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Wann es zu ersten Corona-Impfungen in Arztpraxen kommen kann, ist dem Kreis zufolge noch unklar. 23 Praxen haben ihr Interesse angemeldet.

»Bürokratie gefährdet Leben«

Kreis Gießen: Corona-Impfung bei Hausärzten kommt – Absurder Fragenkatalog macht Arzt „fassungslos“

  • vonStefan Schaal
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In wenigen Wochen sollen in mehr als 20 Hausarztpraxen im Kreisgebiet Corona-Schutzimpfungen durchgeführt werden. Auch Dr. Martin Bayer will Patienten impfen. Seitdem er aber einen Fragenkatalog des Kreises erhalten hat, ist er fassungslos.

Martin Bayer hält ein Schreiben in der Hand und schüttelt den Kopf. Der Hausarzt, der in Wißmar mit einer Kollegin eine der größten Praxen für Allgemeinmedizin im Kreis führt, liest sich durch 17 Fragen, die in dem Brief stehen und die er dem Landkreis beantworten soll. Von Frage zu Frage wird er wütender. Er fühle sich für dumm verkauft, sagt Bayer. »Der Landkreis glaubt wohl, ich betreibe einen Bierkiosk.«

Bayer zählt zu 23 Hausärzten im Kreis, die in wenigen Wochen Corona-Schutzimpfungen durchführen sollen. Über die Kassenärztliche Vereinigung haben Bayer und seine Kollegen ihr Interesse angemeldet. Wann es zu den ersten Impfungen in Arztpraxen kommen kann, ist dem Kreis zufolge noch unklar - zumal abgewartet werden muss, wie es nach dem vorübergehenden Impfstopp des Vakzins Astrazeneca weiter gehen soll. In einem ersten Schritt wird die Leitung des Impfzentrums die Ärzte, die ihr Interesse bekundet haben, zu einer Videokonferenz einladen. Fest steht, dass die Praxen die Vakzine aus dem Kontingent der Impfzentren erhalten sollen. Dies hat zur Folge, dass es im Impfzentrum entsprechend weniger Impfungen geben wird.

Arzt aus dem Kreis Gießen beschwert sich über Fragenkatalog zum Impfen

Zunächst war geplant, dass probeweise nur in drei Praxen des Kreises geimpft wird, um die Organisation und Abläufe der Dokumentation zu testen. In diesem Zusammenhang hat Bayer, der in Wißmar praktizierende Hausarzt, das Schreiben des Kreises erhalten, über das er sich ärgert. Der Brief mache ihn fassungslos, sagt er.

So solle er einen Fragenkatalog beantworten, um zu zeigen, ob das Prozedere der Impfung für seine Arztpraxis »zumut- und umsetzbar« sei. Bayer wundert sich: »Offensichtlich muss sich der Landkreis erstmal vergewissern, dass wir überhaupt impfen können.«

Vor allem bürokratische Hürden ärgern ihn. So heißt es in dem Schreiben, dass die Hausärzte täglich bis spätestens 20 Uhr nach Heuchelheim fahren und dort die Daten der geimpften Personen abgeben sollen, online sei das nicht möglich. »Wir arbeiten bereits jede Woche bürokratisch etwa 20 Stunden neben der Sprechstundenzeit«, sagt Bayer. »Wir haben Kinder zu Hause. Was soll das?«

Fragenkatalog zeigt fehlende Wertschätzung der Ärzte in der Corona-Pandemie

Mit diesem bürokratischen Problem könne er noch umgehen, räumt der Hausarzt ein. Doch die Frage des Kreises, ob die Größe des Wartezimmers in seiner Praxis so bemessen ist, dass Abstandsregeln eingehalten werden können, und die Bitte, einen Grundriss der Praxisräume vorzulegen, bringen ihn zum Schimpfen. »Wir arbeiten seit mehr als einem Jahr in der Pandemie. Tagtäglich.« Selbstverständlich würden Abstände im Wartezimmer eingehalten. Die Frage mache eine fehlende Wertschätzung für die Leistung der Ärzte* in der Krise deutlich.

Mit Unverständnis reagiert Bayer auch auf die Erkundigung, ob die Praxis über ausreichend Kühlmöglichkeiten für Impfstoffe verfügt, so werde ein Arzneimittel-Kühlschrank benötigt. »Das ist für Arztpraxen im Qualitätsmanagement vorgeschrieben«, sagt Bayer. »Was soll diese Frage?«

Dr. Martin Bayer

Arztpraxen aus Gießen reagieren

Auf die Frage, ob die Arztpraxis ein Hygienekonzept umsetze, reagiert der Wettenberger mit Sarkasmus. »Nö, wir waschen uns nie, tragen keine Masken. Toiletten werden nicht geputzt. Handschuhe nie gewechselt.« Selbstverständlich halte man sich an ein Hygienekonzept, fügt er hinzu. »Auch das ist für Arztpraxen verpflichtend.«

Ein Sprecher des Landkreises erklärt, der Fragenkatalog sei bereits überholt, weil es ja keinen Probeeinsatz von drei Arztpraxen geben soll. Das Sozialministerium habe am Donnerstag mitgeteilt, dass alle interessierten Arztpraxen eingebunden werden sollen.

Der Ärger über den Fragenkatalog bleibt allerdings bei Bayer bestehen. Er werde das Angebot des Impfens in seiner Praxis zurückziehen. Für Fragen nach Selbstverständlichkeiten und bürokratische Hürden habe er wenig Verständnis. »Bürokratie gefährdet Menschenleben.« Er könne ja dem Amt für Brand- und Katastrophenschutz des Kreises auch mal einen Fragenkatalog zuschicken, sagt Bayer im Scherz. Seine erste Frage wäre: »Benutzen Sie Wasser zum Löschen?«

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