+
Drei Stunden am Tag sitzt Ulrike Geilfus in der Regel auf ihrem Sofa im Wohnzimmer - in der "Häkel-Höhle", wie sie ihr Reich nennt.

Die Woll-Lüstige

Knallbunte Figuren aus Wolle: Wie eine farbenblinde und sehbehinderte Pohlheimerin ihrer Krankheit trotzt

  • schließen

Ulrike Geilfus aus Pohlheim ist nahezu blind, sie sieht außerdem keine Farben mehr. Ihrer Erkrankung begegnet sie knallbunt mit gehäkelten Tierfiguren voller Humor.

Grau ist nur ihr Haar. Ansonsten ist an Ulrike Geilfus alles kunterbunt. Ein roter Hut sitzt auf ihrem Kopf, sie trägt eine gelbe Jacke. Um ihren Hals schlängelt sich ein Schal in strahlenden Regenbogenfarben. Selbst das Lachen der Pohlheimerin ist leuchtend hell. Es ist Mittwochfrüh, Geilfus betritt das Gießkannenmuseum in Gießen - und übergibt eine Häkelfigur: einen Wiesnfest-Besucher im bayrischen Janker, in der rechten Hand hält er eine Maß Bier. Es ist freilich eine Gießkanne - und der gesamte Körper aus Wolle in den Farben Orange, Violett, Pink und Türkis spitzt sich nach vorne zu einem Rohr zu. "Ist das etwa eine Erektion?", dürfte sich so mancher Betrachter des Kunstwerks fragen. Geilfus lacht. "Das liegt im Auge des Betrachters."

Die 62 Jahre alte Frau ist nahezu blind, ihr Blickfeld ist auf inzwischen sieben Grad reduziert, außerdem sieht sie keine Farben mehr. Und doch ist sie Künstlerin. Täglich häkelt sie an witzigen bunten Tierfiguren.

Ulrike Geilfus nippt an einem Glas Wasser und erzählt aus ihrem Leben. Inzwischen hat sie in einem Besprechungsraum der Gießener Allgemeinen Platz genommen. Wer sich mit ihr unterhält, erkennt schnell ihren trockenen, schrägen, bisweilen scharfen Humor. Auch sich selbst nimmt sie auf die Schippe. "Wäre ich beziehungsfähig, würde ich vielleicht backen", sagt sie. "Ich säße wahrscheinlich glücklich mit ’nem Mann und vielen Kindern vor meinem Hefeteig und würde die mit Pflaumenkuchen füttern."

Beschreibt Geilfus ihre Krankheit, erklärt sie: "Normalerweise hat man ein Gesichtsfeld von 180 Grad." Ihres aber schrumpft und schrumpft. "Ich begebe mich deshalb immer tiefer in meine innere Welt. Die kann mir keiner nehmen." In den vergangenen Monaten sei das Blickfeld kaum geschwunden. "Es ist ein schleichender Prozess. Seit zwei Jahren habe ich nicht mehr täglich diese Panik, dass ich vollblind werden könnte." Außerdem sei sie dankbar, dass sie noch in Farben träumt. In ihren Träumen fliege sie dann durch die Luft. "Nur nicht,wenn ich fliegend Einkaufstaschen trage. Dann verliere ich das Gleichgewicht, da schmiere ich ab."

Auf die Frage, woher sie ihren Humor nimmt, antwortet sie: "Man kann sich von Leid distanzieren, indem man darüber lacht." Sie sei froh über ihr gut funktionierendes Gehirn. Wenn ihr etwas zu viel wird, dann stelle sie sich auch mal vor, gerade in einer Vorabendserie zu spielen. "Bin ich dann gerade in einem realen Arztgespräch, muss ich aufpassen, dass ich nicht in Lachen ausbreche."

Erste Figur mit 18 gehäkelt

Drei Stunden am Tag sitzt sie in der Regel auf ihrem Sofa im Wohnzimmer - in der "Häkel-Höhle", wie sie ihr Reich nennt. Dutzende Figuren sitzen hier in Regalen. Auch ein Chirurg aus Wolle ist darunter, in der Hand hält er ein Küchenmesser. "Ich nenne ihn Dr. G. Metzel", sagt sie lachend. "Mein Liebling." Auf Wunsch häkelt Geilfus Figuren im Auftrag, die sie unter anderem in Hüttenberg in "Sylvi’s Stöberkiste" verkauft. "Ein Zahnarzt hat mich mal gebeten, ihm eine Hasenbiene für seine Freundin zu häkeln. Ratten seien aber ihre Lieblingstiere. "Das sind echte Typen."

Mit 18 Jahren häkelte sie erstmals eine ihrer Figuren. Damals lag sie vier Monate in einer Klinik, wegen der Krankheit Morbus Crohn. Sie habe damals ein Comicheft gelesen, in dem ein Außerirdischer die Welt erobern will, am Ende aber mit gebrochenem Arm, blauem Auge und wehendem Verbandszeug ins Weltall zurückrauscht. "Er war so hässlich und dünn wie ich. Ich habe gedacht: Das ist meine Figur." Sie habe ihre Mutter um Garn und eine Häkelnadel gebeten. "Die Figur kam gut bei den anderen Patienten an."

Aufbegehren gegen das Graumäusigwerden

Ulrike Geilfus ist in Frankfurt groß geworden. Mit 22 Jahren zog sie Ende der 70er Jahre nach Pohlheim, der Liebe wegen. 1993 wurde bei ihr Retinitis Pigmentosa diagnostiziert - eine unheilbare Krankheit, durch die allmählich die lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut sterben. Die gelernte Bandagistin verlor ihren Job, die Ehe zerbrach, plötzlich war sie allein mit einem 13 Jahre alten Sohn. Schon damals trotzte sie der Erkrankung - und studierte Kommunikation und Design in Frankfurt. "Das war toll. Endlich habe ich Menschen getroffen, die genauso schräg wie ich drauf sind."

Sicher, sie habe auch schwere Zeiten erlebt, räumt die Watzenborn-Steinbergerin ein. Wie sie ihrer Erkrankung heute mit Humor, Häkelkomik und Buntheit begegnet, ist indes keineswegs naiv und hat auch nichts mit Verdrängen zu tun. "Es ist ein Aufbegehren gegen dieses Anpassen, gegen das Graumäusigwerden", sagt sie. Sie wolle Signale senden, "dass ich lebensfroh bin". Sie kleide sich außerdem bunt, um sich zu schützen. "Keiner vergreift sich an mir, weil ich auffalle und es genug Augenzeugen gäbe."

"Will das Leben genießen"

In ihrem Alltag genieße sie kurze Begegnungen, ob im Supermarkt oder im Secondhandshop. Betroffenheit und Mitleid ärgern sie. Vor mehreren Jahren hat sie ein Kinderbuch illustriert, sie hat auch mal für ein Magazin des Landkreises gearbeitet. Plötzlich erzählt sie, worauf sie sich morgen freut: "Im Fernsehen läuft ein Star-Trek-Marathon." Die Folgen kenne sie seit vielen Jahren auswendig, daher könne sie der Serie problemlos auch zuhörend folgen. In die Karibik komme sie wohl nicht mehr, erklärt Geilfus. "Aber ich will das Leben genießen. Mir spuckt keiner mehr in die Suppe."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare