Mundart-Wörterbuch

Sprache mit Charme: Das herbe "Platt"

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Lange sahen die Menschen aus den sogenannten "besseren Kreisen" die Mundartredner als minderwertig an. Im Gleiberger Land gibt es nun eine neue Publikation.

Aber so wie man das Fachwerk heute wieder schätzt und pflegt, so erfährt auch die Mundart einen neuen Stellenwert. Manche Mundarten, auch das Wißmarer "Platt", haben einen herben Charme. Sie sind trotzdem gefühlsbetont, variantenreich und mit ihrer Ausdruckskraft der Schriftsprache überlegen. Wer eine Mundart beherrscht, kann das bestätigen, indem er ein paar Sätze in Mundart spricht und dann ins Hochdeutsche übersetzt. Das sagt Dieter Prinz, ein gebürtiger Wißmarer mit Wahlheimat in Vetzberg, der sich bereits mit einigen Publikationen unter anderem um die Geschichte seines Heimatdorfes verdient gemacht hat und nun ein 60 Seiten starkes Büchlein mit dem Titel "Wißmarer Platt" vorlegt.

Mundart verändert sich

Die Mundart ändert sich und wird sich der Wandlung der Gesellschaft anpassen. Das gilt für alle Dialekte, weiß Prinz. Wie die Wißmarer Mundart sich verändert hat, können wir an einigen Beispielen sehen. Vor zwei Generationen sagte man in Wißmar etwa noch: Schauer, Fauer, Heuer und Heuerbock; heute sagt man: Scheuer, Feuer, Hinkel und Gäickeler. Für alle, die nur des Hochdeutschen mächtig sind, die Übersetzung:: Scheune, Feuer, Hühner und Hahn.

Viele Ausdrücke, die aus dem Französischen kamen, werden nicht mehr benutzt, zum Beispiel: Allo, Velizepet, Palldien und Paraplie; heute sagt man: "auf Los", Fohrrod (Fahrrad), Schoal (langer Schal) und Schirm.

Einige Ausdrücke sind aus dem Hebräisch-Jiddischen ins Hochdeutsche übernommen worden und sind auch in der Mundart üblich. Beispiele: Kaff für kleines Dorf, kapores für zerbrochen, Schmuu für Betrug, schofel für gemein, Schoure für Narr, Zoff für Streit oder Zank, Zores für Kummer oder Durcheinander usw..

Wo aus dem R ein L wird...

"Viele Bezeichnungen werden mit dem Aussterben von ländlichen Berufen verschwinden, aber aussterben wird unser Dialekt nicht", lautet Dieter Prinz’ Einschätzung. Da drohe eher der deutschen Schriftsprache durch Übernahmen aus dem Englischen "eine Gefahr".

Im weiteren geht der Autor auf eine Besonderheit im Wißmarer Dialekt ein, die in der Fachliteratur als "Lambdazismus" bekannt ist: Wo in anderen Dörfern ein rollendes "R" oder "RR" gesprochen wird, das sich aus dem hochdeutschen "D oder T" entwickelt hat, da spricht man in Wißmar ein "L" oder "LL". Das gilt aber nur dann, wenn sich davor und dahinter ein oder mehrere Vokale befinden. Beispiele gefällig? "Die rule Blomme" (die roten Blumen) oder "goud Wäeller" (gutes Wetter).

Das Büchlein fügt sich ein in eine ganze Reihe von Studien und Publikationen zur mittelhessischen Mundart unter besonderer Berücksichtigung lokaler Launsbacher und Wißmarer Eigenheiten.

Vor zwei Jahren erst, im Februar 2015, hat der Wißmarer Dieter Reinhardt eine Veröffentlichung vorgelegt: "Wäi mer ean Wissemer froijer schwetze deät" heißt das Büchlein. Rund 700 Wörter und Begriffe aus der Wißmarer Mundart finden sich dort, erläutert in Redewendungen und dem üblichen Sprachgebrauch, zudem die "Übersetzung" ins Hochdeutsche. Entstanden ist diese Sammlung vor rund 70 Jahren dank Willi Schmidt und Adolf Wagner, dem einstigen Vorsitzenden der Heimatvereinigung Wißmar.

Eduard David (1863 bis 1930) SPD-Politiker und Reichstagsabgeordneter, verbrachte seine Volksschulzeit in Krofdorf, besuchte in Gießen das Gymnasium. An der damaligen Ludwigsuniversität Gießen nahm er das Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie auf und promovierte 1891 promovierte David zum Doktor der Philosophie mit einer Arbeit über "Die Wortbildung der Mundart von Krofdorf".

Mundart-Literatur

Der in Launsbach geborene Heuchelheimer Emil Winter hat das "Mittelhessische Wörterbuch" geschaffen, das in drei Auflagen zwischen 1985 und 1993 erschienen ist und als "kleinregionales Wörterbuch" in den Quellenapparat des "Hessen-Nassauischen Wörterbuchs" übernommen wurde. Der Gießener Bernd Strauch veröffentlichte 2001 das Buch "Oberhessisch als Schriftsprache", das ist ein 250 Seiten starkes Wörterbuch in neuer Lautschrift (ISBN 3-935584-00-8). 2005 folgte das Werk "Dialekt in Mittelhessen". Das "Oberhessische Taschenwörterbuch" hat 128 Seiten (ISBN 3-935584-02-4). Mehr: www.oberhessisch.com. (Fotos: pm)

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