Dem Wegschauen und der Gleichgültigkeit etwas entgegensetzen - das wollen Lara (l.) und Lucie Gruber mit ihrem privat organisierten Hilfstransport nach Lesbos. FO TO: M
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Dem Wegschauen und der Gleichgültigkeit etwas entgegensetzen - das wollen Lara (l.) und Lucie Gruber mit ihrem privat organisierten Hilfstransport nach Lesbos. FO TO: M

Das wird keine Spazierfahrt

  • vonVolker Mattern
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Rund 20 000 Flüchtlinge leben auf der griechischen Insel Lesbos. Lara und Lucie Gruber können deren Leid nicht länger tatenlos mit ansehen. Von Wettenberg aus planen die Schwestern nun einen Hilfstransport.

Ein großes Herz, Entschlossenheit, soziales Engagement und das unvoreingenommene Wissen um Not und menschliches Elend, das durch Handeln gelindert werden kann: All diese positiven Eigenschaften vereinen und einen die beiden Schwestern Lara und Lucie Gruber aus Krofdorf-Gleiberg. Was sie sich in den Kopf gesetzt haben, wird ganz sicher ein Abenteuer und - wie sie selbst sagen - keine Spazierfahrt: Die beiden Frauen im Alter von 20 (Lara) und 18 (Lucie) haben sich vorgenommen, am 10. Oktober in Begleitung eines Freundes mit dem elterlichen Kleinbus hoffentlich voller Spenden nach Lesbos aufzubrechen. Sie wollen den Menschen, die auf der griechischen Insel im Flüchtlingslager Moria leben, helfen.

Schwestern hoffen auf Unterstützung

Das Unternehmen erfordert Mut. Der wird genährt durch eine beeindruckende Zuversicht, Selbstvertrauen und den unbändigen Willen, der hierzulande vorherrschenden Gleichgültigkeit und Selbstzufriedenheit, wie sich Lara kritisch äußert, etwas entgegenzusetzen. Dass der Vater der beiden seine Bemerkung, "wenn ich könnte, würde ich es verbieten, aber sie sind ja volljährig" mit einem Lächeln schmückt, zeugt von Vertrauen. Das hat Lara bereits vor vier Jahren schon nicht enttäuscht, als sie im Rahmen eines mehrmonatigen Aufenthalts in Kolumbien nicht nur ihre Spanischkenntnisse verbesserte, sondern dort auch außerhalb der Schule in einer Einrichtung für krebskranke Kinder arbeitete und eine Spendenaktion in der Heimat initiierte (die GAZ berichtetet). Sie studiert an der JLU in Gießen neben Lehramt für Spanisch auch Lehramt für Politikwissenschaft, während die jüngere Schwester das Abitur im Blick hat.

Lara und Lucie Gruber erbitten Sach- und Geldspenden. Sie haben engen Kontakt zu der Organisation "One happy Family". Deren Vorsitzender Anton Scheit wird vor Ort sein. Durch Infos in den sozialen Medien gab es bereits eine große Resonanz mit hilfreichen Tipps. Mit Blick auf den Winter sollen die Sachspenden vor allem aus sättigender, lang haltbarer Nahrung bestehen (Reis, Nudeln, Milchpulver, Dosensuppen). Dringend benötigt werden auch Hygieneartikel. Kleidung hat aktuell keine Priorität - ausgenommen gut erhaltene bzw. neuwertige Herrenschuhe in den Größen 39 bis 45. Die Sachspenden werden vor Ort zentral durch die Einrichtung "Attika Warehouse" auf die verschiedenen Lager verteilt.

"Moria ist ein vergessener Ort und die Menschen hier sind vergessene Menschen", hatte die "Tagesschau" im Juli berichtet. Die Gruber-Schwestern wollen genau diesem "Vergessen" etwas entgegensetzen. Bis zu 20 000 dieser Menschen rufen in einem Flüchtlingslager um Hilfe, das um das Fünffache überbelegt ist und das schon des Öfteren als "die Hölle auf Erden" bezeichnet wurde. Diese Rufe kann man nur hören, wenn man sie hören will. "Ich bin unglaublich frustriert darüber, wie gleichgültig unsere Gesellschaft ist, und wie leicht die Menschen über das Elend ›vor unserer Haustür‹ hinwegsehen und -hören", sagt Lara Gruber. Es zählt rein der humanitäre Aspekt, der die beiden Schwestern antreibt: "Lesbos ist Europa und Europa lässt das Elend zu. Da gab es nichts zu überlegen, wenn die Not dort so groß ist."

Die Überfahrt wird die Reisekasse der beiden überstrapazieren; Notgedrungen werden sie auf einen kleinen Teil der Spenden zurückgreifen müssen. Momentan tendieren Lara und Lucie Gruber zu der Route bis nach Bari (Süditalien), von dort wollen sie die Fähre nach Patras (Griechenland) nehmen und dann weiter von Athen nach Lesbos mit der Fähre reisen. Die Alternativroute wäre über Österreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien und von der Türkei aus via Fähre nach Lesbos. Das sind einige Grenzübergänge mehr; Ungarn hat coronabedingt die Grenze geschlossen. Bei der Route durch Italien rechnen die beiden mit Reisekosten von insgesamt rund 800 Euro. Wenn die Strecke über den Balkan doch funktionieren sollte, wird es günstiger mit geschätzten 300 Euro. Falls durch die Pandemie das Vorhaben unmöglich zu werden droht, soll es auf Anfang kommenden Jahres verschoben werden. "Oder wir lassen die Spenden von Hamburg aus verschiffen", haben sich die beiden überlegt. Das Aufzeigen verschiedener Alternativen macht deutlich, wie entschlossen die Grubers sind.

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