Der heimische Wald leidet - auch wenn man es nicht überall sieht.
+
Der heimische Wald leidet - auch wenn man es nicht überall sieht.

Schäden im Wald

Kreis Gießen: Vermehrt Konflikte um den Umgang mit den Wäldern – Experte äußert sich

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
    schließen

Der Ton wird rauer, wenn es um den heimischen Wald geht. Der kommissarische Leiter des Forstamtes Wettenberg wirbt für Vertrauen in die Arbeit der Profis – und für mehr Kommunikation und Transparenz.

Hier ein Leserbrief. Da ein Disput zwischen Forstwirt und Spaziergänger. Dort eine Beschwerde-Mail ans Forstamt - und in Kopie gleich an Hessen Forst, das nächste Rathaus und die Presse. Der Ton wird rauer, wenn es um den heimischen Wald geht.

Ihr macht das nur wegen des Geldes«, lautet schnell der Vorwurf, wenn die Säge an der Buche oder der Eiche angelegt wird. Vor allem dann, wenn es sich um große, alte, vermeintlich gesunde Bäume handelt.

»Schon lange nicht mehr«, sagt Ralf Jäkel zur Vorhaltung, es gehe um den Profit. »Klar: Wir müssen wirtschaftlich arbeiten, auch bei der Erfüllung der infrastrukturellen Waldfunktionen. Aber letztlich ist auch die Rohstoffbereitstellung wichtig«. Er erinnert daran, dass der Stuhl, auf dem wir sitzen, aus Holz ist. Ebenso wie der Tisch davor, das Papiertaschentuch, das Dachgebälk und zuletzt der Sarg. »Auch den Beschwerdebrief, dass wir zu viel Holz einschlagen, schreiben sie auf Papier aus Holz«, scherzt der Forstmann. Und erinnert daran: Das Holz muss irgendwo herkommen. Aus ökologischen Gründen ist es allemal besser, das hierzulande benötigte Holz auch hier anzubauen und nicht aus Sibirien oder Südamerika zu importieren.

Kreis Gießen: Beschwerden der Bürger über das Wirken der Waldarbeiter und Revierförster

Der kommissarische Leiter des Forstamtes Wettenberg kennt die Beschwerden der Bürger über das Wirken der Waldarbeiter und der Revierförster. Und er stellt sich ausdrücklich schützend vor sie und deren Arbeit. »Hier arbeiten Profis. Meine Kollegen und ich - wir wissen, was wir tun«, lässt der studierte Forstwissenschaftler den Revierleitern und Forstwirten die Kompetenz nicht absprechen.

Dabei nimmt Jäkel die Kritik der Menschen überaus ernst: Gut, dass die Bürger interessiert sind, genau hinschauen und nachfragen. Selbstkritisch merkt Jäkel an, dass er und seine Kollegen die Menschen noch mehr informieren und einbeziehen müssen. Aber er erwarte auch, dass den Fachleuten Glauben geschenkt wird.

Dabei hat sich einiges grundlegend gewandelt: »Wir ernten im Wesentlichen die faulen Äpfel«, erläutert Jäkel. Eben um die gesunden zu schützen. Dass es dem Wald nicht gut geht, wissen die Fachleute in den Forstämtern nicht erst seit gestern. Seit bald zwei Jahrzehnten schon verzeichnen sie zunehmend Probleme.

Wälder im Kreis Gießen: Fichten und Buchen leiden unter den veränderten Verhältnissen

Eingeschlagen werden deshalb vor allem Bäume, die mit der Trockenheit der vergangenen Jahre nicht zurecht gekommen sind: Die Förster erkennen sie beispielsweise an schlechten Kronenbildern oder an Pilzbefall, lange bevor der Laie das überhaupt bemerkt. Besonders augenfällig wird es seit wenigen Jahren bei den Fichten. Da stehen ganze Bestände braun und tot im Wald, müssen rausgeholt werden, bevor sie umfallen. Bereits vor 15 Jahren wurde eine so genannte »Fichten-Risikokarte« entworfen, die aufzeigt, auf welchen Standorten diese Bäume Probleme haben. Chancen werden diesen Bäumen in der Zukunft eher noch in höheren Lagen im Vogelsberg oder der Rhön zugetraut.

Doch auch Buchen leiden zunehmend unter den sich verändernden Verhältnissen. Wissenschaftler sprechen von der so genannten Buchen-Komplexkrankheit: Ein Mix aus Wassermangel, kleineren Blättern, Pilz- und Schädlingsbefall sowie weiteren Faktoren. All das macht auch einen starken Baum auf Dauer mürbe. Dauerte es früher manchmal bis zu einem Jahrzehnt, bis ein alter Riese ins Wanken kam, so hat sich dieser Prozess deutlich verkürzt. Mitunter verliert eine Buche im Laufe einer Vegetationszeit ihre Stabilität vollständig.

Kreis Gießen: Stärkerer Freizeitdruck in den Wäldern

Geschieht der Einschlag entlang der Wege oder an den Waldrändern, dann kommt es schnell zu kritischen bis verärgerten Reaktionen der anderen Waldnutzer. Und von denen gibt es immer mehr. Outdoor-Aktivitäten in der Freizeit sind ohnehin in - und Corona hat das nochmals wie ein Katalysator beschleunigt. Heute sieht man deutlich mehr Spaziergänger, Jogger, Mountainbiker und viele andere mehr im Wald als noch vor ein paar Jahren. Was zu Nutzungskonflikten führen kann.

Ebenfalls klar zu erkennen: Je stadtnäher ein Forst liegt, desto größer der Freizeitdruck ebendort. Und damit auch der Stress, wenn ein Baum quer über einem Weg liegt, wenn ein Stück Wald wegen Fällungen gesperrt ist. Dann machen die Leute ihrem Unmut schnell Luft.

Waldnutzer im Kreis Gießen: Umgang miteinander wird „härter“

»Es ist die Art und Weise des Umgangs miteinander«, sagt Forstamtsleiter Jäkel. Es werde einfach »härter«. Wobei er und seine Leute seit Jahren schon versuchen, ein hohes Maß an Transparenz herzustellen, um für ihre Profession zu werben. Was leider in der Vergangenheit etwas brach lag, das war die Ansprache über die sozialen Medien. Instagram. Twitter, Facebook & Co sollen in den kommenden Wochen verstärkt »bespielt« werden, um mehr Menschen zu erreichen.

Und zu erklären, dass sich der Wald ändert: In 50 Jahren, so die Einschätzung von Experten, wird es rund 50 Prozent weniger Buchenstandorte geben. Eichen, Linden, Kirschen, Elsbeeren. Feldulmen, aber auch Douglasien, Kastanien oder Atlas-Zedern werden vermehrt in den Wäldern zu finden sein, da sie mit den veränderten Bedingungen besser zurecht kommen.

Hoffnung wird auch in mehr Besucher- und Nutzerlenkung gesetzt: Am Dünsberg beispielsweise wurde gemeinsam mit der Gemeinde, dem Dünsbergverein und bekannten Nutzergruppen ein so genannter »Entmischungsplan« erarbeitet, um Konflikte zu reduzieren. Auch für den »Lollarer Kopf«, ebenfalls ein beliebtes Ziel von Spaziergängern und Naturfreunden, gibt es ein Konzept. Jäkel: Ich hoffe, dass man den Profis bei der Umsetzung Vertrauen schenkt«.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare