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Auf dem Hochsitz rumzuhocken und zu warten, ist eigentlich gar nicht so ihr Ding, sondern die Treib- und Drückjagd. Aber bis die im Herbst wieder beginnt, muss sich die 19-Jährige Anne Speier aus Wißmar noch etwas gedulden.

Trend

Immer mehr Frauen lassen sich zu Jägerinnen ausbilden

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Früher war sie den Männern vorbehalten. Mittlerweile gehen immer mehr Frauen auf die Jagd. Eine von ihnen ist Anne Speier aus Wißmar, die damit voll im Trend ist.

Es ist friedlich im Launsbacher Wald, hoch oben über den Dächern des Dorfes. Nur dann und wann ist ein Rascheln aus dem Unterholz zu hören. Anne Speier sitzt auf einem der 15 Hochsitze im Revier ihres Vaters, die Büchse in der rechten Hand. An diesem Tag aber wartet sie nicht auf ein Tier, das ihr vors Gewehr läuft. Die Jung-Jägerin gewährt einen Einblick in ihr Hobby.

Vor zwei Jahren hat die 19-Jährige ihren Jagdschein gemacht und ist damit voll im Trend. Denn an den Schießständen und im Wald sind Frauen auf dem Vormarsch. Zwar gilt die Jagd noch immer als Männerdomäne, aber "sie ist jünger und weiblicher geworden", sagt Dieter Mackenrodt, Vorsitzender des Jagdvereins Hubertus Gießen und Umgebung - dem einzigen im Landkreis, der den einjährigen Vorbereitungskurs zum "grünen Abitur" anbietet. Mindestens 180 Theorie- und Praxisstunden müssen die angehenden Waidmänner und -frauen absolvieren, bevor sie zur Prüfung zugelassen werden. Abgefragt werden die vier Fachgebiete Jagdrecht, Wildbret und Tierkunde, Waffenrecht, Land- und Forstwirtschaft. An zwei Abenden pro Woche muss zwei Stunden im Holz- und Technikmuseum in Wißmar dafür gebüffelt werden, samstags geht es auf den Schießstand nach Garbenteich, wo sich das 500 Hektar große Ausbildungs- und Jagdrevier des Vereins befindet. 35 Nachwuchsjäger bildet der Verein jährlich aus. 30 Prozent davon sind Frauen.

So wie Anne Speier aus Wißmar, die durch ihren Vater zu diesem Hobby kam. "Ich war häufiger mit ihm auf Treib- und Drückjagd und davon total begeistert", erinnert sich die frisch gebackene Abiturientin, die im Herbst ein Elektrotechnik-Studium beginnt. Damals war sie 15. "Ich bin gerne draußen und im Wald", beschreibt sie ihre Motivation für das Jagen. Den ganzen Morgen gemeinsam mit anderen draußen unterwegs sein, anschließend am Feuer sitzen und etwas essen - es ist die Nähe zur Natur, die für sie im Vordergrund steht, nicht das Töten der Tiere. Sie selbst hat auch erst einmal einen Bock geschossen, und das ist zwei Jahre her.

Was sie dabei empfand? "Ich habe am ganzen Körper gezittert und geweint", berichtet sie. Die junge Frau hat Respekt vor dem Töten. Aber es gehöre nun mal dazu und sei von Nutzen. Nicht nur, mit Blick auf die Nahrungssicherung. Auch wegen der Pflege der Natur. Beispiel Wildschweine, von denen es zum Leidwesen vieler Bauern hierzulande zu viele gibt. Auch Natur- und Artenschutz spielten eine immer wichtigere Rolle in der Jagd, was Dieter Mackenrodt bestätigt. Überhaupt sei diese vielfältiger als früher, decke mehr Themenfelder ab und spreche dadurch ein breiteres Publikum an.

Blühstreifen und die Zusammenarbeit mit Imkern sind ebenso ein Thema unter Jägern wie Kooperationen mit Landwirten und Kommunen im Kampf gegen invasive Arten. Dazu kämen neue Vereinsangebote, beispielsweise Wildkochkurse. Und natürlich sei die Jagd immer noch eine legale Möglichkeit des Abenteuers in der Natur. Das alles mache sie interessant. Mackenrodt: "Früher war die Jagd den Kindern von Förstern oder anderen in der Natur Tätigen vorbehalten. Heute kommen die Jäger aus allen Berufsgruppen". Laubachs Bürgermeister Peter Klug beispielsweise hat erst vor kurzem seine Prüfung abgelegt.

Deutschlandweit gibt es etwa 385 000 aktive Jäger. 20 060 Anwärter haben 2018 bundesweit in Kursen wie denen des Jagdvereins Hubertus gesessen. Knapp 25 Prozent davon waren Frauen - ein Plus von 20 Prozent im Vergleich zu 2011, wie Torsten Reinwald, stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Jagdverbandes auf GAZ-Anfrage erklärt. Aber auch der Anteil der Kursteilnehmer selbst ist gestiegen, hat sich seit 2009 quasi verdoppelt.

Anne Speier freut sich schon wieder auf den Herbst, dann nämlich beginnt wieder die Zeit der Treib- und Drückjagden. Die Art der Jagd, für die ihr Herz brennt. Denn: "Nur im Hochsitz hocken und mir drei Stunden lang die Füße abfrieren, ist nicht so mein Ding."

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