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Wiedergutmachung für die Burg?

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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800 Jahre Stadtrechte - Grünberg hat 2022 allen Grund zum Feiern. Gewiss aber wird dann auch die Rede auf den Abriss der Burg kommen, sozusagen Keimzelle der Stadt. Und auf den Burggraben - seit einem Vierteljahrhundert städteplanerische "Baustelle". Für deren Abarbeitung liegt nun eine neue Idee auf dem Tisch.

Als Bollwerk gegen die Mainzer Bischöfe ließ der Thüringer Landgraf anno 1186 auf den Höhen des grünen Bergs eine Burg errichten. Das Nachfolgegebäude, ein ebenso imposanter dreigeschossiger Fachwerkbau, fiel 1968 der Abrissbirne zum Opfer. Zugunsten des Neubaus der "Terrassenhäuser" - und sehr zum Bedauern der Nachgeborenen.

Im Burggraben, so der Name des Quartiers, fanden sich damals noch das Spritzenhaus, Scheunen und das "Habichts-Haus". Ende der 1980er Jahre aber waren die historischen Gebäude sämtlich verschwunden - auch das eine Neuordnung im Zuge der Stadtsanierung.

Seither dient die Freifläche als Parkplatz für gut 50 Pkw. Ein Provisorium, schließlich sieht der gültige Sanierungsplan S 3 eine Bebauung für den Burggraben vor. Dies auch im Sinne der Denkmalpflege, die eine Wiederherstellung der "historischen Raumkante" forderte.

Dem folgten vor 25 Jahren die Stadtväter, lobten einen Architektenwettbewerb aus. Das Ergebnis mit fünf Wohnhäusern, Tiefgarage und Kopfbau für Gewerbe konnte sich sehen lassen. Zu vermarkten aber waren die 19 Eigentumswohnungen bei einem Preis von 4300 DM der Quadratmeter nicht.

Abgesehen von einer marginalen Grundstücksneuordnung hat sich seither nichts bewegt. Eines der letzten Filetstücke Grünbergs harrt der städtebaulichen Aufwertung.

Wesentliches Argument der Verantwortlichen: Die nicht bewirtschafteten Parkplätze, genutzt von Anwohnern, Angestellten und Kunden, seien unverzichtbar. Ein gescheiterter Grünen-Antrag aus 2008 auf Neuordnung der Fläche "hinsichtlich einer Bewirtschaftung und/oder Bebauung" dürfte der letzte Versuch gewesen sein, das Provisorium zu beenden.

Letztes Filetstück im Zentrum

Angesichts der historischen Bedeutung des Burggrabens mag sich der frühere Stadtbaumeister Herbert Marquardt, von 1974 bis 1994 im Bauamt beschäftigt, damit nicht abfinden. Seit Längerem bereits macht er sich Gedanken, will nun einen Anstoß geben, diese "Baustelle" endlich abzuarbeiten. Marquardt: "Drei Bürgermeister bemühen sich seit den 70ern mit ihren Magisträten, eine sinnvolle Funktion für den Burggraben zu finden, was bleibt, ist ein Bebauungsplan, der nicht realisiert werden kann."

Von einer "Reminiszenz an Grünbergs Historie" spricht er, wenn er seine Ideen vorstellt. Dass der Burggraben nicht dem Markt überlassen werden sollte, zumal sich seit Langem ohnedies kein Investor gefunden habe, schickt er voraus.

Der studierte Bauingenieur schlägt eine Lösung vor, die wiederum von einem (diesmal) alleinstehenden Kopfbau zum Winterplatz hin geprägt sein würde. Ein fünfgeschossiges Gebäude mit einem Walmdach als architektonischer Anklang an die Burg-Silhouette. Idealerweise als Mehrgenerationenhaus, für Senioren und junge Menschen, die es in Zeiten von Homeoffice wieder vermehrt von der teuren Stadt aufs Land ziehe.

Wohnungen für Jung und Alt

Zumal sich das Konsumverhalten (Stichwort: Internet) verändere, das Modell vom "Kaufhaus mit historischem Umfeld" immer weniger trage, mithin das Parkplatzargument an Gewicht verliere.

Ein Strukturwandel, dem Grünberg mit städtebaulichen Mitteln begegnen sollte. Wozu neben den Wohnungen viel Grün gehören würde, mit (Baum-)Pflanzungen rund um den Kopfbau. Eine kleine, parkähnliche Oase, wofür die Straße Burggraben vom Winterplatz bis zum Gässchen Richtung Alsfelder Straße entwidmet würde. Die Fahrbahn würde Richtung Brunnental verlegt, um so auch den verkleinerten Parkplatz zu erschließen. Begrenzt würde die neue, in Höhe der Arztpraxis wieder auf den Burggraben geführte Straße von eingefriedeten Parkplätzen für die Terrassenhäuser.

Diese Trassenführung - vom Brückelchen geradeaus bis zur Neupforte - hatten die Sanierer bereits präferiert, war auf Drängen des Heimatkundlichen Arbeitskreises aber fallengelassen worden.

"Es gab schon Sympathie, aber nicht die Ankündigung, aktiv zu werden", berichtet Marquardt von Gesprächen mit Bürgern. Auch der Magistrat hat sich bereits damit beschäftigt, die Resonanz aber enttäuschte: Mal sei auf zunächst erforderliche Änderung des Bebauungsplans S 3 verwiesen worden, mal habe es geheißen: "Wir können auf keinen einzigen Parkplatz verzichten."

Marquardt hofft dennoch, einen Anstoß für Grünbergs Politik, fürs neu gewähltes Stadtparlament zu geben. Mit dem Ergebnis eines neuen Anlaufs, um - geleitet von städtebaulicher Fantasie - die "Baustelle Burggraben" endlich zum guten Ende zu führen. Für den engagierten Senior wäre dies gleichsam eine "Wiedergutmachung" für die Burg.

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