age_hungen_7460_160221_4c
+
Im Osten der Kernstadt befinden sich große Betriebe wie das Hochwald-Milchwerk. Über die Ausweisung weiterer Flächen für Industrie und Gewerbe wird in der Politik teils kontrovers diskutiert.

Wie viel Gewerbe braucht Hungen?

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
    schließen

Der Streit ums Licher Logistikzentrum hat die Nachbarn in Hungen aufgerüttelt: Über die Entwicklung eigener Gewerbegebiete wird intensiv diskutiert. Klimaschutz und die Infrastruktur in den zwölf Stadtteile sind weitere Herausforderungen. Fünf Listen bewerben sich um Sitze im künftigen Stadtparlament. Was sind ihre Vorstellungen?

?Braucht Hungen weitere Gewerbegebiete? Wenn ja: wofür?

Freie Wähler: Hungen braucht weitere Gewerbeflächen, aber mit Augenmaß. Hier können wir den Menschen ortsnahe Arbeitsplätze bieten und hier können wir Wertschöpfung in unserer Stadt ermöglichen. Gewerbegebiete bedeuten immer einen Kompromiss zwischen verschiedenen Interessen. Aber sie tragen dazu bei, die Einnahmen zu erwirtschaften, die die Stadt braucht, um alles, was unser Leben lebenswert macht, zu finanzieren.

SPD: Ja, die Anfragen Hungener Gewerbetreibender sind da, die positive Entwicklung im Wohnungsbau wird für weiteren Bedarf sorgen. Willkommen sind in den geplanten Gewerbegebieten Kleingewerbe und Dienstleister, keine großen Logistikzentren. Ebenso wird die Bahnanbindung an Rhein-Main den Bedarf weiter unterstützen. Allerdings muss der Verbrauch von Ackerböden so sparsam wie möglich bleiben.

CDU: Die Ausweisung von Gewerbegebieten ist für eine nachhaltige Entwicklung einer Kommune essenziell. Da derzeit mehrere Gebiete , u.a. die Erweiterung des Gebiets »Auf der Halde« und das interkommunale Gewerbegebiet Nidda, entwickelt werden, ist eine weitere Ausweisung - vor dem Hintergrund des Bedarfs für mittelständische Unternehmen - im Moment nicht notwendig.

Die Grünen: Wir brauchen Entwicklungsflächen für Hungener Firmen und die gezielte Ansiedlung zukunftsfähiger Betriebe mit hochwertigen Arbeitsplätzen. Deshalb sehen wir für das Gewerbegebiet Hungen-Süd eine modulare, kleinteilige Entwicklung über einen Zeitraum von mindestens 20 Jahren. Logistikzentren schließen wir aus. Hungen soll sich an nachhaltigen Konzepten orientieren, wie sie für den Gewerbepark Oberhessen in Nidda-Harb entwickelt wurden. Daran ist die Stadt sogar beteiligt.

Pro Hungen: Unternehmen sichern langfristig Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Infrastruktur. Die Erschließung von neuen Gewerbegebieten muss klare Ziele verfolgen. Die Ansiedlung moderner Unternehmen mit zukunftsorientierten Geschäftsmodellen ist ebenso wichtig, wie Hungener Betrieben die Expansion zu ermöglichen. Aber auch dem Leerstand von Gewerbeimmobilien muss mit neuen Ideen (Pop-up-Stores, Co-Working) begegnet werden. Die Vermarktung von »billigem Bauland mit Autobahnanschluss« für Logistikunternehmen lehnen wir ab.

?Hungen hat das Thema Klimaschutz früh aufgegriffen. Wo wollen Sie Akzente setzen?

Freie Wähler: Hungen war Vorreiter im Bereich Solarenergie und hat erkannt, dass Klimaschutz auf kommunaler Ebene eine sehr wichtige Aufgabe ist. Die Stadt hat eine Klimaschutzmanagerin eingestellt und Konzepte entwickelt. Diesen Weg gilt es weiterzugehen. Um den CO2-Ausstoß zu senken, soll der städtische Gebäudebestand weiter energetisch saniert und die Nahmobilität gefördert werden, etwa durch den Ausbau von Radwegen und die Reaktivierung der Horlofftalbahn. Zudem wollen wir die Bürger vermehrt unterstützen, selbst klimafreundlich zu handeln.

SPD: Wir wollen den SPD-initiierten ersten Solarpark um einen zweiten ergänzen, eine 30 km/h-Zone im gesamten Stadtgebiet, Auflagen im Bauwesen zur Solar- und Regenwassernutzung, keine Steingärten mehr, Ausbau von Radwegen und Zubringer aus den Ortschaften zur Horlofftalbahn, die Erweiterung des Energiebeirats um einen Ernährungsrat für ein nachhaltiges regionales Ernährungssystem und die Stärkung des runden Tischs von Stadt, Landwirtschaft und Naturschutz.

CDU: Es steht außer Frage, dass bei bestimmten politischen Entscheidungen Fragen des Klimaschutzes besonders berücksichtigt werden müssen. Insbesondere sollten die Anregungen von Experten, z.B. des Energiebeirats und der Klimaschutzbeauftragten, aufgegriffen werden. Ein Schwerpunkt sollte in diesem Zusammenhang sein, die energetische Sanierung von städtischem Eigentum weiter voranzutreiben. Ferner sollten, gegebenenfalls durch Förderprogramme, auch Anreize für Private gesetzt werden.

Die Grünen: Um in 30 Jahren klimaneutral zu sein, sind vorhandene Klimaschutzkonzepte, Maßnahmen- und Masterpläne kontinuierlich fortzuschreiben. Die Umsetzung ist durch einen speziellen Klimahaushalt und die Nutzung aller erreichbaren Fördermaßnahmen sicherzustellen. Neben intelligenten Quartierskonzepten zur Versorgung mit Strom und Wärme aus dezentralen und regenerativen Quellen brauchen wir in Hungen eine verbindliche Solarsatzung, weitere Solarparks und Dachanlagen, auch mit Bürgerbeteiligung, sowie den Ausbau der Ladeinfrastruktur.

Pro Hungen: Die größten CO2-Verursacher sind Verkehr und Haushalte. Die Reduzierung erfordert flexiblere Busverbindungen, Mitfahrbänke und den Ausbau des Radwegenetzes sowie eine Infrastruktur für E-Fahrzeuge. Wir möchten zudem ungenutzte Fördermittel für kommunale E-Mobilität abrufen und private Haus- und Hofbegrünungen für ein besseres Mikro-Klima aus Landesmitteln fördern. Klimaschutz beginnt schon bei den Kleinsten: Bildungs- und Informationsinitiativen in Kita und Schulen ermöglichen langfristige Effekte.

?Hungen ist eine Flächengemeinde. Die Ausstattung von Feuerwehren, der Unterhalt von Bürgerhäusern und anderen Einrichtungen kostet Geld. Wie viel Infrastruktur brauchen die Stadtteile?

Freie Wähler: Bezahlbarer Wohnraum, schnelles Internet, eine verlässliche Abwasserversorgung oder wohnortnahe Einkaufsmöglichkeiten sind Themen, die Menschen gerade im ländlichen Raum mit Lebensqualität verbinden. Hinzu kommen Einrichtungen für das Vereins- und Gemeinwesen wie Bürgerhäuser, Kitas, Sportstätten und Kultureinrichtungen, aber auch für Vorsorge- und Schutzmaßnahmen, etwa die Freiwilligen Feuerwehren. Solche notwendigen Strukturen wollen wir im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten erhalten und verbessern.

SPD: Alle Ortschaften brauchen weiterhin Kommunikations- und Veranstaltungsorte. Diese Infrastruktur ist zu erhalten. Gut ausgestattete Feuerwehren sind lebenswichtig. Das steht für die SPD in Zeiten auch klimabedingt gestiegener Anforderungen außer Frage. Gemeinsam mit den örtlichen Wehren und Feuerwehrvereinen ist zu prüfen, ob jedes Objekt tatsächlich zu halten ist und womit Synergien zu erreichen sind.

CDU: Sicherlich sind die Kosten für die Unterhaltung der örtlichen Dorfgemeinschaftshäuser und der Feuerwehren in einer Flächenkommune immens, aber aus unserer Sicht alternativlos, da eine Schließung bzw. Zusammenlegung der Einrichtungen den gesellschaftlichen Zusammenhalt und Identifikationen mit der eigenen Heimat erheblich gefährden. Insbesondere im Bereich des Brandschutzes steht ein wesentlicher Bestandteil der Daseinsvorsorge auf dem Spiel, da bei fehlender Identifikation die dringend notwendige Nachwuchsgenerierung nicht mehr gewährleistet ist.

Die Grünen: Vitale Ortschaften sind für eine gute Entwicklung Hungens entscheidend. Dazu gehört das für die Dorfgemeinschaft unverzichtbare Bürgerhaus, der Kindergarten, die Grundschule, beide vor Ort oder im Nachbardorf, die Friedhofshalle, der Sportplatz mit städtischer Unterstützung unter der Obhut der Vereine. Eigenständige Feuerwehren sollten soweit wie möglich in einem Verbund aller Wehren der Großgemeinde kooperieren. Wie dringend alle darauf angewiesen sind, hat die jüngste Hochwasserlage gezeigt. Gemeinschaftliche Projekte, wie ein eigener Dorfladen, sind unbedingt zu unterstützen.

Pro Hungen: Wir nehmen die hessische Verfassung ernst und streben zwischen den Ortsteilen gleichwertige Lebensverhältnisse an. Bürgerhäuser und Feuerwehren müssen als integraler Bestandteil der Vereinsarbeit und des kulturellen Dorflebens solidarisch finanziert werden. Für die Pflege von Spielplätzen und Erholungsflächen wollen wir ein System ehrenamtlicher Patenschaften etablieren. Versorgungslücken kleiner Ortsteile ohne eigenen Nahversorger, Hausarzt und Kita wollen wir mit einem Bedarfsbus schließen.

Hungen ist eine Flächengemeinde. Der Erhalt von Dorfgemeinschaftshäusern, Kitas und anderer Infrastruktur in zwölf Stadtteilen ist nicht zuletzt eine finanzielle Herausforderung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare