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1964 - Das erste Mal im Ausland, in Frankreich, im Süden, am Mittelmeer.

Mehr als ein Flirt mit Calvisson

  • Norbert Schmidt
    vonNorbert Schmidt
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Wettenberg (no). 2022 steht im Gleiberger Land und im Städtchen Sorgues bei Avignon das 50-jährige Bestehen einer überaus bewegenden deutsch-französischen Gemeindepartnerschaft auf dem Kalender. Aber dass es zu dieser Liaison hatte kommen können, das verdankt man einer anderen, allerdings gescheiterten Liebschaft - jener zwischen Krofdorf-Gleiberg und Calvisson, einem Dorf bei Nîmes.

Die Wettenberger Deutschfranzosen gingen diesbezüglich auf Spurensuche, befragten die jungen Beteiligten von damals. Ergebnis: Es war mehr als nur ein Flirt!

Eine internationale Partnerschaft lebt von motivierten Menschen und einer gesellschaftlichen Idee, einer Vision. Als die Politik in Deutschland und Frankreich begann, die Wunden des Zweiten Weltkrieges zu heilen und auf eine bessere, friedvolle Zukunft hinzuarbeiten, zählten Protagonisten um Elsie Kühn-Leitz in Wetzlar zu den regionalen Aktivposten. Die Ende der 1950er Jahre eingeleitete Partnerschaft der Goethestadt an der Lahn mit Avignon in der Provence wurde zu einem Vorbild, das in den ganzen Landkreis Wetzlar ausstrahlte - so auch nach Krofdorf-Gleiberg.

Einblick in Familienalben

Wenn der Verein Deutsch-Französische Gesellschaft Wettenberg in diesen Wochen damit beginnt, das 50-Jährige der Jumelage mit Sorgues vorzubereiten, dann zählt dazu eine solide Geschichtsschreibung. Wo und wann hat es begonnen? Mit Sorgues war das 1971 auf Burg Gleiberg, bei der Brautschau südfranzösischer Emissäre im Wetzlarer Umfeld, darunter Bürgermeister Fernand Marin. Das ist bekannt. Aber war das alles? Nein. Teil der deutsch-französischen Bewegung war man schon deutlich länger: Seit 1963 bauen Menschen aus dem Fohnbachtal am gemeinsamen Haus eines freien, demokratischen und solidarischen Europas in Frieden mit.

Die Deutschfranzosen befragten Beteiligte von damals, um die Frühgeschichte besser beleuchten zu können. Konkret ging es ihnen um die Beziehung zu Calvisson bei Nîmes, die bis dahin - etwa in der 688-seitigen Chronik zur 1200-Jahr-Feier 1974 - nur eher in Nebensätzen abgehandelt worden war. Mit Erfolg. Horst Michel und Gerhard Klier erinnerten sich, ebenso Eleonore Regelein geb. Pausch und Hannelore Fähler geb. Becker, zudem etwa Hans Werner Müller und Margret Wagner geb. Becker. Sie gaben auch Einblick in ihre privaten Familienalben. Herausgekommen ist eine umfangreiche Darstellung inklusive Fotogalerie, die jetzt auf www.deutschfranzosen.de unter dem Menüpunkt »Geschichte(n)« eingesehen werden kann.

Dargelegt ist dort die Situation in den frühen Sechzigern, mit Charles de Gaulles Ludwigsburger »Rede an die deutsche Jugend« 1962 und der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages 1963, mit Kühn-Leitz’ Bemühungen um Mitstreitende vor Ort. Dann die Einladung des Wetzlarer Landrats Philipp Schubert an diverse Kommunalpolitiker aus seinem Beritt zu einer Informationsfahrt nach Südfrankreich mit dem Ziel, Kontakte zu knüpfen. Die Krofdorf-Gleiberger Walter Becker und Horst Neuhaus saßen dabei 1963 in einem Auto mit den Botschaftern aus Rodheim-Bieber (die alsbald in Sarrians fündig werden sollten).

In Calvisson muss es bei Becker und Neuhaus gefunkt haben. Schnell wurden erste Begegnungen eingetütet. Im folgenden Frühjahr empfing man im Gleiberger Land 45 Schüler und Schülerinnen der dortigen Landwirtschaftsschule. Im Nachgang dazu erkundete Müller im Sommer die Region bei Nîmes auf eigene Faust. Und im Herbst 1964 kam es zu einer Calvisson-Tour einer vielköpfigen und durchgängig jungen Reisegruppe aus Krofdorf-Gleiberg. Delegationsleiter war Erster Beigeordneter Walter Becker, der Protagonist dieser Beziehung und Vater von Margret Wagner. Zu den Betreuern zählten Rudolf Koch (später Gemeindevertreter und Gesangvereinsvorsitzender) und Reinhold Reiter (ebenfalls Kommunalpolitiker).

Das Programm bot für die meisten Beteiligten etliche Erlebnisse, von mehrgängigem Essen bis Austern- und Olivengenuss, von fremder Sprache bis zu anderen Gebräuchen, von unblutigem Stierkampf bis zum Bad im Mittelmeer.

Das ist jetzt alles in Wort und Bild festgehalten. Inklusive des Versandens der Beziehungen, was vor allem mit einem Wechsel im Bürgermeisteramt Calvisson begründet wurde. Den hatte es 1965 auch in Krofdorf-Gleiberg gegeben, nur hatte der damals gerade 28-jährige Günter Feußner als ausgemachter Pro-Europäer die Kontakte zu den Franzosen gutgeheißen. Am Ende hatte dann auch ein Beschluss der Gemeindevertretung 1966 nichts geholfen.

Liebeskummer abgeklungen

Der Fortgang der Geschichte ist bekannt. Nachdem der Liebeskummer abgeklungen war, blieben Feußner und etliche weitere Jumelage-Mitstreiter am Ball, liebäugelten 1969/70 mit Vaison-la-Romaine am Mont Ventoux als Partnerstadt - und landeten, wie erwähnt, alsbald in den Armen der umtriebigen Sorgueser. Mit nachhaltigem Erfolg.

Dessen ungeachtet klingt die Calvisson-Geschichte nicht allein in Krofdorf-Gleiberg nach: Als Margret Wagner unlängst bei der Nachsuche ihre frühere Austauschpartnerin Marie-Helene Courtin anschrieb, deren Vater bis 1966 Bürgermeister war, bekam sie umgehend Antwort und gleich ein paar Fotos im Anhang mit Nachfragen ihrerseits (mehr unter www.deutschfranzosen.de).

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