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Normalerweise unterstützen Claudia Spieler und die anderen Frauen der katholischen Kirchengemeinde St. Raphael den Gottesdienst. Am kommenden Samstag sieht das anders aus: Die Frauen werden streiken.

Maria 2.0

Frauen im Streik: Was "Maria 2.0"-Aktivistinnen in Wißmar an der katholischen Kirche stört

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Sie fordern vor allem eines: Gleichberechtigung. Deutschlandweit streiken Frauen der katholischen Kirche. Auch in Wißmar nehmen die Frauen der Gemeinde St. Raphael an der Aktion "Maria 2.0" teil.

Sie werden streiken - für Gleichberechtigung und Mitspracherecht von Frauen in der katholischen Kirche. Deshalb nehmen die Frauen der katholischen Kirchengemeinde St. Raphael an der Aktion "Maria 2.0" teil und legen ihre Arbeit nieder. Am kommenden Samstag wird keine Frau den Gottesdienst in der Wißmarer Kirche unterstützen. "Wir wollen uns mit der Aktion vor allem für die Rechte der Frauen einsetzen", sagt Lektorin und Initiatorin Claudia Spieler.

Bei "Maria 2.0" geht es um die Stärkung der Frauenrechte in der katholischen Kirche. Angestoßen wurde das Ganze in Münster. Aus einer Aktion von einer Handvoll einfachen Gemeindefrauen ist mittlerweile eine deutschlandweite Aktion geworden, die zeigt, wie groß der Unmut vieler Katholiken mittlerweile ist. Seit vergangenem Samstag streiken Frauen in zahlreichen Städten. Die Veröffentlichung der Missbrauchsstudie und die hohe Zahl der Kirchenaustritte hatten alles ins Rollen gebracht. Spieler wählt das Beispiel Limburg. Die Zahl der Kirchenaustritte habe dort mittlerweile ihren Höchststand erreicht, sagt sie.

"Maria 2.0": Licht in der Kirche bleibt aus

Die Frauen der Wißmarer Kirchengemeinde und einige Mitglieder der benachbarten Gemeinden werden am Samstag während des Gottesdiensts ihre Arbeit niederlegen. Die Kirche wollen sie noch aufschließen, aber schon das Licht werde ausbleiben. "Der Pfarrer wird auf sich gestellt sein", sagt Spieler. Doch es ist nicht nur das Licht. Es wird an diesem Tag weder Blumenschmuck geben, noch helfen die Frauen während des Gottesdiensts mit. Auch die Ministrantinnen werden den Pfarrer nicht unterstützen.

Parallel zum Gottesdienst starten sie eine Alternativveranstaltung vor der Kirche. "Wir ziehen alle weiße Kleidung an, angeregt wurde das von den Frauen in Münster", sagt Spieler. Einige ließen sich auch T-Shirts drucken mit dem Logo der Aktion: Maria, Mutter Gottes, mit zugeklebtem Mund. Es ist eine Anspielung auf die Machtstrukturen in der Kirche.

Die Wißmarer Frauen werden am Samstag vor der Kirche Info-Stände aufbauen. "Wir wollen die Menschen ansprechen, eine Diskussionsrunde initiieren, auch nach dem Gottesdienst", sagt Spieler. Zudem werden weiße Laken auf dem Boden liegen, die eine Straße darstellen sollen. Darauf werden Schuhe stehen, die sich von der Kirche entfernen. Auch ein Bild mit Symbolcharakter.

"Maria 2.0": Wachrütteln als Ziel

Die Kirchengemeinde St. Raphael ist Teil des Zusammenschlusses von sechs Pfarreien: St. Anna Biebertal, St. Raphael Wettenberg-Wißmar, St. Johannes der Täufer Lollar-Odenhausen, Mariä Schmerzen Dorlar, Christ König Aßlar und Maria Himmelfahrt Ehringshausen.

Alleine in Wißmar arbeiten vier Küsterinnen, sieben Lektorinnen, sechs Ministrantinnen und zehn Gremienvertreterinnen ehrenamtlich in der Kirche. Demgegenüber stehen nur wenige Männer. "Zudem wirken noch viele Frauen im Hintergrund", sagt Spieler. Allein sieben Frauen kümmern sich um den Blumenschmuck für die Kirche, oder aber Frauen, die den Seniorenkreis leiten, dazu zehn Betreuerinnen des Sommerzeltlagers, drei Chorleiterinnen und viele Frauen in den drei Chören. "Im Pfarrteam selbst gibt es zwei Pfarrer und einen jungen Mann, der Pastoralreferent ist. Ansonsten nur Frauen."

"Maria 2.0": Frauen fordern, nicht länger ausgegrenzt zu werden

"Maria 2.0" soll wachrütteln. Auf der Homepage der Aktionsseite steht eine Online-Petition an Papst Franziskus. Mehr als 20 000 Unterschriften waren es bis gestern Nachmittag. Aber auch die Wißmarerinnen möchten einen Brief ans Bistum schicken. Die Frauen fordern, nicht länger ausgegrenzt zu werden, verkrustete Strukturen abzuschaffen, den Frauen den Zugang zum Priesteramt zu ermöglichen, das Zölibat aufzuheben und die Hierarchien zu ändern.

Und was sagen die Männer zur Aktion? "Unser Pfarrer hat Unterstützung signalisiert", sagt Spieler. Gegenüber dieser Zeitung hält sich Pfarrer Martin Weber dennoch bedeckt. Er lässt ausrichten, er wolle sich nicht weiter zur Aktion äußern.

Spieler und den anderen Frauen ist die Aktion sehr wichtig. "Ich finde Gleichberechtigung eine Selbstverständlichkeit", sagt Spieler. Die diesbezüglichen Unterschiede zwischen Kirchen- und Gesellschaftsleben seien mittlerweile viel zu groß. "Ich frage mich im Nachhinein", sagt Spieler, "warum wir die Gleichberechtigung in der Kirche nicht schon viel früher thematisiert haben."

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