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Esther Schnaut und ihr Sohn Steffen Hochmuth sind auch neue Wege gegangen, um Wurst und Fleisch aus ihrem Handwerksbetrieb an den Mann und die Frau zu bringen. Vor drei Jahren haben sie in Launsbach einen Automaten aufgestellt. (Archivfoto: no)

Schnaut in Launsbach

Traditionsmetzgerei schließt

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Ende des Monats geht in der Launsbacher Metzgerei Schnaut eine Familientradition zu Ende. Der Betrieb schließt. Damit zählt die Fleischerinnung Gießen weniger als 20 Mitgliedsunternehmen.

Wettenberg - Esther Schnaut ist im Stress, als sie am Mittwoch in den Marktlauben in Gießen auf die Geschäftsaufgabe angesprochen wird. Zeit für ein Interview? - Morgen? Übermorgen vielleicht? - Diese Woche nicht mehr. Zu viel zu tun. Zumal sich am Morgen auch noch einer ihrer Mitarbeiter krankgemeldet hat. "So geht das die ganze Zeit", sagt die Metzgermeisterin. Um genau zu sein, schon seit ein paar Jahren. Das sei eines der Probleme: Gutes, qualifiziertes Personal zu bekommen, das selbstständig arbeiten könne.

In den vergangenen Tagen hat sich die Nachricht in den Dörfern im Gleiberger Land und eben auch bei der treuen Kundschaft auf dem Gießener Wochenmarkt wie ein Lauffeuer verbreitet: Esther Schnaut und ihr Sohn Steffen Hochmuth hören auf. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen sich etwas anderes suchen. Und die Launsbacher müssen künftig für frische Wurst und leckeres Fleisch nach Krofdorf, Wißmar oder Gießen fahren. Wieder verschwindet ein Stück dörflicher Infrastruktur.

Personalnotstand in Wettenberg

In einem Aushang legt die engagierte Handwerksmeisterin die Gründe dar: Immer höhere Auflagen seitens der Lebensmittelverordnungen, ständiger Personalnotstand, sinkende Kundenzahlen und im Ortskern von Launsbach bei ihrem Geschäft zu wenig Parkmöglichkeiten. "Wir sehen leider keine weitere Perspektive, Ihnen unsere Fleisch- und Wurstwaren in der gewohnten Schnaut-Qualität mit einem angemessenen Service und profitabel für uns anzubieten", schreibt Esther Schnaut an ihre Kundschaft.

Neben den steigenden Auflagen sind es personelle Sorgen, die drücken. Es mangelt an Fachkräften; guten Mitarbeitern, die zuverlässig über Jahre dem Betrieb die Treue halten. Doch das ist kein Schnaut’sches Problem, sondern ist vielfach aus dem Handwerk zu vernehmen, aus dem lebensmittelverarbeitenden zumal. Wie die Metzger wissen auch viele kleine Bäckereibetriebe ein Lied davon zu singen.

Kreis Gießen: Seit 1973 in Launsbach

Seit 1973 ist die Metzgerei in der Launsbacher Lahnstraße im Besitz der Familie Schnaut. Heinz und Brigitte Schnaut, die Eltern der heutigen Chefin, hatten dort die frühere Metzgerei Deibel übernommen. Der Seniorchef der Metzgerei stammt aus Wißmar. Vor seiner Launsbacher Zeit betrieb das Ehepaar eine Metzgerei in Oberscheld im Lahn-Dill-Kreis. Neben der Metzgerei wurde in den 1990er Jahren der Marktstand in den Lauben in Gießen eingerichtet.

Automat mit Wurst im Kreis Gießen bleibt

Vor 21 Jahren, 1998, hat die damals 31-jährige Esther den elterlichen Betrieb übernommen. Neben dem traditionellen Ladengeschäft wurden Partyservice und Catering stetig ausgebaut; es wird zudem täglich ein Mittagstisch angeboten. Alles zusammen ein Riesenaufwand; organisatorische Fäden laufen dabei in dem Familienbetrieb ohnehin immer beim Chef oder der Chefin zusammen. Eine 40-Stunden-Woche ist da unbekannt: Es kann eher auf das Doppelte hinauslaufen. Esther Schnaut engagierte sich darüber hinaus wie ihre Cousine Kristina Schnaut aus Lollar im Berufsstand, war zeitweise stellvertretende Innungsobermeisterin. Doch der Blick in die Innung zeigt ein rapides Schrumpfen der Branche: 1950 waren rund 250 Betriebe bei der Fleischer-Innung in Gießen gemeldet, 2011 wurden noch 32 selbstständige Metzger und Fleischer als Mitglieder geführt, heute weniger als 20.

In den vergangenen Jahren versuchten die Schnauts, beim Vermarkten neue Wege zu gehen. So wurde im Launsbacher Gewerbegebiet 2016 ein Automat zur Selbstbedienung mit Fleisch- und Wurstwaren aufgestellt, der sogenannte "Schnaut-O-Mat". Eine clevere Idee. Doch eben nur ein kleiner Baustein - und der soll auch in Zukunft bleiben. Fertiggerichte im Glas soll es dort auch künftig geben.

Die 52-jährige Esther Schnaut wechselt derweil von der Selbständigkeit in ein Angestelltenverhältnis. Auch ihr Sohn Steffen Hochmuth, ein gelernter Koch, hat bereits einen neuen Job.

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