"Versuche, der Untergangsstimmung zu entgehen"

  • vonStefan Schaal
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Wettenberg(srs). Am morgigen Samstag trifft sich die Wettenbergerin Barbara Yeo-Emde mit ihrer Familie. Per Videokonferenz. Das ist zumindest der Plan. Ihre zwei Schwestern und vier Brüder leben in den USA, auch die seit 23 Jahren in Krofdorf-Gleiberg wohnende Yeo-Emde ist Amerikanerin. Ob es am Samstag allerdings zum Wiedersehen per Zoom mit ihrer Familie kommt, ist noch ungewiss. "Es hängt davon ab, ob mein jüngster Bruder mich einlädt", sagt sie. Denn der Hausfrieden ist gestört. Aufgrund der US-Präsidentschaftswahlen.

Vor zwei Wochen, also noch vor der Wahl, kam es bei der vergangenen Videokonferenz mit den Geschwistern und deren Familien zur Auseinandersetzung. Yeo-Emdes Mann Dieterich äußerte die Befürchtung, Trump könnte trotz einer Niederlage alles Mögliche unternehmen, um im Amt zu bleiben. Da widersprach Yeo-Emdes Bruder. "Wenn jemand die Wahl manipuliert, dann doch die Demokraten." Die Aussage habe sie baff gemacht, sagt die Wettenbergerin. "Wie kannst du das sagen?", fragte sie. Der Bruder verließ verärgert die Videokonferenz, seitdem herrscht Funkstille. Und so sorgen die US-Präsidentschaftswahlen auch im Gießener Land für erhitzte Gemüter.

Yeo-Emde hat Joe Biden gewählt. Sie wähle die Demokraten, seit sie denken kann, sagt sie. Trump, der US-Präsident der vergangenen vier Jahre allerdings, sei ein "furchtbarer Mensch". Mit einigen wenigen weiteren US-Amerikanern im Kreis hat sie Kontakt. "Keiner von ihnen hat Trump gewählt."

Die Wettenbergerin ist Musikerin, neun Jahre lang sang die Sopranistin im Opernchor des Gießener Stadttheaters. "Heute würde ich eher in der Stimmlage Alt singen", sagt sie lachend. Auf die Frage, mit welchem Lied sie die Stimmungslage in ihrem Heimatland beschreiben würde, nennt sie einen Song Leonard Bernsteins, "Take care of this house". "Bewahre das Haus vor Schaden", heißt es darin ins Deutsche übersetzt. "Sollten Banditen einbrechen, schlage Alarm." Denn dieses Haus sei die Heimat aller.

Viele Freunde haben sich in den vergangenen Tagen bei Yeo-Emde gemeldet, haben sie besucht. Sie mache sich weiterhin Sorgen um die Lage in ihrem Land, hat sie ihnen erzählt. "Warum feuert Trump Leute wie jetzt den Verteidigungsminister, wenn er nur noch 70 Tage im Amt hat?" Die Wahl und vor allem die Inszenierung des Wahlkampfs in den Medien hinterlasse bei ihr eine depressive Gemütslage. "70 Prozent der Wähler in den USA leiden unter Ängsten und Depressionen aufgrund der politischen Situation", hat sie kürzlich gelesen.

Sie versuche, der Untergangsstimmung zu entgehen, sagt sie, auch wenn es schwer falle, zumal auch die Corona-Pandemie und ein schwerer Einbruch der Wirtschaft ihr Heimatland plagen.

Auf der Seite des Wettenberger Künstlervereins "KuKuK", in dessen Vorstand sie sitzt, hat Yeo-Emde kürzlich in einem Text ihre Befürchtung zum Ausdruck gebracht, dass die nächsten Monate in den USA "sehr hart" werden könnten, "bis der Amtsinhaber wirklich weg ist." Doch die Hoffnung sterbe zuletzt.

Die Hoffnung richtet sich derweil zunächst auf morgigen Samstag, auf das geplante Familientreffen online. Trotz der Auseinandersetzung mit ihrem Bruder sagt sie: "Ich nehme an, ich werde noch eine Einladung bekommen."

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