Die Sonnenblenden heruntergeklappt, drei Masken am Rückspiegel: Das Sichtfeld in dem Unfallwagen ist stark eingeschränkt.
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Die Sonnenblenden heruntergeklappt, drei Masken am Rückspiegel: Das Sichtfeld in dem Unfallwagen ist stark eingeschränkt.

Am Rückspiegel

Wenn Corona-Masken Leben gefährden: »Gefahr ist vielen nicht bewusst«, meint Experte aus Wettenberg

  • vonStefan Schaal
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Sie baumeln an zahlreichen Rückspiegeln, auch im Kreis Gießen: Corona-Masken verdecken das Sichtfeld von Autofahrern - und gefährden so Leben. Vor wenigen Tagen wurde bei einem Unfall in der Region ein übersehener Fußgänger schwer verletzt, beim Autofahrer hingen drei Masken am Spiegel. »Die Gefahr ist vielen nicht bewusst«, sagt Bernd Gerich, Unfallgutachter aus Wettenberg.

Der Mann liegt auf der Straße, er ringt um sein Leben. Ein Auto hat den Fußgänger in einer Rechtskurve erfasst. Ein Blick in die Windschutzscheibe des Wagens macht deutlich, warum die Fahrerin den Mann übersehen hat. Am Rückspiegel baumeln drei Corona-Masken, die die Sicht der Frau verdeckt haben.

»Die Gefahr ist niemandem bewusst«, sagt Bernd Gerich. »Was alles an den Spiegeln hängt, ist mir seit längerer Zeit ein Dorn im Auge.« Der 66 Jahre alte Wettenberger ist einer der meistbeschäftigten Unfallgutachter im Kreis im Auftrag von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten. Derzeit untersucht er den Unfall, der sich Ende Juli aufgrund dreier am Rückspiegel hängender Masken im Raum Limburg ereignet hat. Das Opfer hat mit schwersten Verletzungen glücklicherweise überlebt.

Gerich berichtet von fünf tödlichen Unfällen, mit denen er in den vergangenen zehn Jahren befasst war, bei denen Gegenstände am Rückspiegel die Ursache waren. »In Zeiten von Welt- und Europameisterschaften im Fußball häufen sich derartige Unfälle«, erzählt er. »Wenn zum Beispiel Fan-Girlanden in den Farben Schwarz, Rot und Gold am Spiegel hängen.« Nun nehme die Zahl der Unfälle durch die hängenen Corona-Masken zu, befürchtet der Gutachter. Im Herbst, in der dunklen Jahreszeit, wenn die Sicht zusätzlich durch Witterungsverhältnisse stärker eingeschränkt wird, werde es »noch dramatischer.«

Gerich fügt hinzu: »Schaut man sich auf Parkplätzen um, hängen Gegenstände wie Duftbäume, Talismane, Fan-Girlanden und zunehmend eben auch Masken inzwischen in 40, 50 Prozent der Autos an Rückspiegeln.«

Gerich stellt sich draußen nahe des Büros in Wettenberg vor einen Kleinwagen. Es ist das Unfallauto aus dem Raum Limburg. Für sein Gutachten stellt er die Situation nach. Anderthalb Meter vom Wagen entfernt geht der Wettenberger Schritt für Schritt an der Kühlerhaube des Autos entlang, während ein Kollege im Wagen auf der Fahrerseite sitzt und Gerich fotografiert. Wobei: Er versucht, ihn zu fotografieren. Denn für einen Moment ist Gerich hinter den drei hängenden Corona-Masken komplett verschwunden. »Ich bin ja nicht der Schmalste«, sagt der Gutachter. »Mich dürfte man im Normalfall nicht übersehen.«

Vor allem in einer Rechtskurve sei die Sicht beispielsweise auf den Bordstein durch die Masken stark eingeschränkt. »Wenn in diesem Moment ein Hindernis auftaucht«, sagt Gerich, »wenn ein Kind sich nach einem Ball bückt, dann sieht der Fahrer das nicht.«

Gerich erzählt von einem Unfall in Lauterbach 2011. »Damals hing eine Fan-Girlande am Rückspiegel.« Eine Autofahrerin habe erst zu Hause gemerkt, dass Risse in der Windschutzscheibe waren. »Sie ist die Strecke zurück gefahren und hat entdeckt, dass sie in der Dämmerung - durch der Girlande unbemerkt - einen Mann angefahren hatte.« Die Frau sei wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden. »Auch für die Richterin war das neu, dass Gegenstände am Rückspiegel so gefährlich sein können.«

Für Gerich ist aus der Erfahrung solcher Fälle klar: »An den Spiegel gehört nichts dran. Das Ziel muss freie Sicht sein.« Zumal durch moderne Bauweise von Autos die Fensterscheiben in den vergangenen Jahrzehnten kleiner geworden sind. Seine Corona-Maske habe er im Auto an der Heizung befestigt, sagt er. Die Windschutzscheibe müsse vollkommen frei bleiben. Dies, fordert er, müsse in aller Klarheit gesetzlich vorgeschrieben werden. »Aufkleber sollten nur an den äußersten Ecken befestigt werden.«

Bereits kleine Spiegelanhänger wie Schlüsselbänder seien gefährlich, bestätigt Peter Rücker, Leiter der Unfallforschung bei der Prüfgesellschaft Dekra. »Das gilt für die Mund-Nasen-Schutzmaske mit ihrer relativ großen Fläche umso mehr.« Das Problem sei nicht allein, dass das Sichtfeld des Fahrers eingeschränkt werde. »Durch das ständige Gebaumel gewöhnt man sich als Autofahrer daran, dass sich am Rand des eigenen Blickfelds etwas bewegt.« Die Folge sei, dass man Bewegungen außerhalb des Fahrzeugs, etwa von Radfahrern oder Fußgängern am rechten Fahrbahnrand, erst viel später wahrnimmt«

Die Corona-Maske diene ja dem Schutz der Mitmenschen, betont Rücker. »Wer sie aber unbedacht am Rückspiegel aufbewahrt, bewirkt das Gegenteil: Er gefährdet andere Verkehrsteilnehmer.«

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