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"Ich mag nicht so gern dieses Friede-Freude-Eierkuchen-Bullerbü-Klischee bedienen", sagt Dagmar Lieder. Und liebt doch das kleine Sommerhaus, das sie mit ihrem Mann bewohnt. Ihr Herz hängt aber eher am Meer. FOTOS: PRIVAT

Zuhause in der Ferne

Ein Hauch von Bullerbü: Wie eine Wettenbergerin an der schwedischen Westküste lebt

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"Heimat ist da, wo du dich wohl fühlst, wo du zufrieden bist", sagt Dagmar Lieder. Die ehemalige freie Mitarbeiterin dieser Zeitung ist viel herumgekommen. So waren auch die 18 Jahre in Wettenberg nur eine von etlichen Stationen - bevor sie 2005 Deutschland Tschüss sagte und an die schwedische Westküste zog. Um dort zu bleiben. Am Meer.

Der Tag ihrer Ankunft in Göteborg ist vielen Schweden in Erinnerung. Allerdings in keiner guten. Das wiederum hat nichts mit Dagmar Lieder zu tun. Sondern mit "Gudrun", jenem Orkan, der am 9. Januar 2005 über weite Teile des Landes zieht, 75 Millionen Kubikmeter Forst zerstört und 700 000 Haushalten teilweise für Wochen von der Stromversorgung abschneidet.

Nichtsdestotrotz, der Fährverkehr zu den nördlichen Schären vor Schwedens zweitgrößter Stadt ist noch nicht eingestellt, und der Umzugslaster schaukelt nach 1200 Autobahn-Kilometern auf die Insel Öckerö. Drei Fähren sorgen Tag und Nacht dafür, dass die 10 000 Einwohner der zehn Inseln aufs Festland und wieder nach Hause kommen. Gratis.

Schwedisch an der Volkshochschule

Was aber treibt eine Landratte ausgerechnet nach Schweden und an die Küste? "Das ist eine lange Geschichte", sagt die 60-Jährige. Geboren in Indien, aufgewachsen in Ägypten und später zwischen Ludwigshafen, Heidelberg, Tauberbischofsheim, dem Gießener Land und Limburg verortet, kommt sie in den 70er Jahren zum ersten Mal nach Schweden - mit den Eltern, im Urlaub. "Es klingt etwas kitschig, aber da saß ich am See auf dem Steg und dachte: Wenn ich mal groß bin, ziehe ich hierher."

18 Jahre hat Dagmar Lieder in Wettenberg gewohnt.

Viele Sommer in Värmland folgten. Später mit der eigenen Familie und zwei Mädchen. Und mit den ersten Sätzen auf Schwedisch, die ihr die Krofdorfer Heide und Otto Raab in der Volkshochschule beigebracht hatten.

Nun reichen ein paar Jahre Vhs-Kurs nicht aus, um im Land neu durchzustarten. "Aber sie helfen sehr, um beim Tempo im Sprachunterricht mitzuhalten", sagt Lieder. Nach einem halben Jahr hat sie so viel gelernt, dass es einem Abi-Abschluss im Fach "Schwedisch" entspricht. Das braucht man auf dem Arbeitsmarkt. Den erlebt die Journalistin als sehr offen. "Was willst du machen? Worauf hast du Lust?" - Diese Frage einer Arbeitsamts-Mitarbeiterin klingt ganz anders als das, was sie aus Deutschland gewohnt ist. Unversehens ist sie via E-Mail mit einem Link versehen, um sich zu einem kostenlosen Existenzgründungs-Workshop des Finanzamts anzumelden.

Doch bevor Lieders Firma "Manuscriptum" mit Journalismus einerseits und dem zweiten Standbein "Deutschkurse" läuft, vergeht einige Zeit. Nebenher arbeitet sie unter anderem als Statistin. "Wer seine Kinder beim Wettenberger Amateurtheater Sammelsurium hatte, der weiß, dass Warten-Können bei Jobs auf der Bühne oder vor der Kamera mit das gefragteste Talent sein kann", sagt sie und grinst.

In "GSI - Spezialeinheit Göteborg" mimt Lieder mal eine Fotografin in einer Pressekonferenz, mal eine Spaziergängerin auf einem Friedhof. Peinlich ist es ihr noch immer ein bisschen, dass sie damals den jungen Mann in der schwarzen Lederjacke nicht erkennt, der da an ein Auto gelehnt gerade noch mal geschminkt wird: Joel Kinnaman, der später die Hauptrolle in "Robocop" spielen soll.

Als die Sprache richtig sitzt, folgen immer mehr Aufträge deutscher Medien, ob nun eine Geschichte über den "Findus-und-Pettersson"-Erfinder Sven Nordqvist oder Astrid Lindgrens Illustratorin Ilon Wikland.

Zimtschnecken am Meer

Mittlerweile ist Lieders zweites Standbein zum ersten geworden: Nämlich den Schweden Deutsch beizubringen. Zum Beispiel auch an der Medborgarskolan, die mit der deutschen Volkshochschule vergleichbar ist. Manche Kursteilnehmer trifft sie seit über zehn Jahren in den Abendkursen in Göteborg und bekommt dabei das Gefühl, mit Freunden im Wohnzimmer zu sitzen. Neben trockener Grammatik gibt es ein bisschen Landeskunde. So schmunzeln die Kursteilnehmer, wenn sie hören, dass es in Wißmar eine Straße gibt, die "Katzensprung" heißt.

"Es macht Spaß, Menschen neugierig auf eine Sprache zu machen", sagt sie. Das gelingt ihr offensichtlich auch bei Twitter: Mit der Serie "Erweitere deinen schwedischen Wortschatz" und dem deutschen Pendant dazu. Unter dem Hashtag dagsvde kann man so beispielsweise erfahren, dass "Vokuhila", der Frisurentrend der 80er, im Schwedischen hockeyfrilla genannt wird oder dass ein Käsehobel ein osthyvel ist.

"Ich mag nicht so gern dieses Friede-Freude-Eierkuchen-Bullerbü-Klischee bedienen", sagt Lieder. Und doch versprüht ihr Sommerdomizil genau das, was man sich darunter vorstellt. Sie liebt das kleine Haus, das sie mit ihrem Mann von Mai bis Oktober bewohnt, sagt sie. Ihr Herz aber hängt eher am Meer.

Vermisst die Auswanderin denn so gar nichts aus Deutschland? "Doch", sagt Lieder und lacht, "Mohnbackmischung zum Beispiel. Und Sülze". Aber im Ernst: "Heimat ist da, wo du dich wohl fühlst, wo du zufrieden bist"; sagt sie. Nur bei ihren Freunden in Wißmar oder in der Heidelberger Gegend mal kurz vorbeischauen zu können, das fehlt ihr schon.

Zum Glück sind ihre Freunde dermaßen mit dem Schweden-Virus kontaminiert, dass sie hin und wieder mal an der Westküste vorbeikommen und Dagmar Lieder besuchen, um vor dem roten Sommerhäuschen mit den weißen Ecken in der Sonne zu sitzen und Zimtschnecken zu essen. Nicht weit entfernt vom Meer.

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