Zweimal Wiener Schmitzel, zweimal den Salat der Provence: Das Wohnmobil-Dinner der Ratsstube Edelweiß in Steinbach wird von den Gästen gut angenommen. Am Sonntag fuhren fünf Camper den Parkplatz an der Fernwaldhalle an. 	FOTO: TI
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Zweimal Wiener Schmitzel, zweimal den Salat der Provence: Das Wohnmobil-Dinner der Ratsstube Edelweiß in Steinbach wird von den Gästen gut angenommen. Am Sonntag fuhren fünf Camper den Parkplatz an der Fernwaldhalle an.

Gastro-Idee

Wohnmobil-Dinner in Corona-Zeiten im Kreis Gießen

  • vonChristina Jung
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Die Gastronomie gehört in der Pandemie zu den besonders gebeutelten Branchen. Nach dem Lockdown im Frühjahr ist seit Anfang November wieder Flaute. Wer durchhalten will, braucht unter anderem kreative Ideen. Zum Beispiel ein Wohnmobil-Dinner wie in der Ratsstube Edelweiß in Steinbach.

Gänseessen im Familienkreis, Weihnachtsfeiern mit der Firma oder dem Verein, Festschmaus an den Feiertagen. Die Gastronomie macht in diesen Tagen normalerweise ein Bombengeschäft, Tische sind oft schon Wochen vorher ausgebucht. In diesem Jahr allerdings ist tote Hose. Seit Anfang November sind die Lokale dicht. Mal wieder. Viele können das nur durchhalten, weil sie staatliche Unterstützung erhalten, Rücklagen und treue Gäste haben, die sich weiterhin bei ihrem Lieblingsgastronom mit Essen eindecken und es dort abholen. Eine Sache ist in Zeiten der Pandemie für die Wirte aber ebenso wichtig: Kreativität.

Sonntagmittag, 12.50 Uhr, Parkplatz Fernwaldhalle: Eine junge Bedienung kommt aus dem Gastraum der Ratsstube Edelweiß die Treppen hinunter, ein Tablett mit einer Flasche Tafelwasser und drei Gläsern auf der Hand. Sie steuert eines der drei Wohnmobile an, die dort stehen, und klopft an die Tür, die daraufhin von innen geöffnet wird. »Das Essen ist gegen zehn nach eins fertig«, informiert sie die vierköpfige Familie, die es sich im Innern des Campers gemütlich gemacht hat, nimmt noch eine Getränkebestellung entgegen und verschwindet wieder in Richtung Lokal.

Wohnmobil-Dinner im Kreis Gießen: Neue Idee auf dem Dorf

Das Wohnmobil-Dinner ist ein neues Angebot von Ratsstuben-Wirt Herbert Stückler und seinem Team. Initiiert wurde es von seiner Tochter und Assistentin Anna-Maria Gabriel sowie einer Kollegin. »Die Gießener Gastronomie hatte in der Corona-Zeit immer wieder coole Ideen und ich habe überlegt, was wir hier auf dem Dorf machen können«, erzählt Gabriel. Bei ihren Gedankenspielen kam der Hinweis eines Gastes über Facebook gerade richtig, der sie über den Trend des Wohnmobil-Dinners informierte. »Ich hatte davon noch nichts gehört«, sagt Gabriel. Aber sie erkannte sofort, dass sich das Edelweiß mit dem großen Parkplatz vor der Tür geradezu perfekt dafür eignet.

13.12 Uhr, es klopft erneut an der Tür des Campers. Die Bedienung serviert die ersten beiden Essen, kurz darauf zwei weitere. Nebenan öffnet sich die Tür eines anderen Wagens. »Können Sie bitte unsere Teller mitnehmen«, fragt ein Herr aus dem Inneren. Klaus Ettling und seine Frau Traudel haben bereits fertig gegessen.

Das Ehepaar aus Lollar ist zum ersten Mal beim Wohnmobil-Dinner, gemeinsam mit der Familie ihres Sohnes, die im Nachbarfahrzeug sitzt. »Ich finde das eine tolle Idee«, sagt Traudel Ettling. Eine echte Alternative, wenn man in diesen Zeiten mal etwas anderes sehen will als die eigene Küche. Im Internet war die Familie auf das Angebot gestoßen.

»Zu Hause ist da, wo wir parken«, lautet der Slogan, mit dem die Steinbacher Wirtsleute ihr neues Angebot auf Facebook und Instagram bewerben. Am 25. November sind sie damit an den Start gegangen und überrascht von der positiven Resonanz. Am vorvergangenen Wochenende kamen acht Wohnmobile, am letzten noch mal so viele. In den sozialen Medien wird die Aktion in den höchsten Tönen gelobt und so mancher hat sich bereits auf die Suche nach einem Leihwagen begeben.

Wohnmobil-Dinner im Kreis Gießen: Mehr Aufwand für Betreiber

Auch wenn das Angebot gut angenommen wird, für das Edelweiß-Team bedeutet es mehr Aufwand. »Wenn ich vier Personen pro Wohnmobil rechne, muss ich mindestens dreimal laufen. In dieser Zeit kann ich nicht ans Telefon«, sagt Anna-Maria Gabriel. Dort aber laufen die Essensbestellungen der Selbstabholer ein, die etwas später dann auch ausgegeben und abgerechnet werden müssen. Da sich Herbert Stücklers Mitarbeiter zu 90 Prozent in Kurzarbeit befinden und der Chef selbst am Herd steht, ist nicht immer jemand da, der übernehmen kann.

13.50 Uhr. Die vierköpfige Familie ist satt und macht sich zu einem Verdauungsspaziergang in die Steinbacher Gemarkung auf. Als sie zurückkehrt, sind die beiden anderen Wohnmobile bereits abgefahren. Für den Abend erwartet das Edelweiß-Team zwei weitere Camper.

Angebote wie das Wohnmobil-Dinner seien notwendig, um die Krise zu überstehen, sagt Anna-Maria Gabriel. Gerade mit Blick auf das ausbleibende Weihnachtsgeschäft. »Wir hatten schon im September viele Anfragen für Feiern, bis Dezember gab es kein freies Wochenende mehr«, so die studierte Hotelmanagerin.

Trotz erneutem Lockdown und der Überzeugung, dass das Edelweiß so schnell nicht wieder öffnen wird, blickt die 25-Jährige positiv in die Zukunft. Mit der Situation umgehen, sich auf neue Beschränkungen einstellen und das Beste daraus machen, lautet ihre Devise. Gabriel: »Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben.«

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