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Edgar Langer (links) und Hans Gsänger haben das Traumstern zu dem gemacht, was es heute ist. Für ihren Einsatz werden die beiden Kinobetreiber nun mit der Licher Ehrenplakette ausgezeichnet.

»Wir wollen Tabus aufbrechen«

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Bei der Frage, ob Zeit sei für ein Gespräch, tönt aus dem Telefon leises Lachen. »Zeit haben wir gerade eine ganze Menge«, sagt Hans Gsänger. Die Kulturszene durchlebt harte Monate. Auch das Kino Traumstern hat seit November geschlossen. Heute Abend um 19 Uhr aber haben Gsänger und Edgar Langer einen festen Termin: Die beiden Kinobetreiber sollen die Licher Ehrenplakette erhalten, die höchste Auszeichnung, die die Stadt zu vergeben hat.

»Don’t Lose The Humour« stand vor gut einem Jahr im ersten Lockdown auf der Anzeigetafel über dem Kino. Den Humor nicht verlieren: Geht das überhaupt, wenn das Kino, für das man sich seit Jahrzehnten abrackert, seit über einem halben Jahr geschlossen bleiben muss?

Hans Gsänger: Der erste Lockdown war ein radikaler Schock. Du machst seit 35 Jahren jeden Tag Kino und dann ist plötzlich zu. Der Spruch auf der Anzeigetafel, übrigens ein Zitat aus dem Film »Toni Erdmann«, das seit Jahren bei uns hinter der Kasse hängt, war ein Akt der Selbstermutigung und Selbstermächtigung. Eine Durchhalteparole.

Edgar Langer: Mit Innenwirkung für uns selbst, damit wir nicht in Frust versinken. Und mit Außenwirkung für alle anderen, die auch in der Krise sind.

Was hat Ihnen in dieser schwierigen Zeit geholfen?

Hans Gsänger: Dass es im Lockdown Aktionen gab wie die Quarantine Sessions oder die Videoinstallationen an der Eingangstür. Und natürlich der Zuspruch von unserem Publikum. Es gab eine erhöhte Nachfrage nach Zehnerkarten…

Edgar Langer: …und dazu meistens auch E-Mails mit aufmunternden Worten.

Sie kommen aus der alternativen Szene der 80er Jahre. Vor bald 20 Jahren wurde Ihnen der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen, jetzt erhalten Sie die Licher Ehrenplakette, die höchste Auszeichnung, die die Stadt zu vergeben hat. Was bedeuten Ihnen solche Ehrungen?

Edgar Langer: Wir verstehen den Preis als Auszeichnung für das Traumstern. An diesem Projekt hängen ganz viele Leute dran. Wir wissen nicht, wer diese Verleihung auf den Weg gebracht hat. Aber es zeigt, dass es Menschen gibt, die es klasse finden, was wir hier machen.

Hans Gsänger: Die Wahrnehmung durch die Licher Bevölkerung hat sich schon geändert.

Sie haben die Licher Lichtspiele, die geschlossen werden sollten, 1983 kurzerhand übernommen. Wie kam’s dazu?

Edgar Langer: Es gab die Jugendzentrumsbewegung der 1970er Jahre mit vielen Zusammenhängen und den großen Festivals in Laubach. Die Generation, die aus den »JuZ« rausgewachsen ist, hat dann überlegt: Was könnte man sonst so machen? In der »Statt Gießen«, die Gitti Naumann seit 1980 als Projektkneipe betrieb, ist die Idee mit dem Kino entstanden. Die Besitzerin Anneliese Soffel hat uns dabei sehr unterstützt.

Wie war das Verhältnis zur alteingesessenen Bevölkerung?

Edgar Langer: Die Stadt war gespalten. Die etablierten Leute waren anfangs mehr als skeptisch. Ab 1985 hat sich die Wahrnehmung langsam geändert. Damals bekam das Traumstern die ersten Kinopreise. So etwas gab es in der Region vorher nicht. Auch das Publikumsspektrum hat sich erweitert. Wenn man 50 000 Besucher im Jahr hat, dann sind das ja nicht immer dieselben.

Also gelungene Integration?

Hans Gsänger. Unabhängig von uns und dem Kino hat sich der Stellenwert von Kultur und Medienkultur in der Gesellschaft sehr verändert. Hochkultur und alternative Kultur haben sich angenähert. Und dass Kultur zur Wirtschaft gehört, würde heute niemand mehr bestreiten. Wir haben heute eine Kulturstaatsministerin, früher haben die Innenminister die Kultur mitgemacht. Und überall gibt es jetzt Kultursommer, Kulturtage und ähnliche Angebote. Das hängt auch mit dem demografischen Wandel zusammen. Die Kommunen haben erkannt, dass man allein mit der Kirmes die Leute nicht mehr am Ort halten kann.

Das Traumstern ist durch einige Krisen gegangen. Reich werden Sie durch Ihre Arbeit nicht. Was motiviert Sie, allen Schwierigkeiten zum Trotz nicht locker zu lassen?

Edgar Langer: Wir sind glücklich damit.

Hans Gsänger: Es gab viele Rückschläge, ich denke da nur an den Hausabriss. Aber wir haben dazu beigetragen, eine Kulturszene zu schaffen. Wir bezeichnen uns ja auch als soziokulturelles Zentrum. künstLich e.V., das Theater Traumstern, die Kulturwerkstatt, die Kulturgenossenschaft: diese Vernetzung ist toll. Das ist genau das, was wir uns früher erträumt haben.

Edgar Langer: Es kommen immer wieder Leute von außerhalb, die etwas aufbauen wollen und wissen möchten, wie wir es gemacht haben. Wir können diese Frage nicht beantworten.

Hans Gsänger: Wir hatten die Möglichkeit, das über viele Jahre zu entwickeln.

Das Traumstern hat ein eher älteres Publikum. Woran liegt das? Und stimmt dieser Eindruck überhaupt?

Edgar Langer: Das Publikum ist mit uns älter geworden. Aber im Team sind auch jüngere Leute, die mitdenken und mitdiskutieren.

Hans Gsänger: In gewisser Hinsicht sind wir dogmatisch. Was Filmkunst angeht, machen wir nicht gerne Kompromisse. Mainstream findet bei uns nicht statt.

Ist Filmkunst nur etwas für ältere Leute?

Hans Gsänger: Nein. Es gibt auch ein jüngeres Publikum dafür. Das sieht man aktuell an der Diskussion um das Kinocenter in Gießen. Und Mainstream können wir ohnehin nicht bedienen. Wir haben nur einen Kinosaal, wir müssen schon bei der Filmkunst auswählen, was wir spielen.

Wie entsteht das Programm?

Edgar Langer: Das puzzelt sich zusammen. Wir besuchen Festivals und die Filmkunstmesse in Leipzig, da bekommt man einen wunderbaren Überblick. Wir haben gute Kontakte zu Filmverleihen. Und dann überlegen wir: Wann spielen wir was? Wer ist vielleicht gerade auf Tour?

Hans Gsänger: Das November-Programm 2020 zeigt unsere Arbeitsweise ganz gut: die 9.-November-Reihe, drei Previews und Kooperationen; die machen ja auch immer viel Spaß. Dazu viele europäische Filme. Wirklich jammerschade, dass wir es nicht zeigen konnten.

Edgar Langer: Wir wollen nicht nur aktuelle Filme spielen, wir wollen auch Themen setzen, Tabus aufbrechen und die Leute ins Gespräch bringen. Ein Film bietet dafür einen einfachen Zugang. Für mich ist das ein wichtiger Antrieb, Kino zu machen.

Sie sind 63 und 65 Jahre alt, kommen also langsam ins Rentenalter. Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Edgar Langer: Der Gedanke stellt sich nicht. Es soll erst mal wieder alles normal werden.

Hans Gsänger: Man ist manchmal eh nicht der Entscheider in solchen Sachen. Ich möchte schon noch ein bisschen weitermachen.

Edgar Langer: Das ist hier ja kein Job. Beruf und Leben kann man nicht so trennen, das greift ineinander.

Hans Gsänger: Ich glaube, dass sich die Struktur der Kinobranche ohnehin verändern wird. Durch die Pandemie, durch die Digitalisierung. Eine vollkommerzielle Struktur wird sich auf Dauer nicht halten lassen. Aber das Bedürfnis nach Kino und Kultur ist da. Und wir haben hier vor Ort jetzt schon kommerzielle und ehrenamtliche Zweige nebeneinander.

Edgar Langer: Unser Ziel ist ein zweiter Kinosaal, dazu vernünftige Toiletten und ein ebenerdiger Eingang. Wenn es so weit ist, dann könnte ich an eine Übergabe denken. Das ist nicht unrealistisch. Aber ziemlich weit weg.

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