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Dennis Pucher ist der Vorsitzende der FDP im Kreis Gießen und kandidiert auf Platz 2 der Liste der Liberalen für den nächsten Kreistag.

ZUR PERSON

»Wir sind in einer komfortablen Situation«

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Die FDP gestaltet im Kreistag lustvoll Opposition - ist aber auch bereit, mit in Verantwortung zu gehen. Kreisvorsitzender Dennis Pucher über Gewerbeansiedlungen, Bündnisfragen und persönliche Pläne.

Herr Pucher, die FDP hat der SPD-geführten Koalition Ermüdungerscheinungen attestiert. Woran machen Sie das fest?

Die Begeisterung, die am Anfang geherrscht hat, die ist nicht mehr da. Wir wollen keine Grundsatzkritik üben, die Koalition hat viel richtig gemacht - und hatte respektive hat zwei Krisen zu bewältigen: Das Thema Flüchtlinge und jetzt Corona.

Werden Sie doch bitte konkret: Woran machen Sie die Kritik fest? Gibt es Beispiele?

Es gibt viele Schulleiter, die sich beschweren…

…gerade in Lich.

Ja, auch hier bei uns. Aber das ist ein solches Beispiel: Man muss eben planen, nach vorne denken. Gerade in Kommunen, die wachsen. Das vermisse ich. Es reicht eben nicht aus, im Schulentwicklungsplan alte Zahlen hochzurechnen, in der Hoffnung, damit in den nächsten Jahren durch- zukommen. Alle haben ein Anrecht auf gute Beschulung. Um das zu gewährleisten, muss man die Mittel mehr in der Fläche verteilen, nicht nur auf Lieblingsprojekte setzen.

Geld wird also falsch verteilt?

Oder zu viel ausgegeben. Nehmen Sie nur mal die Umnutzung der Flüchtlingscontainer. Das verursacht immens hohe Folgekosten. Teils mehr als eine halbe Million Euro je Bau. Damit haben wir ein großes Problem. Und wir wissen, dass dazu auch große Probleme in der Koalition bestehen. Weiteres Thema: Die Wirtschaftförderung.

Was kritisieren Sie da?

Da fehlt die Vernetzung, es fehlt die Schlagkraft. Der Beitritt zur Frankfurt-Rhein-Main-Markting-Agentur war eine richtige Entscheidung. Aber jetzt muss man diese Vernetzung leben.

Was Gewerbeentwicklung angeht, ist es jetzt die Aufgabe, gemeinsam mit den Kommunen Flächen zu definieren. Und wenn ich damit ernst machen will, dann muss ich den Prozess moderieren. Das ist die Aufgabe des Landkreises.

Aber der Kreis hat keinerlei Zugriff auf Flächen.

Richtig. Beim Kreis liegt zwar keine Entscheidungsfunktion. Aber eben die Kenntnis seiner Kommunen. Im Übrigen: Das geht auch gut über Gemeindegrenzen hinaus. Wir Liberale sind große Fans von interkommunalen Gewerbegebieten. Das hat der Kreis mit den Kommunen zu diskutieren. Kirchturmdenken funktioniert in internationalen Kontexten wie etwa der Frage von Ansiedlung großer Unternehmen nicht. Da haben wir noch viel Nachholbedarf.

Haben Sie ein weiteres Beispiel?

Ja klar. Die Digitalisierung, von der zu Recht alle reden. Da fehlt das »Big Picture«, eine Landkreis-App, die kompatibel ist und alle möglichen anderen Apps bündelt: Dorf-App. Schul-App, Kita-App, Abfall-App… Die Idee dahinter ist, ich habe meinen Landkreis in der Hosentasche. Da fehlt uns bislang der große Wurf, eben der eine Plattform-Gedanke. Das ist eines der Ziele für die nächsten fünf Jahre. Neben den bekannten Infrastrukturplänen mit Glasfaser für jeden Haushalt, in jede Schule. Wichtig dabei, wir müssen den Mobilfunk mitdenken. Wir haben zwar bei der Netzabdeckung kaum noch weiße Flecken im Kreis, aber eben doch relativ viele graue Flächen, bei denen es klemmt. Es gibt eben keinen schnellen Netzwechsel, kein Roaming unter den Mobilfunkanbietern. Da muss Abhilfe her.

Die FDP profiliert sich unter den Oppositionsparteien im Kreis durch gelegentliches Querdenken, im positiven Sinne. Ihnen macht Opposition offensichtlich Spaß.

Ja, das war unserer Anspruch, mit Lust Opposition zu machen. Und Gespräche mit nahezu allen Parteien haben uns gezeigt, dass wir als ernst zu nehmender Player auf dem politischen Parkett sind.

Wie ernst ist es mit dem Willen der FDP, zu regieren?

Wir haben durchaus Regierungswillen und rechnen mit einem guten Ergebnis.

Sie haben als Ziel einen Sitz mehr ausgegeben. Wie realistisch ist das?

Das werden wir sehen.

Und Ihre Wunschpartner für eine Zusammenarbeit?

Wir sind als FDP in einer komfortablen Situation. Die Wähler entscheiden, und wir warten entspannt ab, was dabei herauskommt.

Aber welches Bündnis wäre für Sie denkbar?

Da gibt es eine ganze Reihe an Konstellationen. Wir sind da nicht festgelegt. Das gilt auch für das Bestehende aus SPD, Freien Wählern, Grünen - und zukünftig natürlich uns. Grundsätzlich wichtig ist uns aber, dass wir nur dann Teil eines Bündnisses werden, wenn wir eine liberale Handschrift in wichtigen Zukunftsfragen des Kreises setzen können.

Was ist mit Optionen wie Schwarz-Gelb-Grün?

Natürlich kann auch mit der CDU eine Zusammenarbeit gut gelingen. Wie gesagt, wir legen uns nicht fest. Wir warten die Gespräche ab, aber machen uns da auch nichts vor. Die CDU wird sehr viel dafür tun, um an die Regierung zu kommen.

Ich gehe fest davon aus, dass Landrätin Anita Schneider von der SPD abwartet, wie das Ergebnis am 14. März aussehen wird und dann über eine Kandidatur für eine dritte Amtszeit entscheidet. Ich glaube nicht, dass sie fünf Jahre lang gegen Mehrheiten arbeiten will. Ein Rückzug würde dann natürlich auch neue Perspektiven für andere Kandidaturen eröffnen.

Was schließen Sie aus?

Grundsätzlich geht bei uns nichts mit der AfD und den Linken. Bei der AfD ist das ein grundsätzliches Thema. Und mit den Linken liegen wir inhaltlich wohl zu weit auseinander.

Was ist, wenn es eine große Koalition gibt und Sie sich weiter in der Opposition befinden?

Dann ist das der Wählerwille und den akzeptieren wir uneingeschränkt. Wir können Opposition. Allerdings wäre es für die Abarbeitung der Zukunftsthemen im Kreis besser, wir würden mitregieren. Ich vermute, dass die SPD deutliche Verluste einstecken muss. Und ob es dann für eine große Koalition reicht? Das muss man sehen. Zumal ich davon ausgehe, dass die Landrätin von einer »Groko« nichts hält.

Im Dezember haben Sie dargelegt, keinen eigenen Kandidaten bei der Landratswahl aufzustellen. Gilt das unverändert?

Es ist kein Geheimnis, dass wir die Arbeit von Frau Schneider als Landrätin schätzen. Die FDP wird sich aus diesem Rennen raushalten.

Herr Pucher: Wo sehen Sie sich in einem Jahr von jetzt an?

Hoffentlich glücklich und gesund in Lich! Ich erwarte grundsätzlich ein gutes Ergebnis für die Freien Demokraten. Und was mit meiner Kandidatur für den Deutschen Bundestag ist, das sehen wir. Es ist meine erste Kandidatur und da darf man keine Wunder erwarten. Ob meine Position so gut sein wird, dass ich den nächsten liberalen Mittelhessen in Berlin geben kann, entscheiden die Wähler und meine Partei. Das warte ich in Demut und mit viel Entspanntheit ab.

Wo setzen Sie Ihre Prioritäten?

Politik ist meine Leidenschaft. Ich mache das klar für unsere Region. Ich engagiere mich dort, wo ich am meisten für die Menschen in Mittelhessen bewegen kann. Also: Kreispolitik aus Heimatliebe, Lich als Herzenssache und alles darüber hinaus an Aufgaben ist dazu da, die Welt ein Stückchen besser zu machen.

Der 41 Jahre alte Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Denkstrukturen aus Lich ist Vorsitzender der FDP-Fraktion in Lich sowie im Gießener Kreistag. Zudem steht Pucher an der Spitze des FDP-Kreisverbands. Im Sommer kandidiert er für den Deutschen Bundestag. so

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