Wolken im Wasser

  • vonStefan Schaal
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Jeden Tag gibt Faezeh Bergk-Golshan in ihrer Kunstschule in Niederkleen Unterricht im Malen, Zeichnen und in der Erstellung von Skulpturen. Bei Ausstellungen im Kreisgebiet fallen immer wieder erstaunlich meisterhafte Werke ihrer Schüler auf. Was will sie den Kindern auf den Weg geben?

Hinten, an der Wand des Ateliers von Faezeh Bergk-Golshan, hängt ein riesiges Gemälde, in das man hineinsteigen möchte. Ein Sonnenuntergang am Wasser. Das Abendrot, ein orangefarbener Streifen und Wolken spiegeln sich auf der Oberfäche des Sees. Unten ragt der Bug eines Boots in das Bild hinein. Hier, vor diesem Gemälde, in der Kunstschule in Niederkleen, malen jeden Tag Kinder unter Bergk-Golshans Anleitung.

Wobei: Das Wort "Anleitung" beschreibt den Unterrichtsstil der Kunstpädagogin nicht ganz treffend. Bergk-Golshan begleitet die Schüler eher - und ermutigt Kinder zu eigenen künstlerischen Ideen.

Der acht Jahre alte Christian sitzt an einem Tisch im Atelier und zeichnet mit einem Bleistift und mit viel Akribie einen Elefanten, dessen Haut von unzähligen kleinen Musterungen gesäumt ist, die an Tribal-Tattoos erinnern. "Die Lehrerin gibt mir nicht streng vor, was und wie ich malen soll", sagt Christian. Sie habe ihm zu Anfang eine große Auswahl an Bildern gezeigt, von denen er sich eines ausgesucht habe. "Der Unterricht ist locker", erzählt Christian. "Sie sagt nicht: Mach das anders. Sie sagt: wenn es dir so gefällt." Die Lehrerin gebe aber während des Zeichnens Tipps, habe ihm zum Beispiel vor Kurzem gezeigt, wie man schraffiert und wie man dabei immer wieder den Bleistift im rechten Winkel neu ansetzt.

Was er irgendwann mal beruflich machen will, wisse er noch nicht, sagt Christian. Künstler vielleicht? "Nicht direkt", antwortet der Achtjährige. "Eher Ingenieur." Denn er habe über sich gelernt: "Das Abstrakte ist nicht so meins."

Seit 1996 ist Bergk-Golshan in Langgöns als freischaffende Künstlerin und Kunstpädagogin mit eigenem Atelier tätig. Die Kunstschule in Niederkleen und die Werkstatt hat sie vor 13 Jahren eröffnet.

Sie verzichtet auf Werbung, setzt auf Mundpropaganda. Für Aufsehen sorgen indes immer wieder Ausstellungen im Gießener Land, in denen sie Werke ihrer Schüler zeigt. Die mitunter meisterhaft anmutenden Werke bringen den Betrachter zum Staunen.

Kindliche Motive wie Blumen oder Bäume oder Bilder von Mama und Papa sind eher selten zu sehen. Die Schüler bringen stattdessen detailreiche Selbstporträts und Naturbeobachtungen auf die Leinwand - etwa eine Meereswelle, in deren Gischt jeder funkelnde Wassertropfen ein eigenes Kunstwerk ist.

"Es gibt nichts auf der Welt, das so einfach ist wie Malen und Zeichnen", sagt Bergk-Golshan. Ihr gehe es im Unterricht darum, die Schüler zu Fantasie und Kreativität anzuregen. Hin und wieder geht sie mit den Kindern nach draußen; die Staffeleien werden dann in der Natur aufgestellt. Sie unterhält sich mit den Schülern über ihre Werke, sie sollen ihre Ideen in Worte fassen, sich mit Kunst auch kritisch befassen. "Ein Ziel ist, dass sie ihren eigenen persönlichen Stil und eine künstlerische Ausdrucksfähigkeit finden." Sie vertraue den Kindern, sagt Bergk-Golshan. "Wahrnehmung mit allen Sinnen - das will ich vermitteln."

Vor dem riesigen Gemälde mit dem Sonnenuntergang am See sitzen zwei Mädchen über ihren Werken. Am Anfang haben sie sich in einem Raum des Ateliers, an dessen Wänden Hunderte Fotos hängen und Kunstbücher in Regalen stehen, nach Motiven und Vorbildern für ihre Werke umgeschaut. Dürers Selbstbildnis ist dort beispielsweise zu sehen, eine Gruppe von Balletttänzerinnen und viele Gesichter von älteren Menschen. "Bei diesen Motiven bevorzuge ich Menschen mit Ecken und Kanten, mit Spuren vom Leben", sagt Bergk-Golshan.

Während die beiden Mädchen eine Katze und eine Manga-Figur malen, stellt sich die Kunstpädagogin neben sie. Und sie beginnt, geometrische Formen und Figuren in den Gemälden zu entdecken. "Du hast den Schirm erkannt", sagt sie. "Und hier ein U." Sie habe ein Gespür für die weiße, negative Fläche, die also nicht vom Motiv bedeckt ist, lobt Bergk-Golshan eine der Schülerinnen. Das Mädchen sagt anschließend über ihre Lehrerin: "Sie entdeckt Dinge, die mir selbst gar nicht so aufgefallen sind."

Sie wolle den Schülern in der Praxis Grundlagen vermitteln, sagt Bergk-Golshan. "Man baut ja im Haus auch nicht gleich das Waschbecken, ohne das Fundament gelegt zu haben." In Teheran ist sie aufgewachsen, in Paris und Venedig hat sie schon gearbeitet. Nun stellt sie auch bei Dorffesten in Langgöns aus. Wie ist das, als Künstlerin in der Provinz? Sie winkt ab. "Ach", sagt sie. "Wir sind eine globale Welt."

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