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Das Cover zum neuen Buch von Herbert Loch: "Grimms Märchen off Platt". Es ist ein Buch, das Herzen wärmt. (Cover: Verlag Frauenzimmer, Laubach-Lauter)

De Wolf ean die siwwe Hetzerchen

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Herbert Loch ist ein Multitalent. Er schreibt, spielt, singt und segnet. Unter anderem. Im richtigen Beruf war er Krankenpfleger, war Stationsleiter, ein Vorbild für den Nachwuchs. Er war kein Mann im weißen Kittel, er war ein Mensch - immer zugewandt und zuhörend. Seit sechs Jahren ist er "in Rente" - und hat die Zeit genutzt, Grimms Märchen in Mundart zu "übersetzen". Daraus ist ein Buch geworden. Am Samstag findet nun in Grünberg eine Lesung statt.

Im westlichen Vogelsberg und im östlichen Kreis Gießen kennen ihn viele, obwohl er schon seit langer Zeit nicht mehr in der Region zu Hause ist. Private Schicksalsschläge haben dazu geführt, dass Herbert Loch und seine Frau Veronika ihrem Dorf den Rücken gekehrt haben. Schweren Herzens. Aber in der alten Heimat, in Mücke-Ruppertenrod, holte sie all das Schwere, das Leid, immer wieder ein. So zogen sie an die See, genauer gesagt: nach Schönberg in Holstein. Viel Hausrat haben sie mitgenommen - und ihre Muttersprache. Aber sie waren schon immer offen für Neues. Und so versuchten sie sich gleich im "Snacken". Sie können das gut. Aber "oberhessisch Platt" kommt ihnen eindeutig eleganter über die Lippen.

Herbert Loch kennt noch die ganz alten Wörter, die leider schon weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Zum Beispiel das Wort "Hetzerchen". Was das ist? Ein Zicklein, was sonst. Ziegenkinder kommen auch in Grimms Märchen vor. Mit dieser Sammlung hat sich der 66-Jährige fast sein ganzes Leben lang beschäftigt. Wenn er nicht im Chor sang, nicht auf der Bühne stand und Theater spielte und wenn er nicht als Prädikant predigte, dann schrieb er eigene Mundartstücke - oder eben bekannte Texte wie Grimms Märchen um. Und das macht er noch heute.

Zuletzt hatte Loch im Lutherjahr 2017 ein Stück über den Reformator verfasst. Die Alsfelder Allgemeine schrieb darüber: "Das Spektakel fand auf ›Bäckersch Hoob‹ im Freien vor rund 400 Besuchern statt." Und: "Die Gäste bedankten sich mit frenetischem Applaus." So ist er, der Mann aus dem Vogelsberg: Was er macht, macht er richtig. Nach diesem großen Erfolg widmete er sich wieder dem Märchenschatz der Brüder Grimm - und erfüllte sich einen langen Traum: Er übersetzte zwölf Episoden in Mundart. Mit dabei Klassiker wie Hänsel und Gretel, Rotkäppchen, Schneewittchen, aber auch "Der Fischer und seine Frau". Die Bremer Stadtmusikanten lässt Herbert Loch als "Labacher Stadtmusikanten" aufmarschieren.

Es ist ein wunderbares Buch geworden - für alle, die noch Mundart sprechen oder sie zumindest verstehen. Und für alle, die sich daran versuchen möchten. Herbert Loch schreibt so, wie er spricht. Und das ist manchmal nur schwer zu verstehen, besonders für alle Zugezogenen. Man muss sich schon etwas Mühe geben, aber es lohnt sich, denn man wird mit Texten konfrontiert, die einem das Herz wärmen.

Wir haben Herbert Loch zu seinem neuen Buch ein paar Fragen gestellt. Er hat sie beantwortet. Mal Hochdeutsch, mal Platt, aber immer typisch Herbert. Der Autor und der fragende Redakteur sind zufälligerweise Cousins - und duzen sich natürlich. Auch für dieses Interview.

Grimms Märchen in Mundart, versteht das denn heutzutage noch jemand?

Herbert Loch:Wir Älteren allemal. Die Jüngeren eigentlich auch. Es besteht sprachlich gesehen noch ein gewisses Fundament - und der Märcheninhalt ist bekannt. Das Sprechen oder Schreiben ist schon schwieriger.

Du hast dich ja schon früher mit den Brüdern Grimm beschäftigt. Warum sind dir diese Märchen so wichtig?

Loch:Weil sie einerseits hier in unseren Breiten angesiedelt sind und durchaus im "Oowerwaald" (Oberwald rund um den Hoherodskopf) oder in der "Wearreraa" (Wetterau) gespielt haben könnten. In der Region also, in der Mitte Hessens. Und so habe ich meine Märchen ja auch angelegt. Auch waren es in der Regel die Geschichten, welche "Omma ean Obba immer verzohlt hu".

Wie viele Märchen hast du denn "übersetzt"? Und bitte nenn doch ein paar…

Loch:Zwölf, einige davon schon früher und vier ganz neu. Zuerst die bekanntesten wie: Schneewittchen, Hänsel und Gretel, Rotkäppchen, dann aber auch die "Labächer (Bremer) Stadtmusikanten und Der Fischer und seine Frau. Das ist nebenbei bemerkt eins der wenigen, die natürlich an der Küste spielen - aber mit Mundart "unterlegt". Und Hans im Glück.

Sprechen alle Figuren "Platt"?

Loch:Nein. Nur die liebenswerten Charaktere. Um ein bunteres Sprachbild zu bekommen, reden manche Figuren auch Hochdeutsch, vor allem "bessere Leu", oder auch mal einen anderen Dialekt.

Sind also alle Mittelhessen gute Menschen?

Loch:Keineswegs! Welcher Mensch ist schon durchweg nur gut. Auch manche Dialektfiguren haben einen miesen Charakter.

Warum sprechen die Bösen Hochdeutsch?

Loch:Zu dieser Frage beziehe ich mich ein wenig auf die vorausgegangene. Die Fremden sprechen natürlich keine Mundart, wohl aber gibt es auch viele gute Menschen darunter, zum Beispiel Frau Holle. Aber es stimmt schon - und das war der Furcht vor allem Fremden geschuldet -, die Menschen waren früher erst einmal vorsichtig. Und sind es heute manchmal immer noch. Man erzählte sich doch immer erst mal die schlimmen Dinge von "de Leu voo Iwwerfeald". Und das musst du als Redakteur jetzt übersetzen.

Ich versuche es mal. Also wortgetreu gibt es da nichts. Aber es bedeutet sinngemäß: ›Die Menschen, die aus der Ferne kommen.‹ Kann ich das so stehen lassen?

Loch:Vo mir aus schu. Obwohl: Man könnte es auch eleganter ausdrücken (lacht laut).

Danke! Welches ist dein Lieblingsmärchen? Und da kannst du auch gerne über die Brüder Grimm hinausgehen …

Loch:Eindeutig "De Hoas ean de Iil" - waren doch die Charaktere so bildhaft zu beschreiben... Aber über die Moral lässt sich streiten.

Für die Nichtplattschwätzer: Er meint "Der Hase und der Igel". Welche Märchenfigur magst du besonders?

Loch:Hans im Glück! Er wird zwar überall übers Ohr gehauen, aber nur vordergründig. Letztlich befreit sich Hans von allem Ballast und wird dadurch zu einem zufriedenen und glücklichen Menschen.

Was lernen wir aus Grimms Märchen?

Loch:Sie sind eine Möglichkeit, in die Kindheit zu entfliehen. Und in eine Traumwelt - zu welcher wir als Erwachsene oft keinen Zugang mehr haben.

Hat die oberhessische Mundart eine Zukunft?

Loch:In ihrer ursprünglichen Form sicher nicht. Die ist schon ausgestorben. Das ist sehr schade, verschwinden doch Begriffe wie "geliem" und "Setzkoarwe" - woas das nur wirrer bedeure soll? Sie haben eine deutlich größere Aussagekraft als ähnliche Begriffe im Hochdeutschen. Mit dem Beschäftigen, Schreiben und Lesen können wir das endgültige Verschwinden oder das unheilvolle Vermischen aber wohl noch ein wenig hinauszögern.

Was um Himmels Willen ist denn ein Setzkoarwe?

Loch:Dass du das nicht weißt ... Wortgetreu gibt es da nichts. Es steht für eine junge Frau, die keinen Mann findet. So, nu macht’s gout, ihr Leu, mir komme deasse Weander emool stregge. Auern Loche Herbert.

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