Erika Weimer Autorin
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Erika Weimer Autorin

Geschichten von Ende und Neuanfang

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Wettenberg(so). Was ist Heimat? Und was bedeutet es, wenn die Heimat so sehr aus den Fugen gerät, dass man sie aufgibt und sich eine neue sucht? Hinter Flucht und Vertreibung stehen nicht selten Armut und Todesangst - und die Sehnsucht nach Frieden und Freiheit.

Erika Weimer aus Wißmar ist diesen Fragen nachgegangen - im Dialog mit Menschen unterschiedlichster Herkunft von Afghanistan bis Ungarn, von Frankreich bis Indien. 19 Biografien von Menschen mit Migrationshintergrund hat sie auf knapp 200 Seiten zusammengestellt.

"Sie wohnen mitten unter uns. Sie haben Schlimmes erlebt und versuchen nun, sich in ihrer neuen Wahlheimat zurechtzufinden", sagt Weimer. Ihnen allen hat sie die gleichen Fragen gestellt: Wie war ihr Leben, bevor sie nach Deutschland kamen? Was war der Grund für Auswanderung, Flucht oder Vertreibung? Und nicht zuletzt: Wie ist es, in Deutschland unter deutschen Menschen zu leben?

Was sich wie ein roter Faden durch alle Beiträge zieht, das ist zum einen die Schilderung eines Endes und eines Neuanfangs. Und da ist zum anderen das Bekenntnis zu Deutschland als neue Wahlheimat: "Das demokratische Deutschland zeigt uns, dass man hier bei Rechtschaffenheit in Frieden und Freiheit gut leben kann", fasst dies die Autorin zusammen. Fast alle nennen es ein großes Glück, hier keiner Verfolgung durch den Staat ausgesetzt zu sein.

Weimer selbst hat einen ganz anderen Bezug zu Heimat: Sie ist 1935 in Wißmar geboren, hat dort als Kind den Zweiten Weltkrieg erlebt und ist ihr Leben lang in diesem, ihrem Dorf geblieben, in dem sie jeden Winkel kennt. "Meine Kindheit und Jugend sind von dem Ort geprägt. Die Menschen, die mit mir gegangen sind, gehören dazu", sagt sie. Umso neugieriger machte sie dies hinsichtlich der Frage, wie Menschen mit Brüchen in ihren Biografien hier zurechtkommen.

"Bewegende Geschichten sind so entstanden, die von Angst, Verfolgung, Hunger und Unterdrückung sowie von fremdgesteuertem Leben und von Todesangst berichten", sagt Weimer. Diese Menschen mit diesem Ballast hofften auf einen Neuanfang. Auf Menschen, die sie akzeptieren so wie sie sind - und auf eine neue Heimat.

Ganz eng beim Begriff der Heimat liegt das Heimweh. Fast alle Gesprächspartner haben Weimer gegenüber den Wunsch geäußert, ihr Herkunftsland möge die gleichen Lebensbedingungen wie in Deutschland schaffen, sodass sie wieder heimkehren könnten zu ihren Wurzeln. Doch die Wißmarer Autorin hat auch erfahren: Einigen allerdings würde auch das nicht helfen. Denn bei ihnen sind die Verletzungen so groß, das sie sich wünschen, für immer in Deutschland bleiben zu dürfen. FOTO: SO

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