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In zahlreichen Handwerksberufen fehlen Auszubildende.

Wo der Professor Meister heißt

  • Patrick Dehnhardt
    VonPatrick Dehnhardt
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Während viele junge Menschen nach dem Studium in schlecht bezahlten Jobs enden, fehlen Fachkräfte im Handwerk. Dafür Werbung machen, dass eine Ausbildung vielleicht der Karriereweg mit der besseren Zukunft ist, will der neue Verein »Handwerk Mittelhessen«.

Welchen Satz sagt ein Soziologe an seinem ersten Arbeitstag? »Herzlich willkommen im Drive-in, Ihre Bestellung bitte.« Der Witz ist alt, aber enthält eine Wahrheit: Zahlreiche junge Menschen schlagen eine akademische Karriere ein, in der Hoffnung, damit eine sichere und lukrative Zukunft zu wählen. Oft ist der Druck aus dem familiären Umfeld hoch: »Du hast doch Abi, da musst du doch mit an die Uni!«, ist ein klassischer Satz von Eltern und Großeltern. Nur wer studiere, könne erfolgreich sein.

Wolfgang Schuster, Landrat des Lahn-Dill-Kreises, ärgert sich über solche Sprüche: »Jemand, der studiert und danach in Frankfurt Taxi fährt, gilt als hochbegabt. Wer als Handwerksmeister ein Unternehmen mit 30 Mitarbeitern führt, gilt nicht als hochbegabt.« Es müsse ein Imagewechsel her.

Genau diesen will der neu gegründete Berufsorientierungsverein »Handwerk Mittelhessen« anschieben. Er ist ein Zusammenschluss mehrerer Innungen, der Kreishandwerkerschaft sowie der Landkreise Gießen und Lahn-Dill. Das große Ziel ist, mehr Nachwuchs für das Handwerk zu gewinnen. Denn dieser fehlt in vielen Betrieben. »Man hat volle Auftragsbücher, kann aber nicht mehr tun, da die Fachkräfte fehlen«, sagte Björn Hendrischke, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Gießen.

Gleichzeitig gibt es viele junge Menschen, die trotz großen Potenzials nach einem abgeschlossenen Studium in schlecht bezahlten Jobs enden. Landrätin Anita Schneider hat eine Ursache dafür ausgemacht: Es finde zu wenig Berufsorientierung im gymnasialen Bereich statt, alles sei auf eine akademische Karriere ausgelegt. »Dabei würde mancher im Handwerk deutlich glücklicher werden als im Studium«, sagte Sebastian Hoffmanns, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Lahn-Dill.

Damit nun nicht die »weißen alten Männer« - wie es Kreishandwerksmeister Kay-Achim Becker formulierte - in den Schulen einfallen und den Schülern die Welt erklären wollen, setzt der neue Verein auf ein anderes Konzept: Auszubildende sollen den Jugendlichen aus ihrem Berufsalltag berichten und Werbung für eine Karriere im Handwerk machen.

Eine dieser Azubi-Guides ist Antonia Aurelia Masiello aus Hüttenberg. Sie absolviert im zweiten Lehrjahr eine Ausbildung zur Metallbauerin bei Metallbau Neeb in Dutenhofen. Mit Leidenschaft schildert die 17-Jährige, was ihr an dem Beruf besonders Spaß macht: »Man macht die Kunden glücklich, wenn man ihnen verschiedene Lösungswege aufzeigt. Und man sieht am Ende des Tages, was man gemacht hat. Das hat man, wenn man acht Stunden vor einem Computer sitzt, nicht.«

Zudem habe sich in den letzten Monaten einmal mehr gezeigt, dass ihr Job krisensicher sei. »Man braucht immer Handwerker«, sagte sie. Dem pflichtete Landrat Schuster bei: Gerade im Katastrophengebiet um Ahrweiler zeige sich derzeit, wie wichtig Handwerker sind.

Die Azubi-Guides hält Masiello für eine bessere Lösung als die klassischen Berufsorientierungsangebote. Sie selbst hat diese miterlebt: Firmen kamen an ihre Schule, die Jugendlichen sollten Fragen stellen. »Für mich und meine Freunde war es schwierig, mit Erwachsenen zu reden. Mit jemandem in meinem Alter darüber zu sprechen, wäre mir leichter gefallen.«

Die Guides werden für ihre Einsätze speziell geschult, erhalten unter anderem ein Rhetoriktraining. Das Konzept ist nicht ganz neu: Bereits seit drei Jahren sind Guides im Lahn-Dill-Kreis im Einsatz. Das Projekt erhielt eine LEADER-Förderung.

Der neu gegründete Verein übernimmt es, verzichtet aber bewusst auf die Fördergelder: Zum einen hätte es einige Verrenkungen benötigt, um nochmals an LEADER-Mittel zu gelangen. Zum zweiten wolle man die Arbeitskraft nicht mit umfangreicher Verwaltungsarbeit binden, die nötig ist, um die Verwendung der Fördergelder zu dokumentieren. Stattdessen soll jeder Cent direkt in die Nachwuchsgewinnung fließen.

Und nicht zuletzt soll das Projekt länger als nur eine Förderperiode andauern. »Berufsorientierung ist kein Sprint, sondern ein Marathon«, sagte Becker, der zudem der Vorsitzende des neuen Vereins »Handwerk Mittelhessen« ist.

In Zukunft wolle man noch weitere Innungen für die Teilnahme gewinnen, aber auch innungsfreie Betriebe und weitere Landkreise mit ins Boot holen. Auch sind weitere Kampagnen geplant, darunter eine Plakataktion: »Studier’ doch Handwerk!«. Auf einem der Plakate ist etwa zu lesen: »Bei uns heißt der Professor Meister oder einfach Thomas«.

Antonia Masiello

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