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Vom Glas aufs Papier: Auch Jens lässt sich in der Lebenshilfe-Werkstatt in Lollar die Fingerabdrücke nehmen.

"Wie in einer Fernsehserie"

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Gießen (pm). Für Jens ist das eine ganz besondere Situation. Er sitzt vor einer Polizistin. Die Fingerkuppe seines rechten Zeigefingers wird gesäubert, ein Glasträger vorbereitet. Sein Finger wird auf eine Art Stempelkissen und anschließend auf den Glasträger gedrückt.

Jens ist nicht etwa verdächtig, irgendetwas Verbotenes getan zu haben. Er ist Mitarbeiter in der Lebenshilfe-Werkstatt in Lollar. Sechs sogenannte "Seitenwechsel" veranstaltet die Lebenshilfe Gießen e.V. anlässlich ihres 60. Geburtstages in diesem Jahr. Menschen mit Behinderung tauschen dabei für einen Vormittag ihren Arbeitsplatz mit bekannten Personen oder Institutionen aus Stadt und Landkreis. Diesmal waren daran 60 Polizeianwärter beteiligt, die den praktischen Teil ihrer Ausbildung bei der Bereitschaftspolizei derzeit in Lich absolvieren.

Abbau von Hemmnissen

"Die Aktion ist für unsere Studierenden auch Teil eines Lehrmoduls. Es ist durchaus auch ein Aspekt der Ausbildung, dass man zukünftige Polizistinnen und Polizisten im Umgang mit Menschen mit Behinderung schult", sagte Stefan Bernhardt, einer von zwei Polizeitrainern, der eine Gruppe nach Lollar begleitete. Sein Kollege Jens Reisewitz verwies darauf, dass Polizisten häufig mit Menschen mit einer psychischen Behinderung zu tun haben: "Es geht auch darum, dass man Hemmnisse und eventuelle Bedenken abbaut. Dadurch soll eine gewisse Handlungssicherheit entstehen, von der alle Beteiligten im Fall der Fälle profitieren."

Im Rahmen des Seitenwechsels arbeiteten die angehenden Polizisten in diversen Bereichen der verschiedenen Lebenshilfe-Werkstätten mit, beispielsweise in der Wäscherei, in der Schreinerei, in der Aktenvernichtung oder bei den Montage- oder Gartengruppen. Im Gegenzug erhielten die Lebenshilfe-Mitarbeiter die Gelegenheiten, einmal im Streifenwagen mitzufahren, die eigenen Fingerabdrücke abnehmen zu lassen - wozu man außerdem eine persönliche Widmung erhielt - oder zum Beispiel spezielle Polizeischutzkleidung anzuprobieren.

Die Resonanz war auf beiden Seiten äußerst positiv. Christian, ein Mitarbeiter mit Behinderung aus Lollar, zeigte sich besonders von der Möglichkeit angetan, mit einem Polizeiwagen eine Runde zu drehen: "Das ist ja wie in diversen Fernsehserien, die man so kennt", sagte er.

"Wir sind für 19 Wochen auf unserem Gelände - das hier ist wirklich mal eine willkommene Abwechslung", freute sich ein junger Polizeianwärter, der in Lollar beim Sichtbarmachen der Fingerabdrücke mithalf. Auch Ali Mansour, ebenfalls angehender Polizist, schilderte seine Eindrücke: "Die meisten wussten nicht so recht, was sie erwartet. Ich freue mich nun aber sehr, hier den Kontakt zu haben. Das ist sehr wichtig." Polizeianwärter Stefan Moser schätzte vor allem "den Blick über den Tellerrand hinaus" und sagte: "Wenn man Menschen mit Behinderung im persönlichen Umfeld nicht hat, dann kennt man das nicht so. Daher ist eine solche Veranstaltung sehr wichtig."

Nach einem gemeinsamen Mittagessen an den verschiedenen Schauplätzen dieses Seitenwechseltages trennten sich die Wege der Lebenshilfe-Mitarbeiter und Polizeianwärter wieder. Eine Neuauflage in der Zukunft konnten sich alle Beteiligten sehr gut vorstellen.

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