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Spenden für Geflüchtete

Schwestern aus Wettenberg berichten von Hilfstransport nach Lesbos: Einblick in Europas Abgründe

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Die Schwestern Lucie und Lara Gruber, 18 und 20 Jahre alt, sind kürzlich von ihrem Hilfstransport für das Flüchtlingslager Kara Tepe zurückgekehrt. Doch die tiefen Eindrücke werden bleiben.

Seit ein paar Tagen sind Lara und Lucie Gruber wieder in Krofdorf-Gleiberg. Ihre Corona-Tests sind negativ ausgefallen, der »normale« Alltag klopft wieder an. Doch die Eindrücke, die sie binnen einer Woche während ihres Hilfstransports auf die griechische Insel Lesbos im neuen Camp Kara Tepe gesammelt haben, wirken nach. »Die Bilder in meinem Kopf sind ein Film in Dauerschleife. In Gedanken bin ich noch in Kara Tepe«, sagt die 20-jährige Lara Gruber. »Unser Zuhause in Deutschland ist der größte Gegensatz, den es geben könnte.«

Die Aktion der Schwestern hatte nicht nur im Kreis Gießen für Aufmerksamkeit gesorgt: Mit einigem Vorlauf sammelten sie Geld- und Sachspenden für auf Lesbos gestrandete Geflüchtete. Schließlich war der Lagerraum bis unter die Decke voll. Anfang Oktober machten sie sich dann auf den Weg. Gemeinsam mit Anas Altan, Laetis Ntshonso, Johannes Till und einer Familie aus der Nähe von Fulda fuhren sie mit Sprintern Richtung Süditalien, dann per Fähre nach Griechenland. Ohne die Begleiter wäre die Fahrt nicht zustande gekommen, betonen die Schwestern.

Was genau sie im Camp erwartet, darüber hätten sie sich vorher nicht allzu viele Gedanken gemacht. »Vielleicht hat unsere Reise auch genau deswegen so gut funktioniert«, meint Lara Gruber, »durch jugendliche Naivität«. Auf den ersten Blick habe es dann so gewirkt, als ob die Bedingungen vor Ort gut seien. »Wir waren überrascht über die Sauberkeit, die Bucht und das klare Wasser wirken einladend.«

Zwei junge Frauen aus Wettenberg berichten von ihren Erfahrungen auf Lesbos.

Schwestern aus Wettenberg über Hilfstransport nach Lesbos: »Mit Humanität hat dieser Ort wenig zu tun.«

Doch der Schein trüge: »Es gibt keine Sanitäranlagen, nur dreckige Dixiklos, überfüllte Zelte und wenige Beschäftigungsmöglichkeiten. Mit Humanität und menschlicher Würde hat dieser Ort wenig zu tun.« Für den einen oder anderen sei das Lager ein Segen, da sich die Lebensumstände gegenüber dem Camp Moria minimal verbessert hätten. »Für die meisten ist es ein Fluch, denn sie haben ihren wenigen Besitz durch den Brand verloren und tragen seit dieser Nacht eine große Angst mit sich - vor allem viele Kinder.«

Wenige Wochen, bevor die Schwestern aufgebrochen sind, rückte die Situation auf Lesbos plötzlich wieder in den Fokus der Öffentlichkeit: Ein verheerender Brand zerstörte das Camp Moria, wo weit über 10 000 Geflüchtete lebten. »Alles ist voller Müll, die Luft ist schwer und man findet die Überreste, die von den früheren Leben der Menschen dort übrig geblieben sind«, berichtet die Studentin über das geräumte Camp. Man habe spüren können, »dass dort etwas Schreckliches geschehen ist«. Und es sei wichtig, daran zu erinnern, »dass dies - wenn überhaupt - eine Einzeltat gewesen ist und nicht das Werk von Tausenden Menschen, deren Leben durch diesen Brand gefährdet worden sind«.

Wer für Menschen in Not spendet, geht davon aus, dass Hilfsgüter vor Ort nach Bedürftigkeit verteilt werden. Wie schwierig das in der Praxis ist, haben die Schwestern und ihre Begleiter nun selbst erlebt: Die mitgebrachten Sachspenden haben sie in Zusammenarbeit mit der Organisation »Stand by me Lesbos« verteilt, konnten deren Lager nutzen. Von Tag zu Tag, beschreibt Lara Gruber, hätten sie dann etwas anderes ausgegeben. Mal Windeln, mal Seife. Sie gingen von Zelt zu Zelt, um Andrang zu vermeiden.

Schwestern aus Wettenberg über Hilfstransport nach Lesbos: Schwierige Verteilung von Spenden

»Nicht immer verlief die Verteilung fair, das war schlichtweg unmöglich«, blickt sie zurück. »Man hat einen Menschen sehr glücklich gemacht und sein momentanes Bedürfnis stillen können, man hat drei daneben Stehende unglücklich gemacht, weil sie nichts abbekommen haben.« Umso skurriler erschienen ihnen Warenlager, in denen sich Hilfsgüter stapeln. »Eine Organisation erklärte uns, sie habe die Erlaubnis, täglich 28 Kisten Hilfsgüter ins Lager zu bringen«, berichtet Lara Gruber. »Warum ist das so, warum nicht mehr? Wo ist das Geld? Warum wurden wir im Camp um warme Kleidung gebeten, haben Kinder ohne Socken gesehen und im Warenhaus stapeln sich die Hilfsgüter?« Sie weiß es nicht. Doch sie vermute, »dass es politisch beabsichtigt scheint und höhere Mächte hier die Bremse ziehen«, sagt sie mit aller Vorsicht.

Auch angesichts der Versorgungslage seien sie erstaunt gewesen, »wie harmonisch das Zusammenleben solch verschiedener Ethnien doch zu sein scheint« - auch wenn es natürlich »kleine Streitereien« gebe. Die Lage auf Lesbos ist für alle Beteiligten belastend - auch für jene, deren Heimat die Insel ist. Lara Gruber berichtet von einem Gespräch mit einem Restaurantbesitzer. Er habe über den Einbruch des Tourismus geklagt, über die prekäre wirtschaftliche Lage auf Lesbos. Viele litten auf der Insel mittlerweile unter Depressionen. »Wir sind nicht gegen Fremde, aber wir wollen unser früheres Leben zurück«, habe der Gastronom gesagt. Unter den Augen und an der Grenze Europas spielt sich ein Drama ab, das nur Verlierer kennt.

Schwestern aus Wettenberg über Hilfstransport nach Lesbos: Im Kleinen viel bewirkt

Natürlich konnten sie nicht allen helfen. Doch es gab »schöne« Momente, in denen Lara Gruber deutlich wurde, dass ihre Hilfe im Kleinen viel bewirken kann. Sie erwähnt den letzten Tag vor der Abreise: Sie hatten noch Geld übrig und entschieden sich, davon die Einkäufe der Flüchtlinge im nahe gelegenen Supermarkt zu bezahlen. Sie passten sie davor ab und gingen dann mit ihnen durch den Markt. »Die Gesichter waren unbezahlbar«, sagt die 20-Jährige, »einer alten Frau musste ich nach dem Einkauf ein Taxi rufen, weil sie vor lauter Freude mit dem Kreislauf zu kämpfen hatte«. Immer wieder habe die Frau sie geküsst und gesegnet. »Für mich sind diese Menschen Helden, weil sie das Leben in Kara Tepe Tag für Tag bewältigen müssen.«

Nun treiben gemischte Gefühle die Schwestern um. Lucie Gruber berichtet von Traurigkeit, weil sie lieb gewonnen Menschen zurücklassen mussten, aber auch von Freude über ein Wiedersehen mit der Familie. »Was wir erreicht haben, war ein Tropfen auf den heißen Stein«, findet Lara Gruber, »aber wenn mehr Menschen mithelfen würden, könnten wir gemeinsam das Leid mindern«.

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