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Ulrich Kirschbaum zählt unter anderem, in wievielen Feldern eines Gitters auf dem Baumstamm Exemplare bestimmter Flechtenarten zu finden sind.

Wie ein Blick in ein Korallenriff

  • VonStefan Schaal
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Weltweit gibt es keine Region, in der Flechten so umfassend und seit so langer Zeit kartiert und untersucht werden wie der Gießener Raum. Der Biologe Ulrich Kirschbaum aus Wißmar analysiert die sensiblen Lebensgemeinschaften von Algen und Pilzen seit mehr als 50 Jahren. Er weiß: Flechten liefern wichtige Daten zur Umwelt und zum Klimawandel.

Ulrich Kirschbaum packt die Lupe aus. Mit einem Abstand von wenigen Zentimetern hält er sie vor den Stamm einer Esche. Er kneift die Augen zusammen, lässt seinen Blick über ein Gitter schweifen, das er mit Pinnwandnadeln an den Baumstamm gehängt hat. Dann beginnt er braune, grüne und gelbliche Flecken zu zählen.

Kirschbaum steht am Rand des Tennisplatzes auf dem Falkenberg in Krofdorf-Gleiberg. »Wenn ich um Bäume schleiche, halten mich manche Leute auch schon mal für einen Terroristen«, erzählt er schmunzelnd. Der 79 Jahre alte Wißmarer aber ist Biologe. Und ein Fachmann in der Untersuchung von Flechten.

Seit mehr als 50 Jahren untersucht Kirschbaum Flechten. Der Wissenschaftler, viele Jahre Professor an der THM in Gießen, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass es weltweit keine Region gibt, in der Flechten so umfangreich und über einen so langen Zeitraum regelmäßig unter standardisierten Bedingungen kartiert werden wie im Raum um Gießen und Wetzlar.

Als Kirschbaum von seiner Tätigkeit erzählt, kommt er auf erstaunliche Veränderungen zu sprechen. 1970, zu Beginn seiner Untersuchungen, sei beispielsweise im Zentrum Frankfurts keine einzige Flechte an Bäumen zu finden gewesen. »Das war eine Flechtenwüste«, sagt er. Hier im Gießener Land habe er damals vereinzelt immerhin sieben verschiedene Arten entdeckt. »Heute aber sind es rund 70.«

Kirschbaum führt die Entwicklung darauf zurück, dass sich die Luftqualität deutlich verbessert hat. Für die Flechtenwüsten sei das vor allem von Industrieanlagen, Kraftwerken und Wohnungen ausgestoßene Schwefeldioxid verantwortlich gewesen. Seit dem Rückgang der Industrie in der Region und dem Einsatz von Schadstofffiltern durch Betriebe »hat die Artenvielfalt bei Flechten wieder deutlich zugenommen«.

Wer ihm über die Schulter schaut und sich mit ihm unterhält, erlebt einen Biologen, dessen Augen funkeln, wenn er von seiner Wissenschaft erzählt, er gerät regelrecht ins Sprudeln. An dem Stamm der Esche in Krofdorf-Gleiberg veranschaulicht er den Artenreichtum der Flechten. Er deutet auf gekräuselte Exemplare, andere erscheinen blätterartig, Kirschbaum weist auf die verschiedenen grünlichen und bräunlichen Farbtöne hin. Durch die Lupe betrachtet erschließt sich plötzlich eine Welt, die an ein Korallenriff erinnert.

In einfachen, verständlichen Worten erklärt Kirschbaum außerdem, warum sich die kleinen, oft unscheinbaren Flechten als Indikatoren für die Schadstoffbelastung der Luft eignen. »Es ist ein Doppelorganismus. Zwei Lebewesen, die in der Flechte eine feindliche Wohngemeinschaft bilden: Pilze und Algen«, sagt Kirschbaum - und zieht gleich darauf einen biblischen Vergleich. »Sie sind untereinander weit unterschiedlicher als zum Beispiel Jonas und der Wal.« In dieser Geschichte habe es sich zumindest um zwei Säugetiere gehandelt. »Bei Flechten aber sind es eben Pilze und Pflanzen.«

In diesem seit Millionen Jahren existierenden Verhältnis werde die Alge und deren Fähigkeit, Energie durch Fotosynthese zu gewinnen, vom Pilz ausgenutzt. »Die Alge muss den Pilz ernähren. Es ist eher eine Herren-Sklaven-Beziehung als eine Symbiose«, sagt Kirschbaum. »Der Pilz ist der Chef.«

Die Alge führe einen ständigen Existenzkampf, dieser trage zu einem labilen Zustand der Flechte bei. »Sie reagieren deshalb empfindlich auf Umweltveränderungen, wie zum Beispiel Schadstoffe in der Luft«, sagt Kirschbaum. »Die Alge wird abgetötet - und damit auch der Pilz.«

Alle fünf Jahre werden die Flechten im Gießener Raum zwischen Vetzberg, Hangelstein, Schiffenberg und Kleinlinden kartiert, wie auch in weiteren Regionen, im Auftrag des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Die letzte Kartierung liegt erst wenige Monate zurück. »Die Ergebnisse liegen noch nicht vor«, sagt Kirschbaum. Doch der Gießener Raum liege auf einer Skala zwischen 0 für eine schlechte und 5 für eine gute Luftqualität bei 4. »Vor 50 Jahren lag der Wert eher noch bei 0.«

Nicht in allen Fällen ist die Zunahme von Flechten ein gutes Zeichen, betont der Biologe. Vor mehreren Jahren habe man immer häufiger orangegelbe Flechtenarten an Bäumen entdeckt. »Wir dachten zuerst, dass das ein weiteres Indiz für die sich verbessernde Luftqualität ist«, sagt er. Dann aber habe man festgestellt, dass die Zunahme dieser Flechten auf die Intensivierung der Landwirtschaft und auf Inhaltsstofffe in Düngemitteln wie Stickstoff und Phosphor zurückzuführen war, die durch den Wind an die Flechten gelangten.

Und so macht Kirschbaum deutlich, wie Flechten, diese sensible Lebensform, aufschlussreiche Hinweise auf die Umwelt geben. Seine Faszination ist ansteckend. Umso erstaunlicher ist daher, auf welch nüchterne Weise er einst zu seinem Forschungsfeld kam. »Ich stand vor meinem Staatsexamen an der Uni Gießen«, erzählt er. Die Professorin Lore Steubing habe um sich geschaut, auf ihn gedeutet und gesagt: »Du schreibst dein Examen über Flechten und Luft.« Kirschbaum stürzte sich in das Thema. Bis heute hat es ihn nicht losgelassen.

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