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Einst auch im Gießener Land - das Foto entstand 2009 in Langgöns - ein skurriler Spaß: Hähne-Wettkrähen. In jüngerer Zeit sehen sich die Behörden vermehrt mit Klagen von Nachbarn konfrontiert, für die die nicht bestellten »Weckrufe« im Morgengrauen alles anders als ein Spaß sind.

Kreis Gießen

Krähen „grenzt an Körperverletzung“ – Immer wieder Ärger um Geflügelhaltung

  • Thomas Brückner
    VonThomas Brückner
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Ein Trend, nicht nur in Großstädten, wo schon das Urban Gardening floriert: Auch hierzulande entdeckt so mancher das Hobby Hühnerhaltung. Als Entspannung in einem von der Natur entfremdeten Alltag, zum Wohl der oft geschundenen Spezies. So weit, so gut. Kommt aber der eine oder andere Hahn ins Spiel, ist es oft vorbei mit der Ruhe und der guten Nachbarschaft.

Immer wieder mal erreichen Leser-Beschwerden die Redaktion, wenn ins Hühnergehege des Nachbarn ein Hahn einzieht. Weil er tut, was er von Natur aus tun muss. »Das Geschrei«, berichtet der Bewohner einer Ostkreisgemeinde, »geht schon in aller Früh los, jetzt im Sommer bereits um 3.30 Uhr, und endet oft gegen 23 Uhr in der Nacht.«

Das Haus des genervten Lesers befindet sich in einem ruhigen, etwa abseits vom Zentrum gelegenen Wohngebiet. Im Vorjahr aber sei auf dem Nachbargrundstück eine Voliere mit Hühnern und mehreren Hähnen errichtet worden. Ohne feste Unterkunft, wo die Hähne nachts eingesperrt werden könnten. Hinzugekommen sei dann noch ein weiteres Gehege mit Hühnern, einem Hahn - und einem Pfau.

Kreis Gießen: Geflügelhaltung führte zu Anzeige

Das Geschrei des Federviehs sei oft nicht mehr auszuhalten, in einem Wohngebiet unzumutbar - »das grenzt an Körperverletzung«. Der Halter der Tiere wohne einige Kilometer entfernt, bekomme von alldem nichts mit. Eingaben bei den Behörden, auch die als unzureichend erachteten Haltungsbedingungen betreffend, seien bislang erfolglos geblieben.

Auf Nachfrage dieser Zeitung verlautete aus der Stadtverwaltung, die Gehege - wiewohl ans Wohngebiet angrenzend - befänden sich doch bereits im Außenbereich. Dieserart »bauliche Nebenanlagen« seien dort nicht zulässig, die zuständige Kreisbauaufsicht sei eingeschaltet. »Richtig«, heißt es aus dem Landratsamt, dessen Pressestelle somit die juristische Expertise der Kommune bestätigt.

Zu dem konkreten Fall liege der Bauaufsicht im Übrigen eine Anzeige gegen eine von drei beieinander liegenden Geflügelhaltungen »im an die Ortslage angrenzenden Außenbereich« vor. Kontrollen vor Ort seien erfolgt, der Grundstückseigner um Stellungnahme gebeten worden. »Die Frist dafür läuft noch.«

In den vergangenen zehn Jahren sei die Bauaufsicht schätzungsweise nur drei- oder viermal mit dieser Thematik befasst gewesen. »Die Situationen wurden jeweils ohne Zwangsmittel gelöst.« Auf eine Lösung in seinem Sinne dürfte nun auch der Nachbar, vom unbestellten Weckruf der Hähne und den durchdringenden Schreien des Pfaus genervt, hoffen.

Kreis Gießen: Wie sind die Regeln für private Geflügelhaltung?

Das Verbot von Gehegen im Außenbereich ist das eine. Was aber ist in einem Wohngebiet erlaubt, genießt etwa Hühnerhaltung in einem dörflichen Umfeld gewissermaßen ein Bestands- oder Gewohnheitsrecht?

Wie der Kreis vorausschickt, sind sogenannte untergeordnete Nebenanlagen gemäß § 14 Baunutzungsverordnung »grundsätzlich in allen Baugebieten zulässig«. Allerdings nur, soweit sie dem Nutzungszweck der Grundstücke oder des Baugebiets selbst dienten, seiner Eigenart nicht widersprächen.

Eine Hühnerhaltung in reinen oder allgemeinen Wohngebieten, so die Fachbehörde weiter, werde nur in seltenen Fällen genehmigungsfähig sein. Heißt: Die grundsätzlich verlangte Erlaubnis zum Bau von Nebenanlagen wie Ställen und Ausläufen ist daher kaum zu erhalten.

Anders sieht es in einem Dorfgebiet aus: Für diesen Baugebietstyp erlaubt der Gesetzgeber bäuerliche Betriebe samt Tierhaltung. »Da geprägt durch landwirtschaftliche Nutzung«, so auch der Kreis, »ist hier Hühnerhaltung in der Regel unproblematisch.« Die Haltung von acht bis zehn Hühnern zur Selbstversorgung könne bei »verständiger Würdigung auch der nachbarlichen Interessen« auf einem Wohngrundstück zulässig sein.

Dass es jedoch immer auf eine Einzelfallprüfung ankomme, unterstreicht der Kreis. Dabei dürfte auch von Bedeutung sein, ob etwa die in einem alten Dorfkern ehedem übliche Tierhaltung noch »Bestandsschutz« entfaltet.

Was nun speziell die Haltung von Hähnen angeht, so ist die Sache für die Behörde klar: »Dies wird in aller Regel am nachbarlichen Gebot der Rücksichtnahme scheitern.« Für lärmgeplagte Nachbarn sei es jederzeit möglich, zivilrechtlich gegen eine solche Nutzung vorzugehen.

Neben den baurechtlichen Aspekten spielt freilich auch das Veterinärrecht eine Rolle. Geflügelhaltungen sind danach immer der Fachbehörde anzuzeigen, ist dies doch für eine lückenlose Übersicht über die Bestände im Sinne der Tierseuchenprävention und Verhinderung der Verschleppung von Krankheiten unabdingbar. Schließlich noch dieser Hinweis aus dem Kreishaus: Danach überprüft das Veterinäramt nicht grundsätzlich hobbymäßig betriebene Geflügelhaltungen. Sehr wohl aber anlassbezogen oder nach Hinweisen auf tierschutzwidrige Bedingungen.

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