Eugène Lebrun (1902 - 1943)
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Eugène Lebrun (1902 - 1943)

Spurensuche in der Normandie

  • vonred Redaktion
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Wettenberg(pm). Covid-19 und die dazu erlassenen Restriktionen haben das Programm der Deutsch-Französischen Gesellschaft (DFG) Wettenberg 2020 schmelzen lassen. Trotzdem gab es keinen Stillstand. Das geht aus dem aktuellen Rundbrief des frankophilen Partnerschaftsvereins hervor. Sehr positiv gestaltete sich demnach eine Spurensuche in der Normandie, die laut Vorstandsbericht auch 2021 noch beschäftigen wird.

Ältere erinnern sich

Die Geschichte ist verbrieft: Im März 1943 stürzte ein bei landwirtschaftlichen Arbeiten in einer Scheune in Krofdorf-Gleiberg eingesetzter Kriegsgefangener so unglücklich, dass er kurz darauf im Gießener Reservelazarett seinen schweren Verletzungen erlag, einem Schädelbruch. Der Name des Mannes: Eugène Lebrun. Dessen zunächst in Gießen beigesetzter Leichnam war 1949 in die Heimat bei Saint-Lô überführt worden. Fortan schien sich diese Geschichte hier im Gleiberger Land zu verlieren, nicht minder die etlicher weiterer, für die Zeit ab Herbst 1941 nachweisbarer französischen Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter.

Bei den Recherchen für seine Publikation "Widerstand und Verfolgung im Faschismus in den Dörfern Wettenbergs" stieß der antifaschistische Lokalhistoriker Dieter Bender ("Stolperstein") auf Lebrun und dessen Leidensgenossen. Er trug den Deutschfranzosen, bei denen er Mitglied ist, dieses Kapitel deutsch-französischer Lokalgeschichte zur vertiefenden Nachsuche an.

Bekannt waren da nur, neben wenigen weiteren Angaben, Lebruns Geburtstag (1902 in Perriers-en-Beauficel) und der Ort der Herkunft, Coulouvray-Boisbenâtre im Département Manche. Nicht aber beispielsweise, wann und unter welchen Umständen er als Soldat in Gefangenenschaft geraten war. Geschweige denn dessen persönlicher Werdegang, sein Leben.

Auf das zunächst ans Rathaus in Coulouvray gerichtete Schreiben erhielten die seit Jahrzehnten auf die Pflege einer offenen Erinnerungskultur bedachten Deutschfranzosen Antwort von der Heimatkundlichen Vereinigung im benachbarten Saint-Sever.

Konkret von Schatzmeisterin Martine Besnehard, zudem von Bürgermeisterin Jocelyne Ozenne aus Saint-Michel de Montjoie (weitere Nachbargemeinde), und von Audrey Cineux, einer - ja! - Urenkelin des verunglückten Soldaten.

Nachdem davon im September erstmals in dieser Zeitung berichtet worden war, gingen bei den Deutschfranzosen weitere Hinweise ein. Darunter von Manfred Schmidt, einem passionierten Familien- und Lokalgeschichtsforscher aus Krofdorf: Er unterbreitete sein "Familienblatt" zu Lebrun. Aus dem geht hervor, dass es ältere Krofdorf-Gleiberger gibt, die in jungen Jahren mit dem Franzosen zu tun hatten, weil er auf den elterlichen Höfen in der Wiesenstraße und in der Großgasse gearbeitet hatte.

Erste Erzählungen dieser Zeitzeugen über die Begegnungen "mit dem Eugen" sind bereits in Schmidts "Familienblatt" festgehalten. Daraus geht auch hervor, dass der Kriegsgefangene zumindest hin und wieder Post aus der Heimat bekam.

Jüngst traf ein weiterer Brief aus der Normandie in Wettenberg ein. Martine Besnehard legte ausführlich Lebruns Lebensgeschichte dar, illustriert mit Fotos aus dem Familienalbum. Demnach stammte der Landwirt von einem Hof in Perriers, war das Älteste von fünf Kindern. 1928 hatte er in Saint-Michel de Montjoie Gabrielle Reffuveille geheiratet, mit der er drei Töchter hatte und mehrere überschaubare Höfe bewirtschaftete, zuletzt, von 1937 an, in einem Weiler bei Coulouvray. Im März 1940, wenige Wochen vor dem Westfeldzug der deutschen Wehrmacht, war er nach Rouen eingezogen worden.

Wie weiter? Besnehard wartet noch auf eine Antwort aus dem Regionalarchiv Caen, die womöglich Auskunft gibt über die Zeit zwischen Frühjahr 1940 (Rouen) und Herbst 1941 (Krofdorf). Ihrerseits will die DFG auf die Installation einer Gedenkplakette für Lebrun und dessen geknechtete Landsleute in Krofdorf-Gleiberg hinarbeiten. Zur Enthüllung dieses kleinen Denkmals - wohl kaum vor November 2021 - hofft der Verein, Martine Besnehard ebenso wie einzelne Lebrun-Nachfahren, namentlich Urenkelin Audrey Cineux, einladen zu können. Weitere Informationen unter www.deutschfranzosen.de. FOTO: PM

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