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"Wir sehen deutlichen Optimierungsbedarf"

  • vonLena Karber
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Der Landkreis hat jüngst sein Radverkehrskonzept vorgestellt. Es geht dabei nicht um Tourismus, sondern darum, wie man die Menschen dazu bewegen kann, im Alltag aufs Rad umzusteigen. Ein Streckennetz von insgesamt 1100 Kilometern ist in dem Papier ausgewiesen, 139 Millionen Euro würde die Realisierung kosten. Doch was taugt das Konzept, das heute Thema im Infrastrukturausschuss ist? Nachgefragt bei Dr. Jan Fleischhauer vom ADFC.

Herr Fleischhauer, wie zufrieden sind Sie mit dem Radverkehrskonzept?

Als ADFC sehen wir bei dem Radverkehrskonzept, so wie es jetzt vorliegt, durchaus noch deutlichen Optimierungsbedarf. Beispielsweise gibt es eine Karte mit Wunschlinien, wo man gesagt hat: Zwischen diesen beiden Orten soll Radverkehr stattfinden können. Es ist aber sehr deutlich, dass nicht auf allen Wunschlinien auch Radrouten vorgesehen sind.

Zum Beispiel?

Mir ist das vor allem im Ostkreis aufgefallen, etwa zwischen Lich-Bettenhausen und Bellershain, aber auch in Richtung Vogelsberg. Außerdem gibt es Radrouten, die sehr umwegig sind, sodass sie eigentlich nicht die Anforderungen erfüllen.

Das verwundert. Als eine erste Version des Konzepts vorlag, hatte der ADFC die Möglichkeit, Anmerkungen und Änderungswünsche einzubringen.

Es ist durchaus so, dass wir beteiligt wurden. Aber wir hatten nur zwei Wochen Zeit, uns zu einem Entwurf zu äußern, zu dem wir fast 80 Anmerkungen im Text und diverse weitere in Karten gemacht haben. Das war eine äußerst knappe Möglichkeit, sich zu beteiligen, und es wurde nicht alles berücksichtigt.

Wo sehen Sie denn noch Mängel?

Zum Beispiel kommt das Thema Fahrradparken nur punktuell in dem Konzept vor. Man braucht aber nicht nur an den Rathäusern und Bahnhöfen Abstellanlagen, sondern auch an anderen öffentlichen Gebäuden. Außerdem gibt es zur sicheren Gestaltung von Radwegenden und -überleitungen überhaupt keine Prioritätenreihenfolge und keine Schätzungen zu den Kosten. Dabei kann man da mit wenig Geld zum Teil viel erreichen.

Grundsätzlich begrüßen Sie aber die Erstellung des Konzeptes?

Ja, das ist etwas, was in Hessen jeder Landkreis haben sollte und auch fast jeder Landkreis hat. Das Problem ist aber, dass es überhaupt keine Bürgerbeteiligung gegeben hat. Und auch eine ganze Reihe von Trägern öffentlicher Belange haben sich nicht zu Wort gemeldet, weil sie gesagt haben, wie sollen wir dieses umfangreiche Konzept innerhalb von zwei Wochen prüfen?

Die Bürger hatten seit der Veröffentlichung vor zwei Wochen bis heute die Möglichkeit, das Konzept online einzusehen und dem Landkreis Anmerkungen und Feedback zuzusenden. Zudem soll es Veranstaltungen geben.

Entweder man meint Bürgerbeteiligung ernst oder man macht eine Pseudo-Bürgerbeteiligung mit einer Frist von zwei Wochen, obwohl es gerade in Corona-Zeiten sehr schwierig ist, dass Bürger und Vereine sich abstimmen. Dass allerdings überhaupt vier Veranstaltungen stattfinden sollen, finde ich einen vernünftigen Ansatz.

Landrätin Schneider hofft, dass die Maßnahmen innerhalb von zehn Jahren umgesetzt werden. Halten Sie das für realistisch?

Das ist eine Aussage des Landkreises, der jedoch gar nicht für alles zuständig ist, was im Konzept steht. Er ist für Radwege an Kreisstraßen zuständig, und diesbezüglich halte ich das Ziel für realistisch. Außerdem ist der Landkreis für Fahrradabstellanlagen an Schulen zuständig. Da hat er in den vergangenen acht Jahren nicht einmal 300 Fahrradstellplätze geschaffen. Drei von vier Schulen im Kreis haben nach wie vor keine diebstahlsicheren Abstellplätze, obwohl wir das schon vor acht Jahren angemahnt haben. Nur zum Vergleich: Die Stadt Gießen hat seit 2012 über 1300 Stellplätze an ihren Schulen geschaffen. Klar ist aber auch: Wenn der Landkreis möchte, kann er selbstverständlich innerhalb von zwei Jahren an allen Schulen bedarfsgerechte Fahrradabstellanlagen schaffen, das schafft der Kreis auch finanziell.

Und was ist das Problem bei den zehn Jahren?

Die schwierigere Situation ist, dass ein Großteil der Maßnahmen bei den Kommunen oder bei Hessen Mobil liegen. Das Land kommt im Moment noch nicht einmal hinterher, die wenigen Projekte der Sanierungsoffensive abzuschließen, weil das Personal für die Planung fehlt. Wenn man aus der Perspektive der Vergangenheit guckt, würde man also sagen, der Zeitrahmen von zehn Jahren ist völlig unrealistisch. Aber der Bund und das Land werden in den nächsten Jahren ganz massiv Gelder zur Verfügung stellen - auch um Klimaschutzziele zu erreichen.

Ist denn bei den Kommunen die Bereitschaft da, die Maßnahmen zügig umzusetzen?

Die Kommunen sind in weiten Teilen finanziell so schlecht aufgestellt, dass es selbst mit den Fördergeldern des Landes schwierig wird, da entsprechende Prioritäten setzen zu können. Politisch lässt sich das jedoch so pauschal nicht sagen. Wir haben Kommunen im Südkreis, die in letzter Zeit relativ viel gemacht haben. Und zum Teil sehen wir die Bereitschaft auch in Kommunen, die nicht besonders finanzstark sind. Beispielsweise in Laubach, wo gerade der Bahnradweg gebaut wird.

Wo läuft es weniger gut?

Wir haben Kommunen wie Wettenberg, wo ich in den vergangenen Jahren nicht ein einziges Radwegebauprojekt in Erinnerung habe, obwohl die finanziellen Möglichkeiten sicherlich da sind.

In welchen Kreis-Gebieten sehen Sie besonderen Handlungsbedarf?

Es ist vor allem der nördliche Bereich, aber zum Teil auch der Osten und Westen, wo dringend etwas passieren müsste. Wenn man sich die Menge der vorgeschlagenen Projekte anguckt, sieht man, dass in Kommunen wie Grünberg, Laubach oder Lollar viel Handlungsbedarf besteht. Aber das Konzept sieht ja grundsätzlich für fast alle Kommunen größere Radwegebaumaßnahmen vor.

Werden bereits Projekte umgesetzt?

Von politischer Seite wird jetzt so getan, als bräuchte man unbedingt ein Radwegekonzept, damit das Land die Wege ausbaut. Aber das Land hat auch vorher schon Wege bezuschusst - aktuell zum Beispiel den Bahnradweg zwischen Laubach und Röthges oder zwischen Göbelnrod und Grünberg. Viele Kommunen haben auch entlang von Landesstraßen und Kreisstraßen auf eigene Kosten schon Radrouten gebaut. Insofern glaube ich nicht, dass die Kommunen mit Projekten jetzt auf das Radverkehrskonzept gewartet haben.

Durch das Konzept sollen allerdings die Fördermöglichkeiten besser sein.

Die radwegweisende Beschilderung mit diesen grün-weisen Schildern wird durch das Land erst gefördert, wenn ein Radverkehrskonzept vorliegt. Ansonsten kann ich das nicht bestätigen. Zumindest gibt es eine klare Aussage des Landesverkehrsministers Al-Wazir, dass kein Radweg in Hessen an den Finanzen des Landes scheitern wird. Aktuell fehlen zum Teil die Planungskapazitäten beim Land und bei den Kommunen, aber ich habe noch nie gehört, dass eine Kommune keine Finanzierung für einen geplanten Radweg findet. Es mag durchaus in der Vergangenheit mal so gewesen sein, dass man warten musste, aber für die nächsten Jahre ist Geld von Land und Bund Stand jetzt kein Problem.

Bei der Vorstellung des Konzeptes sagte Landrätin Schneider, im Kreis würden nur drei bis vier Prozent der Wegstrecken mit dem Fahrrad zurückgelegt. Das ist unterdurchschnittlich wenig.

Ich bin über die Aussage der Landrätin mit den drei bis vier Prozent gestolpert, da der Landkreis nie eine Erhebung zum Anteil der jeweiligen Verkehrsarten in Auftrag gegeben hat. Die bundesweite Studie MID 2017 sieht den Radverkehrsanteil im Landkreis bei 7,5 bis 10 Prozent. Ich glaube aber, dass man durch den Ausbau von Radverkehrsinfrastruktur den Radverkehrsanteil deutlich erhöhen kann. Wir haben ja während Corona zum Beispiel gesehen, dass Schüler zur Schule fahren wollen, aber keine sicheren Routen vorfinden. Zudem können Fahrradwege als Zubringer zum ÖPNV zu deutlichen Veränderungen führen. Es gibt mittlerweile Pedelecs und E-Bikes, sodass auch die hügelige Struktur in weiten Teilen des ländlichen Raums kein Problem mehr ist. Aber es gehört ein bisschen mehr dazu, als nur Routen auszubauen.

Durch Corona hat das Freizeitradeln einen Aufschwung erlebt. Wird das Auswirkungen auf die Fahrradnutzung im Alltag haben?

Davon gehen wir auf jeden Fall aus, weil die Leute dadurch die Erfahrung gemacht haben, wie schnell und einfach man mit dem Rad unterwegs ist. Die meisten Menschen bewegen sich im Alltag zu wenig, und wenn man mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, kann man sich vielleicht die Sporteinheit am Abend sparen. Insofern glaube ich schon, dass es Umsteiger vom Freizeitverkehr auf den Alltagsverkehr geben wird. FOTO: TI

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