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Heinrich Krommer

Mehrwert für die kulturelle Vielfalt

  • VonVolker Mattern
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Wettenberg (m). 75 Jahren Verlust der Heimat und Vertreibung gedachten dieser Tage etwa 80 Gäste in der Mehrzweckhalle in Krofdorf-Gleiberg. Ein Dreivierteljahrhundert liegt es zurück, dass der Ort den kriegs- bzw. nachkriegsbedingten Zuzug von rund 800 Menschen zu verkraften hatte. Das waren nicht nur die 500 Heimatvertriebenen aus dem Egerland, sondern auch etliche andere Gruppen, darunter Evakuierte, Ausgebombte und entlassene Soldaten, die aber zum Teil Krofdorf-Gleiberg in den Nachkriegsjahren wieder verließen.

BvD als neue Heimat

Die Veranstaltung wurde bereichert durch eine Ausstellung des Heimat- und Geschichtsvereins Krofdorf-Gleiberg. Dr. Jürgen Leib skizzierte in seinem Vortrag zunächst die Situation eines Dorfes, das mit Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer Arbeiter- und Bauerngemeinde wurde, aber ohne, dass der Strukturwandel wesentliche Bedeutung hinsichtlich eines Bevölkerungszuwachses gehabt hätte.

Das änderte sich schlagartig. Zwischen Kriegsbeginn und Oktober 1946 wuchs die Einwohnerzahl um ein Drittel, ohne dass sich der Altbestand an Wohnungen geändert hätte. Beschlagnahmung von Wohnraum förderte die katastrophale Lage auf dem Wohnungsmarkt, weil man in den Häusern zusammenrücken und um knappe Ressourcen konkurrieren musste.

Wer nichts zu tauschen hatte, musste hungern. 1946/47 war der kälteste Winter des 20. Jahrhunderts, dem ein trocken-heißer Sommer folgte. Bei alldem galt es sich, zu arrangieren - Fremde und Einheimische. Dass dies nicht ohne Schwierigkeiten ablief, Widerstände hervorrief und Animositäten förderte, sei verständlich, erinnerte Leib.

»Mischehen« waren verpönt, auch deswegen, weil die Fremden als »Habenichtse« galten, da sie nichts mit in die Ehe zu bringen hatten. Überliefert ist die Aussage eines Einheimischen gegenüber seiner Tochter: »Du kannst mir jeden ins Haus bringen, nur keinen Kartoffelkäfer.« Das war die abwertende Bezeichnung für die Vertriebenen und Flüchtlinge. Sein subjektiver Eindruck sei es, das Kinder und Jugendliche am besten und schnellsten mit der Situation zurechtkamen, so erläuterte Leib.

Dennoch: Die Neuankömmlinge wurden auf unterschiedlichste Weise von der Gemeinde und einigen Einheimischen unterstützt. Anfang 1948 gab es etwa eine »Sachwertesammlung für die Hauptopfer des Krieges«. Immer wieder taucht in den Chroniken dieser Zeit der Name des ersten Nachkriegsbürgermeisters von Krofdorf-Gleiberg auf: Adolf Mandler, der mit Weitsicht, unparteiischem Geschick, aber auch mit der erforderlichen Autorität die Zuweisung der Vertriebenen organisierte und maßgeblich verantwortlich dafür war, dass es mit dem Zusammenleben und der Harmonisierung zwischen Vertriebenen und Einheimischen rasch voranging.

Das bestätigte auch Heinrich Krommer in einem weiteren Vortrag. Als Vertriebener war er über 40 Jahre Vorsitzender des BvD-Ortsverbandes Krofdorf-Gleiberg, der kurz nach der Ankunft der Vertriebenen gegründet wurde. Er bestätigte, dass viele Krofdorf-Gleiberger ihren Beitrag dazu geleistet hätten, das Schicksal der vertriebenen Menschen erträglich zu gestalten. Der BvD hatte sich schnell im Dorf etabliert und die Vertreibung wurde zum Neuanfang, zur Chance für alle, weil die einheimische Bevölkerung erkannte, dass der Zuwachs auch einen Mehrwert an kultureller Vielfalt, qualitativer Aufwertung des Vereins- und Gemeinschaftsleben und Pluralität auch im Glauben bedeutete, wie Norbert Schmidt in seiner Schlussbetrachtung anmerkte. Die Vertriebenen und Flüchtlinge waren also letztlich ein Gewinn und das zeichnete sich schon damals früh ab, stand nur wenige Jahre nach der Ankunft außer Frage.

Dr. Siegfried Träger richtete das Hauptaugenmerk in seinem Vortrag auf weitere Personengruppen, die ebenfalls in Krofdorf-Gleiberg eine neue Heimat fanden. Es waren vornehmlich Personen aus den sogenannten Ostprovinzen Deutschlands, aus denen sie flüchten mussten oder in die sie als entlassene Wehrmachtsangehörige und Kriegsgefangene nicht mehr zurückkehren konnten. Sie seien viel weniger wahrgenommen worden als die Egerländer. Träger hat mit vielen von ihnen gesprochen und ihre Schilderungen zu Papier gebracht.

Ehrenbürgermeister Gerhard Schmidt wies in großer Dankbarkeit auf die Verdienste der ehemaligen Heimatvertriebenen beim Aufbau der örtlichen Gemeinschaft in dieser Zeit hin. Dies gelte vor allem für den Neuaufbau der Vereine nach dem Krieg: Einheimische und Heimatvertriebene hätten gemeinsam eine blühende Vereinslandschaft in den über 40 Vereinen in Krofdorf-Gleiberg aufgebaut. FOTO: M

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