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Ministerpräsident Volker Bouffier (l.) erzählt beim Redaktionsbesuch über gute und schwierige Jahre - und von einer völlig anderen Welt. Chefredakteur Dr. Max Rempel (r.) begrüßte den Gast, Burkhard Bräuning (hinten l.) und Philipp Keßler interviewten den hessischen Regierungschef.

Interview mit Hessens Ministerpräsident

Volker Bouffier: „Es war eine völlig andere Welt“

  • Philipp Keßler
    VonPhilipp Keßler
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  • Burkhard Bräuning
    Burkhard Bräuning
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Im Interview erinnert sich Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU, 69) an Ereignisse, die ihn geprägt haben: Angefangen beim Leben in einem zerstörten Gießen, bis zum Mord an seinem Freund Walter Lübcke durch einen Rechtsextremisten.

Herr Bouffier, was sind Ihre ersten Erinnerungen an Gießen und die Welt?

Meine ersten Erinnerungen sind an mein unmittelbares Umfeld geknüpft. Wir wohnten in der Westanlage, und ich weiß noch, wie sehr mich die Züge der Main-Weser-Bahn fasziniert haben. Zu den ersten Eindrücken gehört, dass das zerbombte Haus meiner Großeltern wiederaufgebaut wurde. Da war ich mit meinem kleinen Schubkarren oft dabei. Mit Hessen konnte ich erst etwas anfangen, als ich in die Schule ging, die Welt war als Kind weit weg.

Gab es ein Ereignis, das Sie geprägt hat?

Eine meiner schönsten Erinnerungen ist aus dem Jahr 1954. Es war Fußballweltmeisterschaft. Damals war ich noch sehr klein. Wir wohnten in der Mühlstraße - und da war nebenan eine Familie mit Fernseher. Das war damals etwas Tolles, die ganze Gegend war da. Natürlich habe ich die Bedeutung der Geschichte noch nicht begriffen. Aber ich habe schon gemerkt, dass es fasziniert hat und alle hingen am Fernseher, als gesagt wurde: »Rahn müsste schießen ... Tor! Tor! Tor!« Viel später habe ich erst verstanden, was das eigentlich bedeutete. Das war zwar Fußball, aber eigentlich war es viel mehr. Es war das erste Mal, dass Deutschland aus der Situation eines ausgestoßenen, zerstörten Landes herauskam und nun »war man wieder wer«. Es war einfach mehr als Fußball und Sport.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) über seine Jugend in Gießen: „Viele gute Erinnerungen“

Wie waren die Menschen damals? Von Not und Elend geprägt oder von dem Willen, Deutschland wiederaufzubauen? Oder war es beides?

Man muss immer zwei Dinge unterscheiden. Wie man so etwas als Kind wahrnimmt und wie man es als Erwachsener in der Rückschau betrachtet. Deshalb maße ich mir nicht an, zu behaupten, dass ich wüsste, wie die Menschen damals waren. Es war gemessen an heute eine völlig andere Zeit. Die Menschen versuchten schon, nach vorne zu kommen. Und ja, Wiederaufbau war ein Thema. Die Menschen haben Stück für Stück ein bisschen Wohlstand gewonnen. Einer kaufte ein Auto, der andere einen Kühlschrank oder eine Waschmaschine. Was die Menschen erlitten und erlebt haben, bekommt man als Kind kaum mit. Ich selbst hatte eine wunderbare Kindheit. Später habe ich dann aber schon verstanden, warum manches doch sehr schwierig war. Ich glaube, dass diese Generation den Willen hatte, nach vorne zu kommen - und das ist auch gelungen. Das, was diese Generation geleistet hat, verdient unseren größten Re-spekt. In einem Satz: Es war eine Aufbruchszeit.

Und die Amerikaner in der Stadt?

Da gibt es viele gute Erinnerungen. In der Mühlstraße und der Bahnhofsstraßen waren ja viele Gaststätten, und da erinnere ich mich an Begegnungen mit den Amerikanern. Das war als Kind sehr spannend, denn man hatte immer etwas davon. Mal den Wrigley-Kaugummi und dann war es auch großes Kino, wenn sie mit dem Jeep kamen. Insbesondere die Militärpolizei. Das hat Gießen auch sehr stark geprägt. Und nebenbei hat mich das auch zum Basketball gebracht.

Wann und warum sind Sie in die Politik gegangen?

Ich stamme aus einem politischen Haus. Mein Großvater hat nach dem Krieg die CDU in Gießen mitbegründet. Mein Vater war politisch aktiv. Und auch ich war bald an Politik interessiert. Aber mein Hauptinteresse galt dem Sport. Ich wurde dann an der Herderschule Schulsprecher. Das war die Zeit - 1967/1968 - in der es heftige Auseinandersetzungen gab. Gefühlt war ich der einzige Schulsprecher zwischen Frankfurt und Kassel, der nicht links war. Mein Vater sagte, dass ich zu den Jugendorganisationen der Parteien gehen und ihre Programme prüfen sollte. So kam ich zur Jungen Union. Dort habe ich viel gelernt. Das hat dann auch ein Fundament gelegt.

75 Jahre Gießener Allgemeine Zeitung

Die Gießener Allgemeine Zeitung feiert 2021 ihr 75-jähriges Bestehen. Das Interview mit Volker Bouffier entstand im Rahmen der Feierlichkeiten. Bouffier, Jahrgang 1951, ist gebürtiger Gießener und lebt bis heute in der Universitätsstadt.

Welche Rolle spielten die Medien damals? Es gab ja nicht viel. Und Social Media war noch nicht mal ein Gedanke...

Ja, es war eine völlig andere Welt. Man könnte jetzt sagen, der Vorteil war, dass die »Tagesschau« das Wesentliche verkündet hat und das galt dann. Heute hat man natürlich ganz andere Möglichkeiten, mit den Bürgern in Kontakt zu treten. Social Media ist natürlich auf der einen Seite für vieles gut, aber auch ein Instrument, um die verrücktesten Dinge zu verbreiten und dadurch Stimmung zu machen. Das war damals unter diesen Gesichtspunkten einfacher.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU): „Konflikttheorie mit den Eltern hat nichts gebracht“

Vieles änderte sich Ende der 1960er Jahre. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Zwiespältige. Auf der einen Seite fand ich es gut, dass in viele Dinge Bewegung kam. Ich war hier auf der Herderschule, einer »Anstalt für Knaben« - und so war das auch. Und in dieser Zeit entwickelte sich das bis zum Revolutionsausschuss, dem ich selbst vorsaß. Die Auseinandersetzung mit der Diktatur des Dritten Reiches war bis dahin kein Thema - so wie vieles andere auch. Es brach dann auf - und das kann man verstehen. Das war auch richtig. Was mir weniger gefallen hat und wo ich sehr bald merkte, dass es in die falsche Richtung geht, war die Intoleranz vieler. Auch die Neigung zur Gewalt. Es gab Zeiten, in denen der Unterricht jeden Tag mit dem Satz »Macht kaputt, was euch kaputt macht« gesprengt wurde. Aus heutiger Sicht war der Aufbruch zur Veränderung gut. Das, was aus der 68er-Bewegung gekommen ist und auch viele Folgen daraus, muss man differenziert betrachten. Manches war sicher gut, manches aber ein Fehler.

Können Sie das etwas konkreter fassen?

Wir machen hier zwar kein Feuilleton und keine Vorlesung zur Philosophie, aber ein Beispiel möchte ich nennen. Wer das Leben ein bisschen versteht, der weiß, dass es ohne Autorität und ohne Regeln nicht geht. Eine der größten Fehlentwicklungen war die Zerstörung von Autorität. Die Konflikttheorie mit den Eltern hat nichts gebracht. Ich nehme wahr, dass die klügeren 68er das heute selbst als Fehlentwicklung betrachten.

Die 1970er Jahre waren in Deutschland vor allem auch die Jahre des Terrors. Wie haben Sie das damals wahrgenommen?

Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie entsetzt ich war, als der Terror - zum Beispiel durch Baader/Meinhof - aufkam. Und so ging es, glaube ich, vielen Menschen. Es hat uns natürlich sehr bewegt. Es ging bis hin zu Entführungen, Geiselnahmen und Mord. Am allermeisten entsetzten mich die heimlichen und gar nicht so heimlichen Sympathisanten. Von Mescalero bis hin zu denen, die sich für besonders intellektuell gehalten haben. Manche von ihnen sind heute übrigens auf der extrem rechten Seite unterwegs.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU): „Wir brauchen engagierte Demokraten“

Was hat unser Staat daraus gelernt?

Damals hatten wir die Regierung Brandt, dann Schmidt. Beide haben verstanden, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstläufer sind. Sie werden immer bedroht. Es ist auch die Frage, wie eine Zeitungsredaktion damit umgeht: Ob sie Menschen, die andere vorsätzlich verletzen, seitenweise die Möglichkeit geben, sich darzustellen. Weil sie glauben, das sei irgendwie notwendig. Hinzukommt der Komplex des Rechtsextremismus. Des Extremismus von außen. Wir haben viele Bedrohungen, und denen muss man entschlossen entgegenwirken. Deshalb finde ich es geradezu irre, wenn die Linkspartei den Verfassungsschutz abschaffen will. Eine wehrhafte Demokratie muss wissen, was die Feinde der Demokratie im Schilde führen - und dann mit den Mitteln des Rechtsstaates handeln.

Stichwort Rechtsextremismus: Da ist unter anderem der Mord an Walter Lübcke zu nennen …

Ich war vierzig Jahre lang mit Walter Lübcke eng befreundet. Es hat uns erschüttert, und es bleibt auch lange eine Erschütterung. Nicht erst seit dem Mord haben wir gelernt, dass wir auch aus dem Bereich des Rechtsextremismus bis hin zur »Reichsbürger«-Szene eine ernste Bedrohung haben. Wir haben reagiert und die Sicherheitsorgane personell deutlich verstärkt. Wir haben zum Beispiel für den Verfassungsschutz hier in Hessen erweiterte juristische Möglichkeiten im Gesetz geschaffen. Das haben andere Bundesländer nicht. Wir haben versucht, präventiv zu wirken. Wir haben eine digitale Meldestelle gegen Hass und Hetze aufgebaut. Daneben haben wir eine effiziente Sondereinrichtung beim Generalstaatsanwalt geschaffen. Sie kümmert sich um die Verfolgung der Dinge, die im Netz stattfinden. Als diese Zeitung im Jahr 1946 gegründet wurde, hatten wir eine Zeit tiefster Finsternis in unserm Land. Um in diesem Maße dagegen anzutreten, brauchte es großen Mut, und das braucht es heute nicht. Wir brauchen keine Helden, aber wir brauchen engagierte Demokraten. Das ist durch Hanau, durch Halle und vieles andere deutlich hervorgetreten.

Volker Bouffier (CDU) steht vor den Journalisten im Landtag.

In den letzten 75 Jahren gab es viele Ereignisse, die in die Geschichte eingegangen sind. Wie schafft es ein Politiker, der mit so vielen Dingen konfrontiert wurde, damit umzugehen?

Auch Politiker sind Menschen. Es gibt Dinge, die berühren einen sehr. Da ist zum Beispiel Kabul. Wenn man sieht, wie Menschen da am Flugzeug hängen, muss man doch aus Holz sein, wenn einen das nicht bewegt. Man muss sensibel bleiben. Wenn man dann aber in politischer Verantwortung steht, muss man handeln – und das möglichst rational. Selbst wenn es einem innerlich das Herz zerreißt.

In Hessen war es ja jüngst auch nicht einfach ...

Ja, da kommt wie aus heiterem Himmel die Meldung zum Tod von Walter Lübcke. Da denkst du, dass kann nicht sein. Man geht zur Familie, dann zur Trauerfeier, überall sind Kameras. Am liebsten würde man nichts sagen, ganz für sich trauern. Das geht aber nicht. Kurz darauf kommt der furchtbare Anschlag von Hanau. Alle stehen da mit ihren Kameras. Natürlich ist man erschüttert – und muss trotzdem Haltung bewahren. Es gab aber auch Zeiten, da hat man sich – wie beim Fall der Mauer und der Wiedervereinigung – unglaublich gefreut. Es gab die ganze Palette. Es ist bei mir also wie bei allen anderen Menschen auch.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU): „Corona ist nicht vorbei“

Stichwort Corona. Sie haben alle Entscheidungen an entscheidender Stelle mit getroffen. Was erwartet uns denn noch?

Wir haben keinen Anlass zur Panik – und doch müssen wir weiter vorsichtig sein. Denn Corona ist nicht vorbei. Ich habe mich immer bemüht, Hessen ruhig durch diese Zeit zu steuern. Ich habe mich nicht am Wettbewerb beteiligt, wer der Härteste und wer der Schnellste ist. Wir haben eine Bedrohung, die wir so davor noch nie hatten. Alle Bereiche des Lebens – das unterscheidet Corona von allem anderen – sind betroffen. Folglich ist es nicht einfach, stets eine passgenaue Lösung zu haben. Was wir festhalten können: Einen Lockdown wird es mit mir nicht mehr geben.

Ist der Ministerpräsident noch immer der Landesvater – oder eher ein Macher, der das Land voranbringt? Oder ist es eine Kombination aus beidem?

Ein Ministerpräsident, gerade auch, wenn er lange Verantwortung trägt, hat durchaus die Funktion, die Menschen zusammenzuführen. Er muss aber auch das Land mit einer Unzahl von Entscheidungen voranbringen. Gerade der Bereich Forschung und Technologie, Infrastruktur. Das sind Schlüssel für unsere Zukunft. Deshalb gehört beides zusammen.

Sie sind bundespolitisch schon lange vorne dabei. Aber den Sprung in die Bundespolitik haben Sie nie gemacht…

Ich wollte das nicht. Ich bin erstens sehr heimatverbunden und zweitens fasziniert mich die Aufgabe des Ministerpräsidenten. Regierungschef zu sein ist etwas anderes als ein Minister in Berlin. Ich bin seit vielen Jahren stellvertretender Parteivorsitzender und ich glaube, dass ich einen nicht geringen Einfluss auf bestimmte Dinge in der Bundespolitik ausübe. Aber ich wollte für Hessen arbeiten. Ich bin sehr zufrieden mit den Möglichkeiten, die ich habe.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU): Sohn wollte Gießener Oberbürgermeister werden

Werden Sie nach dem Ende dieser Legislaturperiode aufhören – oder machen Sie weiter?

Die Frage überrascht doch! (lacht) Ich habe immer gesagt, dass wir darüber reden, wenn es so weit ist. Jetzt ist es nicht so weit.

Sie sind Teil einer politischen Familie. Aktuell sind Sie der Prominenteste davon. Was haben Sie zu Ihrem Sohn gesagt, als er als Oberbürgermeister kandidiert hat?

Nun, das war ja seine Entscheidung. Aber wir haben immer alles in der Familie beraten – und das eben auch. Er ist Rechtsanwalt wie ich. Wenn man so eine Bewerbung neben dem freien Beruf macht, ist das nicht ganz einfach. Eine solche Bewerbung ist auf der einen Seite eine Auszeichnung und auf der anderen Seite eine große Herausforderung. Es ist eine beinharte Geschichte. Ich sagte: »Es geht über Monate, das muss du dir gut überlegen.« Er hat sich so entschieden. Das finde ich gut, weil ich immer wieder sage, dass wir nicht nur Leute brauchen, die am Rand stehen, sondern Leute, die mitmachen.

Zum Abschluss: Was können Politik und Medien gegen die Spaltung und den Hass in unserer Gesellschaft machen?

Ich habe Zweifel, ob wir das überhaupt je überwunden haben. Nur gab es früher kein Social Media. Solche Leute, die keine Regeln akzeptieren und die nicht bereit sind, anderen Respekt entgegenzubringen, die gab es schon immer. Das haben wir vielleicht nur nicht so mitgekriegt. Die Revolution in der Kommunikation: Das halte ich für einen der entscheidendsten Punkte. Deshalb muss man genau hinschauen. Wir haben eine differenzierte Gesellschaft. Dabei ist das Kunststück, die Differenziertheit im Sinne einer freiheitlichen Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Wenn eine Gesellschaft so unterschiedlich ist, braucht sie aber die Akzeptanz gemeinsamer Regeln. Es braucht auch eine angemessene Reaktion gegenüber denjenigen, die die Regeln nicht einhalten. Das ist das Mindestmaß, das ich brauche, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten. Es geht nicht, dass jeder für sich und seine höheren Ziele eigene Regeln aufmacht.

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