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Wo sich das Mühlrad behäbig drehte

  • VonPatrick Dehnhardt
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Sie sieht aus wie ein Burgturm, hatte aber nie etwas mit Befestigungsanlagen zu tun: die Grüninger Warte. Die beliebte Aussichtsplattform ist der Überrest einer Windmühle.

Der Blick ist atemberaubend. Auf Augenhöhe liegt der Schiffenberg, in der Ferne zeichnen sich der Dünsberg und die Marburger Berglandschaft ab. Nach Westen wird der Limes im Gelände sichtbar, nach Süden die Wetterau und gar Friedberg. Von Osten weht an diesem Tag ein kühler Wind aus Muschenheim und Hungen herüber.

Die Grüninger Warte auf dem 278 Meter hohen Wartberg ist nicht ohne Grund ein bei Wanderern beliebtes Ausflugsziel. Heute steht die Türe des Baudenkmals offen, doch das war nicht immer so.

Auch wenn der Name es nahelegt: Bei der Ruine handelt es sich nicht etwa um einen Wach- oder Burgturm. Es sind die Überreste einer Windmühle.

Werner Bender vom Heimatverein Grüningen kennt die Geschichte des Bauwerks aus dem Effeff. Als die Mühle 1713 gebaut wurde, gehörte Grüningen - genauso wie Holzheim und Dorf-Güll - zum Fürstentum Solms-Braunfels. Graf Wilhelm Moritz von Solms-Greifenstein hatte die Grafschaft geerbt.

Der Adelige ließ Hütten- und Hammerwerke einrichten, um die Bevölkerung zu beschäftigen - heute würde man es ein Konjunkturprogramm nennen. In diesem Zuge entstand auch die Windmühle.

Wilhelm Moritz von Solms-Greifenstein hatte zuvor Handwerker an den Niederrhein geschickt. Diese sollten die Bauart und Funktionsweise Holländischer Windmühle studieren. Nach deren Vorbild entwarfen sie die Mühle für den Wartberg.

Die Konstruktion war quasi ein Staatsgeheimnis. Damit sie niemand nachbaute, verbot der Graf »Ausländern«, das Bauwerk zu betreten. »Damit waren die Hüttenberger und Lang-Gönser gemeint«, schildert Bender. Denn diese lebten jenseits der Grenze der Grafschaft.

Zudem ordnete Graf Wilhelm Moritz an, dass die Müller Handwerker scharf beobachten sollten, wenn diese die Mühle betraten. Er befürchtete, dass diese »unserer Windmühle etwas abzustehlen gedenken«.

Damit sich der Mühlstein ordentlich drehte, erließ der Graf einen Mühlenzwang: »Die Einheimischen mussten hier mahlen lassen«, berichtet Bender. Damit erhielt der Landsherr gleichzeitig einen Überblick in die Erntemengen der örtlichen Landwirte. Denn wenn ein Bauer bei der Steuer angab, nur zehn Zentner Getreide geerntet zu haben, jedoch 20 Zentner in der Mühle mahlen ließ, musste etwas faul sein. »Die Mühle war quasi das erste Finanzamt«, scherzt Bender.

Jedoch teilte die Mühle noch eine Eigenschaft mit mancher deutscher Behörde: Sie war zu schwergängig. »Die Bauart war zu schwer, der Wind zu wenig«, sagt Bender. Dadurch drehten sich die Flügel nie so fröhlich wie die der Mühlen in Holland. Zudem mussten Ersatzteile immer in den Hammerwerken an Lahn und Dill gefertigt werden, da die Grüninger Handwerker sie nicht herstellen konnten oder wollten.

Am 25. August 1762 feierten die Franzosen im »Gefecht bei Grüningen« einen ihrer wenigen Siege im Siebenjährigen Krieg. Die Mühle überstand die Schlacht unbeschadet. Gut 30 Jahre später war ihr Ende dennoch gekommen: 1794 wurde der Betrieb aufgegeben, das Bauwerk dem Verfall preisgegeben.

Bender hat noch als Kind die Reste einer Holzkonstruktion auf der Spitze der Mauerkrone gesehen. Ob es sich um Reste der Mühlenkonstruktion oder etwas anderes handelte, weiß er nicht mehr. Jedoch: »Da ist regelmäßig der Blitz eingeschlagen.«

Mittlerweile hatte man den Wert der Ruine als Aussichtspunkt erkannt. 1962/1963 wurde sie erstmals saniert, eine Plattform mit Blick auf das Umland eingerichtet. »Sie war von allen Seiten ein beliebtes Ausflugsziel«, sagt Elvira Muth, Schriftführerin des Heimatvereins.

Vorsitzender Reinhold Hahn ergänzt, dass es damals sonntags Musik, Flaschenbier und Essen an der Warte gab. Um nicht immer alles vom Dorf dorthin transportieren zu müssen, wurde eine kleine Hütte als Gastwirtschaft errichtet. Mittlerweile ist sie jedoch verwaist. »Die Leute kommen noch. Aber es gibt keinen Strom und kein fließend Wasser.«

2018 wurde das Bauwerk zuletzt saniert. Jedoch nagt bereits jetzt schon wieder der Zahn der Zeit. An den Wänden oben auf der Aufsichtsplattform brechen bereits erste Mörtelstücke heraus.

Für dem Heimatverein ist die ehemalige Mühle von besonderer Bedeutung: Zum einen ist sie ein denkmalgeschütztes Bauwerk, zum anderen eine weithin sichtbare Landmarke. In den Führungen zur Ortsgeschichte ist sie stets ein Thema, bei der Limeswanderung eine der Stationen. Den Namen »Hoinkdebbe« - also Honigglas, trägt sie übrigens deshalb, da es früher viele Streuobstwiesen rund um Grüningen gab, die Bienen also viel zu tun hatten und fleißig Honig produzierten.

Übrigens: Das Betretungsverbot für die »Ausländer« aus Lang-Göns und Hüttenberg ist schon seit langer Zeit aufgehoben.

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