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Ein hässlicher, traurig stimmender Anblick: Zwei kräftige Hirsche haben sich im Jahr 2018 in Draht verfangen und sind verendet. FOTO: PRIVAT

Qualvoller Tod

Warum Draht im Wald zur tödlichen Falle werden kann

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Wenn sich Wildtiere in Draht verheddern, kann das ihren qualvollen Tod bedeuten. Jäger aus dem Krofdorfer Forst machen auf die Problematik aufmerksam.

Zwei schöne Tiere. Da blutet einem das Herz", sagt Helge Hessler. Im September 2018 hat der Jäger die zwei prächtigen Hirsche im Forst nahe Wißmar gefunden. Mit Draht aneinanderfesselt. Tot. So etwas kommt gottlob selten vor. Doch es ist leider kein Einzelfall. Ein weiterer Rothirsch wurde Anfang Dezember 2019 im Revier Salzböden von Jagdpächter Thomas Daniel von seinem Leid erlöst. Auch dieses Tier hatte sich in Draht verfangen. Stachdraht zog sich vom Geweih bis zum rechten Hinterlauf, schnürte das Bein mutmaßlich über Wochen grausam ab.

Helge Hessler, Thomas Daniel und Hans Hammermann, der gemeinsam mit Daniel das Jagdrevier Salzböden/Odenhausen seit April 2019 gepachtet hat, wollen mit den zwei schwerwiegenden Vorfällen auf ein nach wie vor virulentes Problem aufmerksam machen: Durch Menschen geschaffene Barrieren in Wald und Feld, die für Tiere zu tödlichen Fallen werden können.

Dialog statt Schuldzuweisungen

Es gehe ihnen mitnichten darum, irgendeine Partei anzugreifen oder Schuldzuweisungen auszuprechen, unterstreicht Hessler. Sondern man wolle vielmehr für ein Problem sensibilisieren. Dazu sind sie, wie viele andere Jänger landauf, landab auch, immer wieder im Dialog mit Landwirten, mit Revierförstern und mit Pferdehaltern. Denn zum einen sind es immer mal wieder forstliche Hinterlassenschaften, die Tieren zum Verhängnis werden. Zum anderen eben Weidezäune, in denen sich Hirsch und Reh unheilvoll verheddern. "Ich schneide bald jedes Jahr einmal einen Rehbock aus den Litzen eines Elektrozaunes raus", sagt Hessler. Er hat seit knapp zwei Jahren das Revier Wißmar zur Jagd gepachtet.

Die Jäger verstehen sehr wohl die Situation der Landwirte oder der Pferdeleute, die Zäune bauen und Koppeln abstecken, um ihre Tiere weiden und grasen zu lassen. Ein Landwirt im Nebenerwerb, der sein täglich Brot andernorts verdient, hat nunmal nur begrenzt Zeit für die Arbeit, haben Hessler und Hammermann Verständnis für den Zeitdruck auf der einen und die aufwändige Arbeit des Auf- und Abbauens von Zäunen auf der anderen Seite.

Appell: Zäune abbauen

Wobei es wohl weniger die professionellen Landwirte sind, die im Herbst vergessen, Zäune wieder abzubauen. Das nachlässige Verhalten sei vor allem bei Hobby-Tierhaltern beobachtet worden, die die Grünflächen im Sommer zur Freizeit-Tierhaltung einzäunen und die Flächen im Winter nicht nutzen, heißt es in einer Schreiben der Ersten Kreisbeigeordneten Dr. Christiane Schmahl vom Februar 2016. Die Naturschutzdezernentin im Kreis Gießen hat bereits vor vier Jahren an die Tierhalter appelliert, Zäune abzubauen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, und gefährlichen Drahtschrott aus der Landschaft zu entfernen.

Bei Hessen-Forst, der staatlichen Forstverwaltung, ist man da ebenfalls höchst sensibilisiert. Seit zehn Jahren schon werden etwa im Krofdorfer Forst keine Einfriedungen aus Draht mehr verwandt, sagt der kommissarische Leiter des Forstamts Wettenberg, Ralf Jäkel. Alle Revierleiter und Jagdpächter sind in der Vergangenheit schon angeschrieben worden, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Vor allem aber: Sie sollen, sobald sie noch Draht finden, diesen melden. Dann wird der Unrat beseitigt.

"Wir haben schon mehrfach Entsorger im Wald gehabt", sagt Jäkel. Die größeren Einfriedungen seien weitgehend entfernt oder durch Herdengatter aus Holz ersetzt-, die eigentlich im Wald verbleiben können. Irgendwann vergehen diese von alleine. Das Problem allerdings sind vergessene Drahtreste, die eher klein sind, sodass man sie nicht mehr auf dem Schirm hat. Da bittet der Forstamtleiter um Mithilfe: Wer solches entdeckt, möge es umgehend melden.

Besser Hordengatter aus Holz

Seine Maßgabe: So wenig Zäune im Wald wie möglich - und wenn, dann Hordengatter aus heimischem Holz. Denn Zäune sind nicht nur problematisch, sondern kosten auch richtig Geld. Beim Bau, bei der Kontrolle, bei der Reparatur. Und im Falle von Drahtzäunen auch in der Entsorgung. Das wurde in den vergangenen Jahren so nicht immer mit eingepreist.

In der Pflicht sieht die Forstverwaltung da allerdings auch die Jäger. "Wenn die Wildbestände überall angepasst wären und es mithin weniger Verbiss- oder Schälschäden gäbe, dann bräuchte man auch weniger Zäune", gibt Jäkel mit Blick auf den Kausalzusammenhang zwischen Schadenshöhe und Wilddichte zu bedenken. Deshalb gibt es Abschusspläne, in denen der Tierbestand und dessen Regulierung festgelegt sind.

Das im Blick zu behalten, geht nur im Miteinander, sagt Jäkel. Und ist sich da mit Helge Hessler einig, der seinerseits sagt: "Die Frage ist nicht Wald vor Wild oder Wild vor Wald. Wir müssen Wald und Wild zusammen sehen. Das sind ganz viele Zahnrädchen, die da zusammengreifen".

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