Paola Amorelli-Cortazzo und ihr Mann Ugo Cortazzo haben im Bürgerhaus Climbach festlich geschmückt. FOTO: LKL
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Paola Amorelli-Cortazzo und ihr Mann Ugo Cortazzo haben im Bürgerhaus Climbach festlich geschmückt. FOTO: LKL

"Wir sind sehr dankbar"

  • vonLena Karber
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Das "Gaststätten-Sterben" auf dem Land war schon vor der Pandemie in aller Munde. Beschleunigt sich dieser Prozess nun durch Corona? Oder ist die ländliche Lage in dieser Situation sogar ein Vorteil? Die Erfahrungen von Paola Amorelli-Cortazzo sind bislang positiv. Das Climbacher Bürgerhaus erfährt viel Unterstützung.

Während Paola Amorelli-Cortazzo davon erzählt, wie es ihr in den vergangen Monaten ergangen ist, hält sie den Kopf gesenkt. Nicht, weil sie deprimiert wäre - das scheint nicht ihre Art -, sondern weil sie schreibt. Fein säuberlich füllt die Wirtin Verzehr-Gutscheine für das Bürgerhaus in Climbach aus. Eine Möglichkeit, die Gaststätte zu unterstützen, die viele ihrer Stammkunden gerne wahrnehmen. "Wir sind sehr dankbar", sagt Amorelli-Cortazzo.

Die Wirtin ordnet den Stapel Gutscheine, den sie gerade zur Abholung fertig gemacht hat und blickt auf. "Die Einbußen sind sehr schlimm", sagt sie. "60 bis 70 Prozent." Der Lockdown in der Vorweihnachtszeit hat Amorelli-Cortazzo, wie viele Gastronomen, stark getroffen. Normalerweise finden im Dezember durchschnittlich 30 kleinere und größere Weihnachtsfeiern im Climbacher Bürgerhaus statt, erzählt sie. In diesem Jahr gibt es trotz festlicher Dekoration keine Feste. Nur die Kunden, die ihre Bestellung im Einbahnstraßen-System abholen, sehen den Weihnachtsbaum.

Seit Jahren ist das "Kneipen- und Gaststätten-Sterben" auf dem Land ein Thema, das in aller Munde ist. Laut dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Hessen ist die Anzahl an Gasthäusern, Dorfgaststätten und Kneipen zwischen 2002 und 2018 von 3000 auf 1100 Betriebe gesunken.

Die Befürchtung, dass Corona diesen Trend beschleunigen könnte, liegt nahe. Doch ist sie berechtigt?

Der Allendorfer Bürgermeister Thomas Benz sieht Gaststätten auf dem Land in dieser Situation sogar eher im Vorteil - gerade, wenn es sich um langjährige Betreiber wie Paola Amorelli-Cortazzo handelt, die das Climbacher Bürgerhaus gemeinsam mit ihrem Mann schon seit mehr als 20 Jahren führt. "Wenn man über Jahrzehnte Betreiber einer solchen Gaststätte ist, hat man sich eine gewisse Stammkundschaft angeeignet - und die lässt dich halt nicht hängen", sagt Benz.

Eine Erfahrung, die Amorelli-Cortazzo bestätigen kann. Wenn sie im Ort spazieren gehe, werde sie häufig von Leuten auf ihre Situation angesprochen. Der Tenor der Leute: Wir lassen euch nicht hängen, denn wir wollen, dass ihr uns noch lange erhalten bleibt. "Das ist richtig schön, wir fühlen uns hier total wohl und zu Hause", sagt Amorelli-Cortazzo, die aus Lollar stammt. "Ich kenne 95 Prozent der Gäste persönlich."

Benz glaubt, dass genau das den Gastronomen auf dem Land in die Hände spielen kann. "In der Stadt hat man diese Verbundenheit vielleicht weniger, weil man viel mehr Auswahl hat und sich diese Stammkneipen-Mentalität nicht entwickelt", sagt der Nordecker, der aus seinem Heimatort ähnliches berichten kann. "Außerdem spielt die Dorfkneipen-Atmosphäre eine große Rolle", sagt Benz. "Da spielen sich viele soziale Kontakte ab."

Dass den Menschen die Gaststätte als sozialer Raum aktuell fehlt, ist etwas, das Amorelli-Cortazzo häufig zu hören bekommt. Sei es der Gesangsverein, der schon seit Jahren nicht mehr singt, aber donnerstags trotzdem vorbeikommt oder der Stammtisch älterer Damen, der normalerweise jeden zweiten Freitag zu Gast ist. "Die kommen, seit wir das hier machen", sagt Amorelli-Cortazzo. "Das ist hier eben auch ein sozialer Treffpunkt."

Um die Gastronomen in der Krise zu unterstützen, hatte die Stadtverordnetenversammlung im Sommer beschlossen, die Pacht für sechs Monate um die Hälfte zu reduzieren. Das läuft nun aus, Pläne für eine weitere Reduzierung der Pacht gibt es nicht - auch, weil die Gastronomen aktuell Wirtschaftshilfen in Höhe von 75 Prozent des Vorjahresumsatzes erhalten.

"Wir warten jetzt erst einmal ab, wie die Hilfen von Land und Bund aussehen", sagt Benz. "Sollte sich ab Januar irgendetwas gravierendes verändern, wird es vielleicht einen neuen Antrag geben."

Für Amorelli-Cortazzo ist die Unterstützung der Climbacher, aber auch aus den Orten in der Umgebung, die selbst keine Gaststätte mehr haben, etwas, was ihr Zuversicht gibt. Als Ersatz für die ausgefallene Weihnachtsfeier im Bürgerhaus hätten Vereine zum Teil sogar Verzehrgutscheine an ihre Mitglieder verschenkt, erzählt sie und blickt auf das Positive: Zum ersten Mal seit 24 Jahren konnte sie Weihnachten in diesem Jahr zu zweit mit ihrem Mann verbringen.

Jetzt, zwischen den Jahren, wo normalerweise viele Wandergruppen vorbeikommen, hofft sie auf zahlreiche Bestellungen - so wie viele Gaststätten hierzulande, die auf die Treue ihrer Kunden angewiesen sind. Denn sicher scheint indes: Die Landgastronomie am Leben zu halten, dürfte einfacher sein als sie später wiederzubeleben zu müssen. Wo ein Gastronom aufhört, könnte es schwierig werden einen neuen zu gewinnen. Schließlich ist der Hauptgrund für den Aderlass auf dem Land laut Dehoga, dass die Betriebe keinen Nachfolger finden.

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