Troller: Ein charmanter Pirat und spitzbübischer Gentleman

Wettenberg. Schlohweiß der Bart, die Haare im Nacken zusammengeknotet, die Augen hellwach. Die Stimme fest, der Auftritt schlagfertig. Er lächelt. Nicht wehmütig, wie es ein von den Nazis vertriebener Jude vielleicht täte. Er lächelt mit dieser spitzbübischen Noblesse des Erfolgs. Wie einer, dem um sein Können nicht bange sein muss.

Georg Stefan Troller ist ein Gentleman mit dem Charme des Grandseigneurs. Und ein Faszinosum obendrein. Der Dokumentarfilmer, Buchautor und Journalist, der mit den Fernsehserien "Pariser Journal" (1962 - 71) und "Personenbeschreibung" (1971 - 93) Berühmtheit erlangte, hat den Schalk im Nacken. Und ihn auch nach 90 Lebensjahren nicht verloren.

Die Lesung des gebürtigen Österreichers am Mittwochabend im ausverkauften Rittersaal der Burg Gleiberg war gespickt mit Pointen. Sein einstündiger Vortrag handelte von seinem geliebten Paris, dem Wohnort Trollers seit 1949, und ein wenig von der Nazi-Zeit. Das meiste aber war der Liebe und den Frauen gewidmet – wer mag schon ständig über Politik räsonieren?

Troller nicht. Er nimmt die Elitären dieser Welt elegant auf die Schippe, mit einem Augenzwinkern, das signalisiert: "Der Interviewte ist nicht so wichtig wie der Interviewer." Das sagte der Journalist kurz vor der Lesung im Gespräch mit dieser Zeitung. Will heißen: Es kommt immer darauf an, was man daraus macht.

Troller hat eine Menge daraus gemacht – allein die Bonmots waren den Besuch des Abends wert. "Man durfte in den 30er und 40er Jahren nur als Todkranker ausreisen und als Kerngesunder einreisen." – "Natürlich bringt es Unglück, an einem Freitag, dem 13., zu heiraten. Es ist ein Tag wie jeder andere." – "In der Jugend könnte man und darf noch nicht, im Alter darf man und kann nicht mehr, dazwischen aber liegt eine große Zeitspanne…"

Auf Einladung der Deutsch-Französischen Gesellschaft Wettenberg in Kooperation mit dem Literaturzentrum Gießen las Troller, mit Piratenklappe über dem rechten Auge, aus den vier jüngsten seiner bislang 18 Bücher. Aus "Paris geheim" (2008), in dem er die aufregendsten und verlockendsten Orte und Adressen der Seine-Metropole skizziert, aus "Selbstbeschreibung" (2009), in dem er seine eigene Geschichte erzählt, als er 1938 17-jährig aus Wien nach Frankreich flieht und wenige Jahre später nach Amerika ausreisen darf, aus "Pariser Esprit – 1000 weise und witzige Aussprüche von Coco Chanel bis Villon" (2010) und aus "Vogelzug zu anderen Planeten" (2011), in dem Troller in Drehbuchmanier die Geschichte des kleinen Prinzen von Saint-Exupéry fortspinnt. Er schreibe jedes Jahr ein Buch, sagte der Autor, weil die Zeit langsam knapp werde.

Norbert Schmidt, Chef der Kreisredaktion dieser Zeitung und Vorsitzender der Deutsch-Französischen Gesellschaft Wettenberg, hieß Troller willkommen und moderierte den Abend. Ein kurzer Filmbeitrag aus einer von Trollers "Pariser Journal"-Folgen sagte mehr als tausend Worte. Troller zeigt das Defilee der Stars anlässlich einer Lido-Premiere. Wie er die Größen aus Film und Kunst im Bild einfängt und das Ganze kommentiert, hat bis heute Klasse: Brigitte Bardot bezeichnet er als "die zweite Frau Vadims", ohne ihren Namen zu nennen, Romy Schneider ist "die Romy" und bei Dalí heißt es: "Den Bart kennen Sie ja." Weil Troller Starlets offensichtlich nicht sonderlich schätzt, zeigt er nur ihre Körper mit den Worten: "Bei diesen Damen haben wir vergessen, die Köpfe zu filmen. Die Garderobe stammt von Chanel." Einmal ist ein üppig gefülltes Dekolleté in Großaufnahme zu sehen. Trollers knapper Kommentar: "Eine unbekannte Schönheit."

Chauvinistisch ist das allemal. Doch es entlarvt nicht nur den Autor, es entlarvt auch eine Gesellschaft voller Eitelkeiten. Dazu braucht es einen frechen Troller. Einen Piraten mit Augenklappe, der mit seiner subjektiven Art, die Segel zu setzen, mehr erreicht als die andern mit ihrer braven journalistischen Objektivität. In diesem Jahr legt Troller wieder ein neues Buch vor. Und im nächsten Jahr kommt er erneut nach Wettenberg – wetten? Manfred Merz

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