Der Umbau des Abwasserleitungsnetzes ist im Lollarer Weg bereits im vollen Gange. FOTO: PAD
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Der Umbau des Abwasserleitungsnetzes ist im Lollarer Weg bereits im vollen Gange. FOTO: PAD

Klimawandel

Nach Unwetter in Wißmar: Gemeinde investiert Millionen in Schutz - Ein Eigentümer stellt sich quer

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Mit mehreren Projekten will die Gemeinde Wettenberg den Starkregenschutz verbessern. Doch ein Grundstückseigentümer will dabei nicht mitmachen.

Die Wißmarer Bachgasse hat vor wenigen Tagen ihrem Namen mal wieder alle Ehre gemacht: Nach einem heftigen Regenschauer verwandelte sich die Straße in einen Fluss, Anwohner schützten ihre Häuser mit kleinen Dämmen.

Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass solch ein Starkregen zum Problem wird. "Ich wohne hier über 20 Jahre", sagt Johann Gottfried Hecker. In früheren Jahrzehnten hätten die Menschen vielleicht insgesamt ein bis zweimal Wasser im Keller gehabt. "Aber in den vergangenen Jahren kommt das ein bis zweimal pro Jahr vor." Fast alle seine Nachbarn und auch er selbst haben schon Rückstauklappen einbauen lassen, damit das Kanalwasser nicht über die Rohre in die Keller drückt. Jedoch helfen diese wenig, wenn die Wassermassen dann direkt über die Straße kommen.

Notfalls Frage der Enteignung prüfen

Ein Teil des Problems ist die Geländetopographie: Die am stärksten betroffene Kreuzung Marburger Straße/Bachgasse/Auf der Hohl ist einer der tiefsten Punkte Wißmars. Ein Großteil der Ortsentwässerung fließt dort zusammen. Zwar wurden vor 30 Jahren bereits große Rohre verlegt. Doch bei Starkregen scheint deren Kapazität nicht auszureichen.

"Der fortschreitende Klimawandel mit seinen Starkregenereignissen hat unsere schöne Gemeinde erreicht", sagt der Wettenberger Bürgermeister Thomas Brunner. Daher müssten nun Maßnahmen getroffen werden, um potenzielle Schäden abzumildern. Viele Anwohner hätten bereits private Hochwasserschutzmaßnahmen ergriffen, würden etwa Flutschotte verwenden. Die Gemeinde sei mit den Bürgern im intensiven Dialog.

Da aber Taten lauter sprechen als Worte, hätten nun die Gemeinde und die Gemeindewerke ein "millionenschweres Maßnahmenpaket zum Schutz vor Starkregen geschnürt". Der Bürgermeister erklärt, dass sich dieses in zwei Komponenten aufteilt: Zum einen soll weniger Wasser in den Ort dringen, zum anderen das Kanalnetz umstrukturiert werden.

Riesige Regenrückhaltebecken

"Für den Ortsteil Wißmar wurden vier Becken zur Rückhaltung von Außengebietswasser geplant", sagt Brunner. Das erste Becken soll am Grubenberg nahe der Druckerhöhungsanlage Gänsberg gebaut werden. Mit 895 Kubikmeter Volumen ist es ebenso wie die anderen Becken für ein unwetterartiges Regenereignis ausgelegt, was bislang statistisch gesehen nur alle 500 Jahre vorkommt. Die Gemeinde hat die benötigten Flächen erworben. Ein zweites Becken am Girnbach soll 3100 Kubikmeter fassen. Auch diese Flächen gehört mittlerweile der Gemeinde.

Probleme gibt es hingegen beim geplanten Becken Lohrbach. Mit 5000 Kubikmetern Volumen ist es die größte geplante Anlage. Doch einer der Grundstückseigentümer stellt sich quer. "Es muss nun eine neue Konzeption ohne dieses Grundstück geplant werden", sagt Brunner. "Wenn dies nicht gelingt, ist die Frage der Enteignung des Grundstückseigentümers zum Wohle der Allgemeinheit zu prüfen."

Gutachten notwendig

Im Erlental soll schließlich das vierte Rückhaltebecken eingerichtet werden. Dort stehe das vereinfachte Umlegungsverfahren kurz vor dem Abschluss. Brunner berichtet, dass bis auf den einen Eigentümer am Lohrbach die anderen Grundstücksbesitzer bereit waren mitzuwirken und keine unangemessenen Forderungen gestellt hätten.

Die Planungen für die Becken habe das Büro Zick-Hessler übernommen. Damit das Projekt genehmigt werden kann, müssen neben einem Bodengutachten auch ein artenschutzrechtlicher Fachbeitrag und ein Umweltbericht angefertigt werden. Brunner hofft, dass diese in Kürze vorliegen und dann bei der Wasserbehörde eingereicht werden können. Die Baumaßnahme selbst ist im Haushalt 2021 vorgesehen.

Bei der Umstrukturierung des Kanalnetzes ist die Gemeinde bereits einen Schritt weiter: Im Bereich Lollarer Weg/Fischerweg haben die Arbeiten begonnen. Dort wird der Kanal direkt auf den Staukanal des Zweckverband Lollar-Staufenberg umgeklemmt. Dies soll eine erste Entlastung für die Marburger Straße, Auf der Hohl und die Kellersgärten bringen.

Entlastungskanal zum Lohrbach

Im nächsten Schritt soll ein 230 Meter langer Regenwasserentlastungskanal mit 60 Zentimetern Durchmesser zwischen Bachstraße und Lohrbach gebaut werden. Nach längeren Verhandlung habe das Regierungspräsidium genehmigt, dass das Niederschlagswasser in den Bach eingeleitet werden darf, sagt Brunner. Die Straßenentwässerung soll in diesem Bereich zudem auf sogenannte Schwerlastrinnen umgestellt werden. Die Arbeiten sollen im September ausgeschrieben werden.

Nächste Maßnahme ist nach dem Abriss der ehemaligen Kindertagesstätte am Weinberg der Bau eines neuen Kanals im Fußweg zwischen den Straßen Am Weinberg und In der Wiese. "In einem weiteren Schritt ist die Anbindung der Straßen Katzensprung, Am Weinberg und In der Wiese im Zuge des Baus eines großen Rückhaltebeckens auf dem Parkplatz des Bürgerhauses Wißmar geplant", erklärt Brunner.

Der Bürgermeister sagt, dass sich nach Umsetzung dieses "umfangreichen, arbeits- und kostenintensiven Pakets" die Situation bei Starkregen in Wißmar deutlich verbessern werde.

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