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Der 35-jährige Bäckermeister Peter Seidl aus Krofdorf-Gleiberg liebt seinen Beruf. Damit das so bleibt und er den Spaß an der Bäckerei nicht verliert, ändert er die Arbeitszeiten in der Backstube und das Geschäft bleibt am Wochenende zu.

Bäckerei

Radikale Änderung bei beliebtem Bäcker im Kreis Gießen - „Ich muss auch mal an mich denken“

  • Rüdiger Soßdorf
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Bäckermeister Peter Seidl aus Krofdorf-Gleiberg geht neue Wege. Er lässt künftig am Wochenende die Backstube kalt und das Geschäft zu. Sein Argument: Mehr Lebensqualität - für ihn selbst und für seine Mitarbeiter. Und er hofft auf das Verständnis der Kunden für die Suche nach neuer Work-Life-Balance.

Wettenberg - Als Norbert Seidl 1967 in die Lehre ging, da war das schon so: Gebacken wurde nachts und in den frühen Morgenstunden. Auch am Freitag für den Samstag und am Samstag für den Sonntag. Sein Sohn Peter, der heute 35-jährige Bäckermeister und Inhaber des Traditionsbetriebs im Krofdorfer Norden, rüttelt jetzt etwas an dem scheinbar ehernen Gesetz seiner Zunft. Und hat dafür das vollste Verständnis des heute 68-jährigen Seniors.

Vom übernächsten Wochenende an, ab dem 20. November, bleibt das Ladengeschäft samstags und sonntags geschlossen und die Backöfen am Wochenende kalt.

»Gutes Brot braucht Zeit. Aber auch Bäcker brauchen Zeit zum Leben«, hat Seidl auf Flyer gedruckt. Seit Mitte dieser Woche informiert er seine Kunden über die kommenden neuen Öffnungszeiten. Und hofft auf deren Verständnis. Künftig wird das Ladengeschäft gegenüber der Turnhalle an der Ecke Banngartenstraße montags geöffnet sein, dann von 11 bis 18 Uhr. Dienstag bis Freitag ab 6.30 bis 18 Uhr. Samstag und Sonntag definitiv bis auf weiteres nicht.

Bäckerei Seidl in Wettenberg: Am Wochenende auf „Halbgebackenes“ setzen

Den Kunden empfiehlt Peter Seidl fürs Frühstück am Wochenende Brötchen, Butterhörnchen und Croissants zum Selberbacken. »Halbgebackenes« wird er verstärkt anbieten, zum Mitnehmen im Laden, größere Mengen nach Vorbestellung.

Was sind die Gründe für einen solchen Schritt? »Ganz einfach: Ich muss auch mal an mich denken. Es ist eine Frage von Work-Life-Balance«, sagt der Bäckermeister, der sechs Tage oder vielmehr Nächte in der Woche in der Backstube steht. Einfach mal sagen, ich mache drei Tage frei, das geht zurzeit nicht. Arbeitswochen mit 70 bis 75 Stunden sind für ihn zur Normalität geworden.

Wenn’s nicht so rund läuft, dann können es auch mal 80 Stunden werden. Zumal er einen sehr hohen Qualitätsanspruch hat. »Ich mache meinen Beruf aus Leidenschaft - aber die geht langsam flöten«, sagt Seidl, der das Unternehmen in dritter Generation führt. Just das will er unbedingt vermeiden: Den Spaß an seinem eigentlich schönen Beruf zu verlieren.

»Ich will zusehen, dass ich auch das normale Leben leben kann«. Single ist der 35-Jährige jedenfalls nicht aus Überzeugung. »Klar finden das Frauen gut, wenn sie hören, dass du selbstständig bist und ein Geschäft mit 14 Mitarbeitern führst«, weiß Seidl. Aber wenn sie dann feststellen, dass es mit Kino am Freitag oder dem gemeinsamen Besuch einer Familienfeier am Samstagabend nichts ist, dann sieht da manches ganz schnell ganz anders aus, hat er erfahren müssen.

Mehr als drei Jahre ist es her, dass Peter Seidl zum letzten Mal an einem Samstag bei der »Eintracht« im Stadion war. Um nach dem Spiel und der Heimfahrt mehr oder weniger nahtlos in der Backstube durchzustarten. »Danach bist Du durch...«, erinnert er sich. Ergo: »Eintracht« findet für ihn zumeist montags in der Zeitung statt.

Bäckerei im Kreis Gießen: An Wochenenden bisher lange Schlangen

Derzeit beginnt sein Arbeitstag um 2 Uhr in der Nacht, auch samstags. Freitags geht es gar um 22 Uhr mit den Vorbereitungen für den Samstag los. Denn während er unter der Woche neben Brot und Kuchen rund 20 verschiedene Brötchensorten im Angebot hat, so sind es am Samstag 30. Plus Torten, Hefekuchen etc. Das will vorbereitet, das will frisch gebacken sein. Die Kunden wissen es zu schätzen. Gerade an den Wochenenden reicht die Schlange der Wartenden bis auf den Gehweg. Wobei auch zu sehen ist: Nicht Samstag und Sonntag sind die umsatzstärksten Tage, sondern eher der Freitag. Am Wochenende ballt es sich nur wegen der kurzen Halbtags-Öffnungzeiten.

Und wie ist Reaktion bislang? »Zu 99 Prozent positiv«, hat der junge Meister in den vergangenen zwei Tagen erfahren. Bei den Kunden gebe es größtes Verständnis. Schließlich wolle er nicht »wegen Reichtum« schließen.

Was sich Seidl zudem von seinem Schritt erhofft: Den Beruf interessanter zu machen. Als Vorstandsmitglied in der Bäcker-Innung, der Standesvereinigung seines Berufes, sowie als Prüfer für Bäckergesellen weiß er um die Nöte im Handwerk: Nicht nur, dass die Zahl der Betriebe immer weiter abnimmt, zugunsten von größeren Unternehmen, die ein Dutzend oder mehr Filialen betreiben. Auch die Auszubildenden werden immer weniger. Gerade mal acht Bäcker-Gesellinnen und -Gesellen wurden in diesem Jahr in und um Gießen freigesprochen. Vor 20 Jahren, als Peter Seidl sein Handwerk erlernte, da waren sie noch 30 angehende Bäcker im Jahrgang. Seidls Beobachtung: »Wer heute im Alter von 15 oder 16 gesagt bekommt: ›Du musst samstags arbeiten‹, der hat meist keinen Bock drauf. Eben dann in der Backstube zu stehen, wenn die Kumpels feiern...«

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