Franz Poltrum im Wasserwerk Inheiden. FOTO: DOE
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Franz Poltrum im Wasserwerk Inheiden. FOTO: DOE

"Wir sind am Limit"

  • vonHedwig Rohde
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Der Klimawandel hat Folgen für die Wasserversorgung: Wenn es weniger regnet, bildet sich weniger Grundwasser. Die Ovag befürchtet in heißen Sommern Lieferengpässe.

Nach wochenlanger Dürre hat es im Landkreis Gießen in den vergangenen Tagen wieder flächendeckend geregnet. Da müsste das Thema Wassersparen doch eigentlich vom Tisch sein, möchte man meinen. Das allerdings wäre eine äußerst laienhafte Denkweise.

Die jüngsten Regenschauer hin oder her, das Thema ist aktuell, sagt Franz Poltrum, Abteilungsleiter Wasser bei den Oberhessischen Versorgungsbetrieben (Ovag). "Die Trinkwasserversorgung ist sicher" schickt er gleich vorweg. Auch diese Sorge war ja bundesweit aufgekommen. Aber Poltrum sagt auch: "Die räumliche und zeitliche Verteilung des Wassers ändert sich, das hat mit dem Klimawandel zu tun"

Ihr Wasser bezieht die Ovag aus 21 Brunnen, drei davon befinden sich im Wasserschutzgebiet bei Inheiden. Dabei sind die Versorgungswerke auf die regelmäßige Neubildung des tiefen Grundwassers angewiesen. Und die wiederum ist abhängig von den Niederschlägen der vorangegangenen Jahre, insbesondere der Winter. Insofern haben sich auf die Trinkwasserversorgung der Region aktuell weniger die trockenen Sommer als vor allem der Winter 2019/2020 ausgewirkt. Der war, sagt Poltrum, "gefühlt sehr nass, aber nicht ausreichend, um das Grundwasseraufkommen aufzufüllen".

Die Bevölkerungsentwicklung im Ovag-Gebiet verläuft unterschiedlich. Während die Einwohnerzahlen im Landkreis Gießen und im Wetteraukreis in den vergangenen Jahren gestiegen sind, verliert gleichzeitig der Vogelsbergkreis. Unterm Strich aber wächst die Zahl der in der Region lebenden Menschen jährlich um mehrere Hundert - bei einem Trinkwasserverbrauch, der in den vergangenen 40 Jahren von durchschnittlich mehr als 140 Litern pro Kopf und Tag auf 120 Liter gesunken ist. Dieser Wert ist laut Poltrum seit Jahren weitgehend konstant. Auch dank der Umstellung vieler vom Baden aufs Duschen und der wesentlich sparsameren Spül- und Waschmaschinen.

1976 hatte die Ovag mit knapp 42 Millionen Kubikmetern die Spitze ihrer Wasserförderung erreicht. Danach habe - bedingt durch den Druck von Natur- und Umweltschützern - ein allgemeines Umdenken eingesetzt. Seit 2017 ist die Förderung aus den Ovag-eigenen Brunnen auf 32 Millionen Kubikmeter jährlich begrenzt. Weitere 3,8 Millionen Kubikmeter (diese Menge ist aufgrund der Rohrleitungsstärke limitiert) kaufe die Ovag vom Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke. "So halten wir unsere eigene umweltgerechte Förderung aufrecht und können trotzdem allen Lieferverpflichtungen nachkommen."

Maximal 35,8 Millionen Kubikmeter Trinkwasser könne die Ovag damit jährlich abgeben - und ver-(brauche) sie auch. "Wir sind am Limit", sagt Poltrum. Auf der Förderseite gebe es keine Optionen mehr. Im Klartext: "Wenn in diesem Jahr der Sommer genauso trocken gewesen wäre wie 2018, hätte es sein können, dass wir Liefereinschränkungen hätten einführen müssen, etwa über ein Ampel-Warnsystem", sagt Poltrum.

Harte Worte in einer Region, in der über Jahrzehnte die problemlose Versorgung mit Frischwasser auch für Pools, Gartenteiche und Rasenbewässerung selbstverständlich gewesen ist.

"Man wird neu über Wasser nachdenken müssen", sagt Poltrum und räumt ein, auch die Ovag habe in den vergangenen 100 Jahren nur in Trinkwasserstrukturen gedacht. Nun sind nach seiner Ansicht auch die Kommunen gefordert. Sie könnten sich etwa auf die Suche nach örtlichen Quellen und Brunnen machen, die derzeit nicht genutzt werden, und diese für die Brauchwasserversorgung nutzbar machen - sprich für Toilettenspülung oder Gartenbewässerung.

Und die Verbraucher? Auch sie werden sich, so schätzt Poltrum, umstellen und versuchen müssen, ihren Trinkwasserverbrauch Liter um Liter weiter zu reduzieren.

Über Wasser neu nachdenken? Da kann BUND-Experte Dr. Werner Neumann nur müde lächeln. Er sagt, umsetzbare Konzepte lägen bereits seit 20 Jahren auf dem Tisch. Die Ovag sei bisher Wasserförderer -und -verkäufer, sie müsse künftig das Angebot von Wassersparkonzepten und Wasserdienstleistungen als weiteres Geschäftsfeld erschließen. "Warum sollen Endverbraucher und Kommunen alles neu erfinden?"

Neuman sagt, Kommunen täten sich leichter, für Neubaugebiete ein zentrales zweites Leitungsnetz für Betriebs- und Brauchwasser verpflichtend vorzuschreiben oder nicht trinkwassergeeignete Brunnen für solche Systeme zu erschließen, wenn ein Dienstleister mit seinem Knowhow bei der Planung und Umsetzung zur Seite stünde.

Auch Verbraucher könnten bei der Installation einfacher Wassersparmaßnahmen von solchen Dienstleistungen profitieren. Den Landkreisen Gießen, Wetterau und Vogelsberg als Eignern der Ovag empfiehlt er deshalb, das Aufgabenfeld des Unternehmens entsprechend zu erweitern.

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