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Wenn ein Kitz gefunden wird, wird es mit Handschuhen und Grasbüscheln aus dem Feld getragen, damit die Ricke es nicht wegen des Geruches verstößt. SYMBOLFOTO: BASTIN DENICKE/DJV

Tierschutz

Kitze vor dem Mähtod retten: Jägervereinigung Oberhessen schafft Drohnen an

  • Lena Karber
    VonLena Karber
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Die Jägervereinigung Oberhessen jetzt zwei Drohnen angeschafft - und bei den Testflügen bereits einige Tiere gefunden.

Wenn die großen Mähmaschinen über die Felder fahren, ist das weder zu übersehen noch zu überhören. Doch das nutzt den Rehkitzen oftmals nichts, denn sie folgen ihrem Instinkt und ducken sich noch tiefer, um sich vor der Gefahr zu verstecken. Gerade wenn der Bewuchs so hoch ist wie in diesem Jahr, werden sie sind sie für den Fahrer dann nicht zu sehen. So geraten die Jungtiere ins Mähwerk, das sie häufig nicht nur tötet, sondern regelrecht zerfetzt. Das zeigen die Fotos eindrücklich, die Helmut Nickel angefertigt hat. Auf einer der Aufnahmen scheint das tote Kitz den Betrachter geradewegs anzublicken - allerdings ist der Kopf in mehrere Teile zerlegt.

Für den Vorsitzenden der Jägervereinigung Oberhessen ist das die Antwort auf die Frage, wieso er als Jäger Kitze rette, »nur um sie später abzuschießen«, wie ihm Passanten schon vorgeworfen haben. »Wenn jemand nicht in der Lage ist, den Unterschied zu erkennen, zwischen einem verstümmelten Kitz, das herumschreit und dem Fall, dass ein erwachsenes Stück Wild, das sowieso geschossen werden muss, mit einem Schuss umfällt und tot ist, kann er einem nur leid tun«, ärgert sich Nickel. »Und in diesem Jahr sind leider wieder sehr viele Kitze ausgemäht worden.«

Um die Anzahl der Vorfälle zu reduzieren, will der Verein nun »aus der Luft« eingreifen - und zwar mit Hilfe von Drohnen. »Wir beschäftigen uns seit über 15 Jahren mit dem Thema Kitzrettung«, sagt Nickel, der sich bereits 2009 an Praxistests einer Drohne beteiligt hat, die von dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und dem Landmaschinenhersteller Claas entwickelt wurde. »Damals wurde damit niemand so richtig warm, was auch daran lag, dass die Kameras noch zu teuer waren«, sagt er.

Inzwischen sei die Technik ausgereifter, der Preis niedriger - und es gibt Fördermöglichkeiten: Dank einer Bezuschussung von 60 Prozent konnte die Jägervereinigung daher inzwischen sogar ein zweites Gerät anschaffen. Schließlich waren die Erfahrungen der ersten Testflüge überzeugend: Obwohl die Mahd schon fast vorbei war, bis die das Gerät bewilligt worden war und eingesetzt werden konnte, konnten laut Nickel noch zwölf Kitze gerettet werden.

Wie viele Tiere pro Jahr bei der Mahd sterben, ist äußerst umstritten. Häufig ist von 100 000 getöteten Kitzen die Rede - oder aber davon, dass das ein Mythos sei. So hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung diese Zahl 2018 unter dem Titel »Tausende tote Rehe erfunden« als Erfindung der Deutschen Wildtier Stiftung deklariert, die selbst eingeräumt habe, dass die Zahl viel zu hoch sei. Allerdings hat die Stiftung dieser Darstellung im Anschluss widersprochen. Zwar gebe es keine genauen Zahlen, so der Tenor, die geäußerte Schätzung sei jedoch sogar eher »konservativ« - eine Einschätzung, die Nickel teilt. »Die haben ja selbst keine Zahlen gehabt«, sagt er. »Aber ich kann sagen, wenn ich die Vorfälle hier auf die gesamte landwirtschaftliche Fläche hochrechne, kommt eine Zahl raus, die weit über den 100 000 liegt.«

In einer Mail an die Mitglieder des Jagdverbandes hat er genau das im Juni auch getan - und kommt auf eine Zahl von rund 550 000 ausgemähten Rehkitzen. »Es mag eine ›Milchmädchenrechnung‹ sein, aber wenn Zahlen zugrunde gelegt werden, ist das immer noch besser als mit Vermutungen zu arbeiten, die der Sache nicht dienen«, schreibt Nickel und verweist auf eine hohe Dunkelziffer an getöteten Kitzen, obwohl Landwirte eigentlich dazu verpflichtet sind, die Vorfälle an den Jagdpächter zu melden. Zudem sei die Debatte um die Zahl letztlich nicht zielführend. »Selbst wenn es nur 10 000 wären, kann ich ja nicht sagen: da muss ich nichts tun«, meint er.

In der Verantwortung sind laut Gesetz die Landwirte, die jedoch von den Jagdpächtern bei der Kitzsuche unterstützt werden - zumindest, wenn sie rechtzeitig Bescheid geben. Dass das in der Praxis nicht immer der Fall ist, ärgert Nickel. Denn um die Ricken mit den Kitzen aus den Feldern zu vertreiben, gibt es verschiedene Vergrämungs-Möglichkeiten, etwa Wildscheuchen und kleine Windräder, die im Vorfeld angewendet werden müssen. Erst im zweiten Schritt erfolgt dann die Kitzsuche, die seiner Meinung nach eine gute Ergänzung, »aber kein Freifahrtsschein« ist, der die Landwirte aus der Pflicht nimmt.

So sei es unter anderem wichtig, dass diese von innen nach außen mähen würden, um die Tiere nicht in eine tödliche Falle zu treiben, sagt Nickel, der die Hinweise gerade in einem Flyer zusammenfasst. »Niemand mäht gerne ein Kitz aus und es ist ganz schön belastend, wenn das da zerfetzt liegt und schreit«, sagt er. »Aber das Bewusstsein muss ich meinen Augen gestärkt werden.«

Ab dem kommenden Jahr sollen die Drohnen der Jägervereinigung Oberhessen dann in den Gebieten zum Einsatz kommen, in denen der Verein Mitglieder hat - also im Gießener Land, im Landkreis Marburg-Biedenkopf und im Lahn-Dill-Kreis. »Wir können natürlich nicht alles abdecken«, sagt der Vorsitzende. Aber man beabsichtige, ein effektives Team zusammenzustellen und gegebenenfalls auch Externe in die Kitzrettung miteinzubeziehen. »Möglicherweise müssen wir noch eine dritte Drohne anschaffen, aber da wird es mit dem Geld eng«, sagt Nickel. »Notfalls müssen wir betteln gehen.«

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