Wolfgang Niedecken und BAP. Weitere Fotos in der Mediathek.	(Foto: no)
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Wolfgang Niedecken und BAP. Weitere Fotos in der Mediathek. (Foto: no)

Wolfgang Niedecken und BAP ganz ohne Stromgitarren

Wolfgang Niedecken kennt man als Rockmusiker, der mit BAP den breitbeinigen Gitarrenhelden gibt. Am Samstag in der Alten Oper zu Frankfurt zeigte sich der Meister aber ganz anders – ohne Stromgitarre und »ohne Stecker«. Am Vorabend seines 63. Geburtstages gab er ein bezauberndes Hauskonzert.

In der seit Wochen restlos ausverkauften Alten Oper zu Frankfurt mochten etliche der 1700 Besucher womöglich ihren Augen nicht trauen – und schon gar nicht ihren Ohren: Die Kölsch-Rock-Formation BAP mit Frontmann Wolfgang Niedecken kam dreieinhalb Stunden ohne Stromgitarren aus, ohne heldenhaft performte Rockmusik – und konnte trotzdem gefallen. Vielleicht hatte aber gerade deshalb der Beifall nicht enden wollen kurz vorm »Happy Birthday«. Es war nämlich ein bezauberndes Hauskonzert, eine Art »Stubnmusi«, wie man in Bayern sagt.

Seinen Schlagzeuger Jürgen Zöller hatte Niedecken an die Leine gelegt; der 66-jährige Senior arbeitete meist nur mit Bambussticks. BAP verzichtete auf die ganze Palette an Stratocaster-Varianten: Klassische Korpusgitarren, Kontrabass, Cello, Fußpedal-Steal-Gitarre, ein indisches Harmonium, Orffsche Instrumente, Akkordeon, Mandolinen, eine türkische Cümbüs und in einem Fall eine Posaune sowie Percussion in ihrer ganzen Bandbreite waren es, womit die Musiker dem Konzert einen ganz eigenen Stempel aufdrückten. BAP war an diesem Abend – und ist es während der bis in den Spätsommer reichenden »… zieht den Stecker«-Tour – angesiedelt zwischen Weltmusik und den Unplugged-Auftritten eines Bruce Spingsteen.

Die Klangbilder kennt man aus Folk und Country, die Arrangements sind gleichwohl nicht »vom Lagerfeuer« und bieder, sondern anregend, geradezu faszinierend.

Liebeslieder und Reisebilder

Niedecken machte sich seinen Spaß daraus, lud zum »Sitzkonzert« ein (»Jetzt dürft ihr wieder zu den Keksen greifen«), nutzte diese für BAP ganz ungewohnte Ruhe zum ausgiebigen »Verzählches«. Zwar bewegte man sich in der Tradition der »Tonfilm«- Konzerte (1999/2000), aber das Ganze klang deutlich reifer, runder, irgendwie fast vollendet. Zurückzuführen ist dies nachgerade auf die »Zosamme alt«-Produktion Niedeckens für seine Frau Tina, den Schutzengel, Ende 2012 auf die Beine gestellt mit US-Musikern in Woodstock und New York.

Der 63-jährige hatte sein gewohnt gutes »Stammpersonal« dabei; neben Zöller also Michael Nass (Tasten) und Bassmann Werner Kopal. Für den privat verhinderten Helmut Krumminga gab Ulrich »Ulle« Rode den Leadgitarristen. Herausragend indes die beiden Gastmusiker: Anne de Wolff, die 43-jährige Geigerin und Multiinstrumentalistin, und Rhani Krija, der marokkanische Percussionist (Sting u. a.). Ohne de Wolff mag man sich BAP schon seit Jahren nicht mehr vorstellen. Mit dem in Köln lebenden Krija versteht sich Niedecken im Blindflug – musikalisch wie persönlich. Der »Rhythmusklangbildner« ist aus Essaouira am maghrebinischen Atlantik, dem Rückzugsort des Meisters von Rhein-Kilometer 684 .

Und die Musik, die Titel? Die bekannten Liebeslieder waren es vor allem, allesamt filigran arrangiert, noch mehr zu Herzen gehend. Dann natürlich die vertonten Roadmovies, die in Worten gemalten Reisebilder. Exzellent dabei die Marokko-Abteilung (inklusive »Oleander blööd«).

Zudem ein paar verschollen geglaubte Kostbarkeiten aus dem BAP-Archiv, eine jede wie ein Diamant, frisch poliert, hier und da mit neuem Schliff versehen. Etwa »Jupp«, »Nöher zu mir« aus der »Pik Sibbe«-Produktion, Niedeckens Lieblingslied unter den Hervorgekramten, »Lisa« und »Neppes, Ihrenfeld un Kreuzberg« (1979, aktualisiert) sowie »Sendeschluss« aus den frühen 1980ern (»Mama schläft zwischen Salzgebäck und Bier«).

Wer’s verpasst hat: Neuauflage am 31. Juli und am 1. August in Hanau, Amphitheater.

Ein paar Fotos mehr vom Konzert (auch zum Bestellen von Abzügen) i n der Mediathek.

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