keine Vorräte angelegt?

Zum einen, erklärt der Rotkreuzler, habe im Frühjahr niemand abschätzen können, wie lange diese Situation anhält. Vor allem aber sei Blut nur kurzfristig lagerbar, könne man einzig das Plasma bis zu zwei Jahre einfrieren. Erythrozyten dagegen seien wegen der hier gegebenen lebenden Zellen nur 24 Tage aufzubewahren. Thrombozyten, größtenteils für Leukämiepatienten benötigt, überdauerten sogar nur vier Tage. "Deshalb muss bei uns das Blut ständig fließen."

Bei all den Schwierigkeiten bei der Versorgung mit dem "besonderen Saft" gibt Weck doch eines zu bedenken. "Noch vor zehn Jahren war der Bedarf viel höher, die Kliniken haben gelernt, mit weniger auszukommen, fragen heute: Ist denn jede Transfusion notwendig?" Und als ebenso positiv stellt er am Ende nochmals die in diesen Zeiten eher gestiegene Solidarität heraus - nur dürften eben viele aufgrund der Restriktionen nicht zum Aderlass. Und leider nicht nur jene, die kürzlich Urlaub in Paris gemacht haben.

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