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Jüngster Solarpark im Landkreis Gießen: die Anlage im Industrie- und Gewerbegebiet Grünberg.

Wo der Strom vom Acker kommt

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Immerhin 9,3 Prozent des 2020 in Deutschland verbrauchten Stroms steuerten Fotovoltaikanlagen bei. Rund ein Viertel davon stammt inzwischen aus Solarparks. Nicht allen gefallen sie, Befürworter aber sehen darin einen Beitrag zur Energiewende. Ihre Zahl steigt, auch im Kreis Gießen - den Betreibern aber tun sich zunehmend Hürden auf.

Mit einem »Paukenschlag« kündigten sich im Vorjahr die Arbeiten für den neuen Solarpark im Gewerbegebiet Grünberg an: Bei Sondierungen der Fläche entdeckten Arbeiter eine 250-Kilo-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg, der Kampfmittelräumdienst entschärfte sie.

Seit Kurzem aber ist die jüngste Freiflächenanlage im Kreis Gießen mit einer Leistung von 3,6 Megawatt (MW) in der Spitze in Betrieb, liefern 9900 Module Strom - sofern die Sonne mitspielt.

Kreisweit sind es mit »Grünberg« nun insgesamt 13 dieser Anlagen, wie aus einer Auflistung des Regierungspräsidiums (RP) Gießen hervorgeht. Jüngsten Angaben der Behörde zufolge produzierten 2018 die kreisweit insgesamt 4500 PV-Anlagen - inklusive der kleineren Dachanlagen - bei einer Nennleistung von gut 94 MW acht Prozent des Stromverbrauchs. 43 270 Tonnen CO2 konnten so eingespart werden. Eine Differenzierung nach Freiflächen- und Gebäudeanlagen ist laut der RP-Pressestelle nicht möglich.

Annähernd lasse sich dies jedoch aus einer Übersicht mit den Kenndaten aller Solarparks im Kreis mit einer Modulfläche von gut 50 Hektar berechnen: Danach summiert sich deren Leistung auf rund 33 MW, was einer CO2-Einsparung von rund 15 000 Tonnen entspräche.

Was den Beitrag von Solarparks zur Energiewende angeht, war Hungen kreisweit Vorreiter. Der Solarpark »Auf der Halde« ging bereits vor gut elf Jahren in Betrieb. Im Schnitt, so Bürgermeister Rainer Wengorsch, generierten die 12 672 Module jährlich drei Millionen Kilowattstunden (kWh), insgesamt kamen über 34 Millionen (kWh) »grünen Stroms« zusammen.

Mit ihren fünf Solarparks in Fernwald, Buseck und Staufenberg ist die Bürger-Energiegenossenschaft Sonnenland der größte Betreiber im Kreis. 2010 mit 73 Mitgliedern gestartet, sind es inzwischen über 640, wie Vorstand Uwe Kühn im GAZ-Gespräch vorausschickt. Nicht der einzige Beleg, dass das Unternehmen den »Nerv der Zeit« getroffen hat. Was nicht zuletzt für die Freiflächenanlagen gilt. Kühn: »Bei neuen Projekten haben wir stets eine hohe Überzeichnung.« Als Beispiel verweist er auf den kleineren Solarpark Alten-Buseck, den man mit 260 000 Euro zur Beteiligung ausgeschrieben habe, um am Ende Anfragen in Summe von rund 1,1 Millionen Euro auf dem Tisch zu haben.

Dass sämtliche Projekte bislang die wirtschaftlichen Erwartungen erfüllt hätten, stellte Kühn auf Nachfrage heraus. Zu Recht, schaut man auf die Rendite von im Schnitt sechs Prozent, erwirtschaftet aus einem Gesamtvermögen von 15 Millionen Euro.

Doch ist nicht alles eitel Sonnenschein, kennt auch die Genossenschaft die Hürden, die sich gerade bei Solarparks in jüngster Zeit auftun. Und woran die 2018er Korrektur der in Hessen geltenden Flächenbeschränkung nur wenig änderte: Gemäß Verordnung der Landesregierung sind diese Anlagen seither auch auf »benachteiligten landwirtschaftlichen Flächen« erlaubt. Da meist sehr entlegen, gibt der Sonnenland-Vorstand zu bedenken, lohne sich dort allerdings oft kein Engagement. Kühn verweist hier auf Kosten von 60 bis 80 Euro, die man für jeden Meter Kabelverlegung einrechnen müsse; endend an der Trafostation, wo der Solarstrom für die Einspeisung ins Netz »kompatibel gemacht wird«.

Keine Konversionsflächen mehr, zu schmal bemessene Baukorridore entlang der Autobahntrassen, »verstopfte Überlandleitungen« - weitere Gründe, die dem Vorstandssprecher zufolge die Suche nach neuen Standorten für die klimafreundliche Stromerzeugung immer schwerer machten. »Da ist nicht mehr viel möglich«, lautet Kühns Fazit, und er betont zugleich und grundsätzlich: »Wir wollen weder in Konkurrenz zur Landwirtschaft noch zum Naturschutz treten.«

Die Gesamtenergie aller von Sonnenland betreuten Anlagen - also auch der Dachanlagen - summierte sich nach Angaben der Genossenschaft im Jahr 2020 auf 12,5 Millionen Kilowattstunden. Bilanziell decke dies den Strombedarf von rund 12 500 Menschen in der Region ab. Bei der Gründung gewählte Maxime »Energiewende vor Ort« komme da zum Tragen.

Der regionale Ansatz ist Kühns Worten zufolge freilich weiter zu fassen: So bleibe die Wertschöpfung hier komplett vor Ort. Nicht nur, was die Beteiligung der Bürger angeht, die Aufträge an Handwerker, die Zinsen für die Kreditinstitute, sondern auch die Gewerbesteuerzahlungen, die hier zu 70 Prozent an die Standortgemeinden flössen. Anders als bei vielen privaten Anbietern zumeist der Fall, die ihre Überschüsse kleinrechneten, ihren Sitz nicht vor Ort hätten, so nur den kleineren Teil des Gewinns dort versteuerten.

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